Des Fußballs neue Sprache: „Aura“, „eklig“, „überragend“ | FLZ.de

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 25.06.2026 07:02

Des Fußballs neue Sprache: „Aura“, „eklig“, „überragend“

Viele Fans wären sicherlich froh, wenn Deutschland das nächste Spiel „ziehen“ würde. (Illustration) (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
Viele Fans wären sicherlich froh, wenn Deutschland das nächste Spiel „ziehen“ würde. (Illustration) (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
Viele Fans wären sicherlich froh, wenn Deutschland das nächste Spiel „ziehen“ würde. (Illustration) (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Moderator Micky Beisenherz wurde kürzlich richtig fuchsig. Er hatte das Fußballspiel Wolfsburg gegen Paderborn geschaut - und der Experte Lars Stindl habe dort mehrfach gesagt: „Die haben das Spiel gezogen“. „Da bin ich innerlich wirklich gestorben. Ich kann es nicht mehr hören!“, wetterte Beisenherz, Fußballkenner aus Castrop-Rauxel, im Podcast „Fußball MML“. „Ich werde wahnsinnig!“

Wer - wie viele Menschen gerade zur WM - nur alle paar Jahre in den Kaninchenbau fachkundiger Fußball-Dialoge stolpert, wird sich tatsächlich wundern, welche Vokabeln in den vergangenen Jahren Karriere gemacht zu haben scheinen. „Ein Spiel ziehen“ gehört ganz sicher dazu - aber auch andere. Ein kleines Glossar.

„Ein Spiel ziehen“

Früher wollte man als Fußballer ein Spiel noch schlicht „gewinnen“ - heute wird es „gezogen“. Der Begriff hat eine wahrlich steile Karriere hinter sich. Werden in einem Spiel Großchancen versiebt, sagt der moderne Fußballer danach nun mit ernster Miene: „Wenn du so ein Spiel ziehen willst, dann musst du eine davon rein machen.“

Zunächst denkt man bei dem Wort natürlich an Tauziehen, immerhin ja auch mal olympisch. Der Begriff suggeriert, dass man womöglich einfach nur fest genug anpacken muss, um etwas schwer Fassbares - den Sieg, den Erfolg, das berühmte Momentum - auf die richtige Seite zu wuchten. Das nimmt dem Ganzen etwas Unberechenbarkeit. Und Unberechenbarkeit ist etwas, vor dem nicht nur Fußballspieler heutzutage Angst haben.

„Die Gruppe“

Vor ein paar Jahren mühte sich der DFB daran ab, den Titel „Die Mannschaft“ als Beinamen für das Männer-Nationalteam zu etablieren. Würde man das heute noch so machen? Der Begriff schleppt durchaus einigen Überbau mit sich herum. Man kennt ihn auch aus der Seefahrt („die Mannschaft auf dem Deck antreten lassen“) und dem Militär („der Gefreite wurde vor versammelter Mannschaft getadelt“), wie der Duden auflistet. Beides Bereiche, in denen auch die Begriffe „Hierarchie“ und „Pflichterfüllung“ schon in Hörweite sind.

Im modernen Fußball ist dagegen heute häufig die Rede von „der Gruppe“. Bundestrainer Julian Nagelsmann sagte etwa mal über den Stürmer Niclas Füllkrug: „Er ist immer wichtig für die Gruppe, er hat immer eine gute Stimmung.“ Zur WM nahm er ihn trotzdem nicht mit.

Der Begriff klingt deutlich offener als „Mannschaft“, auch ein bisschen nach Soziologie-Seminar, Human-Resources-Abteilung und Achtsamkeitsworkshop. Das Wort signalisiert: Hier geht es nicht um Befehlsempfänger, sondern um Individuen, deren Befindlichkeiten man auch mal moderieren muss. So wie abseits des Fußballplatzes - zum Beispiel im Büro oder in der Kita-Elternschaft.

