Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften: In der neuen Bildungsstudie Pisa schneiden Schülerinnen und Schüler in Deutschland so schlecht ab wie nie zuvor. Die getesteten 15-Jährigen hätten „die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen erzielt“, berichtete Studienleiter Samuel Greiff. Jedem dritten Jugendlichen fehle grundlegende Kompetenz in Lesen und Mathematik, jedem vierten in Naturwissenschaften. Gut jeder Fünfte habe in keinem der drei Felder „ausreichende Basiskompetenzen“, warnte Greiff.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) nannte den Befund bei der Vorstellung in Berlin besorgniserregend. Die bayerische Kultusministerin und Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz, sagte: „Ein desaströses, aber nicht überraschendes Ergebnis.“ Beide betonten, dass nach Weckrufen durch andere Bildungsstudien schon gegengesteuert werde, unter anderem mit dem Start-Chancen-Programm für Schulen und dem geplanten Kita-Gesetz. Ziele sind Sprachtests im Kindergarten, besserer Grundschulunterricht und mehr Ressourcen für Schulen in armen Vierteln. „Wir fangen nicht bei Null an“, sagte Stolz. Aber es brauche „einen langen Atem“.
Bei der internationalen Pisa-Vergleichsstudie unter dem Dach der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) werden seit dem Jahr 2000 etwa alle drei Jahre 15-Jährige in Dutzenden Ländern getestet. 2025 nahmen rund 6.700 Schülerinnen und Schüler in 250 Schulen in Deutschland teil, weltweit waren es mehr als 760.000. Die erste Pisa-Studie im Jahr 2000 hatte für Deutschland so schlechte Ergebnisse gezeigt, dass intensive Bildungsreformen begannen - der sogenannte Pisa-Schock. Nach einem Zwischenhoch in den Nullerjahren liegen die Werte jetzt noch niedriger.
Insgesamt erreichten die in Deutschland getesteten Schüler 2025 in Naturwissenschaften im Durchschnitt 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. 2022 waren es 492 in Naturwissenschaften, 480 im Lesen und 475 in Mathematik. „Erneut haben sich die Pisa-Ergebnisse in Deutschland verschlechtert“, sagte Co-Autor Francesco Avvisati. „Immer mehr junge Leute liegen mit 15 noch unter Grundkompetenzniveau. Sie verlieren die Neugier und zunehmend auch den Glauben daran, dass sich Bildung lohnt.“
Wie in vielen anderen Ländern stehe Bildung im Gegenwind, sagte Avvisati. „Besonders deutlich zeigt sich der Ansatz beim Lesen. Junge Leute lassen sich leichter in die Irre führen, weil sie zu hastig lesen.“ Sie investierten zu wenig Zeit, sie „überfliegen statt zu verstehen, und die Antwort ist schnell, aber falsch“.
Selbst mit den gesunkenen Punktzahlen liegt Deutschland etwa beim Durchschnitt aller teilnehmenden OECD-Staaten. Auch in anderen OECD-Staaten zeige sich ein Negativtrend, allerdings falle der in Deutschland besonders deutlich aus, erklären die Studienmacher.
In 14 OECD-Staaten waren die Ergebnisse in der Studie klar besser als in Deutschland, darunter in Estland, Kanada, der Schweiz und Österreich. Länder wie die Niederlande oder Frankreich lagen mit Deutschland etwa gleich auf. „Wir sind zwar nicht dramatisch abgehängt“, sagte Greiff der Deutschen Presse-Agentur. „Aber wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht. Wir spielen nicht mit unter den Top-Staaten.“
Pisa 2025 bestätigt die Erkenntnis, dass in Deutschland der schulische Erfolg stärker als in anderen Ländern vom Elternhaus abhängt. Seit 2015 nimmt diese Kluft sogar wieder zu. „Der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und dem Bildungserfolg ist in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada“, sagte Greiff. „In Deutschland sind nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern leistungsstark. Unter sozial Privilegierten sind es 25 von 100.“
Als Gründe für den Abwärtstrend beim Bildungserfolg nennt Greiff mehrere Faktoren. „Nach Pisa 2000 haben wir uns deutlich verbessert, das hat unglaubliche Reformkräfte freigesetzt“, sagte der Psychologe und Bildungsforscher der dpa. „Aber seit 10 Jahren beobachten wir einen Knick. Es war offenbar der Eindruck, dass wir jetzt ganz gut dastehen und dass die große Aufholjagd geschafft ist. Und dann wurde das Thema Bildung nicht mehr ganz so wichtig genommen.“
Zugleich sei die Schülerschaft in den vergangenen Jahren unterschiedlicher geworden, fügte Greiff hinzu. Grund sei nicht nur Zuwanderung. Es gebe stärkere soziale Unterschiede und immer mehr psychosoziale Problemlagen. „Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien“, sagte der Experte. Viele Staaten schafften es besser als Deutschland, im Bildungswesen „unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln“.
Prien verwies auf Faktoren wie veränderte Erziehungsstile, Digitalisierung und künstliche Intelligenz. „Wir haben Bildschirmzeiten und Social-Media-Nutzung, die eine große Rolle spielen“, sagte die CDU-Politikerin. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, meinte: „Aktuelle Studien zeigen, dass ein früher und problematischer Social-Media-Konsum die schulische Leistung messbar beeinträchtigt.“ Man müsse Kinder unter anderem vor einer Nutzung in schädlichem Ausmaß schützen, forderte der CDU-Politiker.
Insgesamt löste auch diese Pisa-Studie vielfältige Reaktionen aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte ein „radikales Umsteuern“ und zog das Fazit: „Ein Vierteljahrhundert Pisa-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht.“ Der Deutsche Philologenverband meinte hingegen, es müsse Schluss sein mit stereotyper Kritik am deutschen Schulsystem und den Lehrkräften. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger stellte fest: „Pisa hat dem Land der Dichter und Denker schon wieder einen blauen Brief geschickt. Diesmal muss die Politik Konsequenzen ziehen.“
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