Er ist nur selten ohne sein Markenzeichen anzutreffen, das seit seiner Jugend zu seiner Garderobe gehört: Der Emskirchener Wolfgang Alt liebt Fliegen in allen Farben, Materialien und Mustern. Seine Favoriten sind Modelle zum Binden, nicht die fertigen von der Stange. „Diese sind zu symmetrisch, haben nichts Unvollkommenes.“
Das Problem: Seine Favoriten sind nur schwer zu ergattern. Doch Wolfgang Alt wäre nicht Wolfgang Alt, wenn er keine Lösung für dieses Problem hätte – Flohmärkte sind eine wahre Fundgrube, stellte er fest. Dort erstand er schon das eine oder andere besondere Exemplar. Im Internet stieß er ebenfalls auf einige Modelle, die sich sehen lassen können.
Auch während der Urlaube hält er stets Ausschau. Allerdings wird er selbst in Metropolen wie Paris nicht immer fündig. Umso größer war deshalb die Freude, als er bei einem Herrenausstatter in Turin ein besonders hübsches Modell im Schaufenster erspähte.
Als er, Fliege tragend, den Laden betrat und die ins Auge gefasste Fliege auch noch selbst in Perfektion um seinen Hals in Form brachte, „war der Verkäufer aus dem Häuschen“, so Alt. Den Wunsch, seinen schicken Kunden fotografieren zu dürfen, erfüllte der 72-Jährige nur allzu gerne. So schnell wird man Model in Italien, sagt der sympathische Mitarbeiter der Gemeinde Emskirchen und lacht.
Dort wirkt er, obwohl er schon einige Jahre im Ruhestand ist, im Bauamt. Er unterstützt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwa bei der Ablage und der Suche nach Akten. „Ich halte ihnen den Rücken für andere Aufgaben frei und kann sie so entlasten“, sagt der 72-jährige, grauhaarige Herr, der seit rund 16 Jahren mit seiner Frau in Emskirchen lebt. Nachdem er anfangs noch ganztags für die Kommune aktiv war, ist er inzwischen „nur“ noch von 8 bis 13 Uhr im Rathaus anzutreffen – natürlich immer mit Fliege und oft mit dazu passendem Einstecktuch in der Westentasche. Zu einigen Modellen gibt es sogar noch eigens abgestimmte Hosenträger.
„Fliege zu tragen, gefällt mir. Es sieht elegant und korrekt aus, kann aber auch lässig sein“, erklärt Alt, der nach der Schule Agrarwissenschaften studierte. „Während der Unizeit habe ich nur selten Fliege getragen“, merkt er an. Im Rathaus kennt man den stets positiv gestimmten Kollegen nicht ohne das chice Accessoire. Im Gespräch mit unserer Zeitung trägt er ein farbenfrohes Modell im Paisley-Muster. „Dieses Design liebe ich“, unterstreicht er und zeigt auf Nachfrage rasch, wie man das gute Stück korrekt bindet. Einen Spiegel braucht er dafür längst nicht mehr. Unter den rund 80 Fliegen in seinem Fundus finden sich auch Modelle mit Osterhasen, krawattentragenden Teddybären, mit Schottenkaro und Streifen. Einfarbige Modelle sind dagegen nicht so sein Ding.
Das wissen seine Kollegen und haben ihm zum Geburtstag bereits entsprechend bedacht. Eine Kollegin, die gern näht, hat ihm sogar eine Fliege geschneidert. Einige ließ er sich auch von einem Schneider aus Seidentüchern fertigen, die er von seinem Vater erbte. „Die sind ganz toll“, schwärmt er.
Für welches Exemplar er sich entscheidet, hängt von der Jahreszeit und Stimmung ab. „Wenn ich nicht so gut drauf bin, dann wähle ich eher dunkle Farben. Im Sommer trage ich gerne etwas Fröhliches.“
Wann entdeckte der inzwischen 72-Jährige seine Liebe zu dem nur noch von wenigen Männern getragenen Accessoire? „Das war in der achten Klasse, als ich im Schulchor sang.“ Damals sollten die Jungen zum Anzug und weißen Hemd eine Krawatte tragen. Wolfgang Alt stieß bei der Suche nach einer solchen im Schrank seines Vaters auf ungebundene Fliegen seines Opas. Einmal getragen, war die Liebe zu ihnen entbrannt. „Ich habe danach auch in der Schule oft Fliegen getragen. Man kannte mich nur so“, erzählt er schmunzelnd. Mit ihnen fühlt er sich wohl und stets korrekt gekleidet – nicht nur im Beruf, sondern auch in der Freizeit. Selbst bei einer Baumpflanzaktion der Gemeinde spitzte sie unter der Outdoorjacke hervor.
Auch wenn der Bestand schon üppig ist, die Suche nach ausgefallenen Modellen geht weiter. Sein Umfeld hat es leicht, wenn sie ein Geschenk für ihn suchen: Eine Fliege geht immer – aber bitte zum Binden.