Ein Konzert von Iain Matthews bewegt sich stets zwischen Vergangenheit und Gegenwart des Folkrock. Der Haudegen des Genres kam in die Kammerspiele. Auf die Frage, zum wievielten Male, konnten sich weder Veranstalter noch Künstler festlegen. Klar hingegen war die musikalische Aussage.
Aus dem Folkrocker und Gründungsmitglied von Fairport Convention, der es nirgends lange aushielt, ist eher ein Singer-Songwriter geworden, der sich gerne auf Einflüsse aus Rhythm and Blues, Blues und einmal sogar auf Rock ’n’ Roll bezieht. Schon die Themen und Texte zeigen, wie anders er denkt und arbeitet. Er legt ein unaufgeregtes Grundtempo vor, mit einer ernüchterten Attitüde, geknickt, aber nicht gebrochen, verhangen, aber nicht düster. Während der Pandemie schrieb er Texte und ließ sie von BJ Baartmans vertonen. Den hat er auch gleich auf diese kleine Tour mit dem Titel „How Much Is Enough“ mitgenommen.
Das vereinfacht nicht nur manches, Baartmans ist ein hervorragender Gitarrist, dem man mit dem Etikett Sidekick nicht gerecht wird. Er sorgt für den eigentlichen Sound, die Solos, für alles, was die Pattern, die Matthews auf seiner sechssaitigen Stahlseiten-Gitarre verwendet, auf ein anderes Level heben und so den Abend prägen. Baartmans hat zwei halbakustische und eine E-Gitarre dabei. Licks und Riffs gelingen damit viel geschmeidiger, abgesehen von Klangeffekten, die an ein Fender Rhodes erinnern mit schwebenden, metallischen, fast übernatürlichen Sounds. Besonders deutlich etwa bei „Radio“, wo die Gitarrenlinien unter Matthews’ Gesang nebelhaft waberten.
Seine Stimme ist rau und füllt den verwendeten Tonraum gut aus, obgleich er immer wieder angestrengt wirkte, zumindest seinen Gesichtszügen nach zu urteilen.
Matthews’ Songwriting bleibt britisch, ist aber von amerikanischer Songtradition geprägt, die er in seinen Jahrzehnten an der Westküste angenommen hat. Doch der Tonfall dieses Abends war dunkler als in vielen seiner frühen Aufnahmen. Die Figuren in den Liedern wirken oft wie Reisende, die nicht mehr genau wissen, wohin sie unterwegs sind.
Zu Beginn der zweiten Hälfte drohte das Konzert an Kontur zu verlieren. „Missing“, „Meaning“ und „This Is It“ waren einfach zu gleichförmig und wirkten eher wie eine Art „stream of guitarness“, ähnlich dem ungerichteten Bewusstseinsstrom, wie man ihn aus der Literatur kennt.
Später gewann das Programm wieder an Profil und in den Zugaben zeigte sich noch eine andere Stilistik: „Funk and Fire“ etwa erinnerte mit der clean gespielten E‑Gitarre, melodischen Soli und laid-back-Rhythmus an frühe Dire Straits.
Der Abend blieb ein eher stilles, aber charaktervolles Konzert. Aus dem Folk-Veteranen ist ein Erzähler geworden, der mit Baartmans einen bühnenstarken, unverzichtbaren Kompagnon hat.