„Eklig“

Im Fußball gibt es Mannschaften, die nicht unbedingt durch spielerische Finesse auffallen. Sie müssen sich dann anderer Mittel bedienen. Frei nach dem Motto des früheren Nationalspielers Rolf Rüssmann: „Wenn wir hier schon nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.“ 

Früher galten Teams, die sich auf diese Art daran versuchten, einem überlegenen Gegner jegliche Spielfreude zu rauben, als „unangenehm“, „kampfstark“ oder - einst auch so ein Trendwort - „kompakt“. Heute sind sie „eklig“ - und das gilt als Ritterschlag. „Heidenheim ist immer eklig zu bespielen“ ist so ein Satz, der im heutigen Fußball-Sprech vollkommen organisch klingt. Dabei beschreibt das Wort ursprünglich eigentlich so etwas wie verdorbene Milch oder Haare im Abfluss.

„Eklig“ sind Mannschaften, die sich schlau und effizient mit allen Mitteln wehren. Der Begriff verklärt das Unangenehme zur Tugend. Hauptsache, man ist resilient. Und das will heute schließlich jeder sein. 

„Lösungen“

Die beiden Fußballtrainer Thomas Tuchel und Pep Guardiola gelten als Fußballstrategen - sogenannte Taktikfüchse, wie man ganz früher gesagt hätte. Legendär ist die Anekdote, wie die beiden in einem Nobelrestaurant zusammensaßen und vor lauter Taktikfuchstum anfingen, Salz- und Pfefferstreuer zu verschieben, um Spielsysteme zu sezieren.

Heute würde man ganz sicher sagen, dass Tuchel und Guardiola damals zwischen Salz und Pfeffer nach „Lösungen“ suchten. Das Wort hat im modernen Fußball-Jargon frühere Phrasen wie „den Abwehrriegel knacken“ weitgehend verdrängt. Spieler „suchen“ nun „spielerische Lösungen“, Trainer geben ihnen „Lösungen an die Hand“.

Der Begriff ist ein sehr breit verwendbares Wort, auch im Englischen („solutions“). Es schwingt ein wenig Silicon Valley mit, aber auch Logik, Mathematik und Ingenieurswissenschaften. Für jede Aufgabenstellung gibt es eine rationale, logische und vor allem reproduzierbare Antwort - eine „Lösung“. Man braucht womöglich nur genug Versuche und geeignete Rechenmodelle. Hat hier gerade jemand KI gesagt?

„Überragend“

Wer Interviews nach dem Abpfiff lauscht, kann leicht ins Grübeln kommen. Mitunter werden dort sechs Spieler, drei Taktikkniffe und beide Fankurven als „überragend“ deklariert. Was sich ja logisch ausschließt. Wie überragt man fünf andere Überragende? Laufen da nur Riesen herum?

Das Adjektiv „überragend“ hat im Fußball-Sprech das herkömmliche „gut“ in weiten Teilen abgelöst. Ein Adjektiv, das einst exklusiv für historische Ausnahmeleistungen reserviert war, adelt heute auch schon mal ein solides 1:1 im Liga-Alltag irgendwo zwischen Augsburg und Mainz.

In seiner Absolutheit passt „überragend“ natürlich gut in eine Zeit, in der Urteile mal schnell ins Extreme kippen - und alles irgendwie immer gigantischer werden muss. Siehe: XXL-WM mit 48 Mannschaften in drei Ländern.

„Aura“

Kaum ein Thema scheint das fußballbewegte Deutschland vor der WM so sehr um den Schlaf gebracht zu haben, wie die mögliche Nominierung von Torhüter Manuel Neuer. Der ist zwar mittlerweile 40 Jahre alt, verfügt aber - so seine Fürsprecher - noch immer über eine besondere „Aura“. 

Gemeint ist damit, dass ein Superstürmer wie der Franzose Kylian Mbappé lieber zweimal überlegt, wo er hin schießt, wenn er auf Neuer zuläuft. Während er bei einem Torhüter ohne dessen „Aura“ einfach humorlos einnetzt. Empirisch belegt ist das nicht.

„Aura“ wurde 2024 nicht umsonst zum „Jugendwort des Jahres“ gewählt. Der zuständige Langenscheidt-Verlag gab an, dass es vor allem im Sport verbreitet sei. Das Wort widersetzt sich jeder Ver-BWL-isierung des Lebens und lässt Platz für letzte Geheimnisse. Es ist quasi das Gegengift zur „Lösung“.

© dpa-infocom, dpa:260625-930-279190/1


Von dpa
north