Nur alle zehn Jahre findet auf einer 274 Hektar umfassenden landwirtschaftlichen Hochfläche im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim zwischen den Dörfern Herbolzheim, Humprechtsau, Krautostheim und Rüdisbronn ein Ereignis statt, das seit 2016 sogar in das Deutsche Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde – die Osingverlosung. In einem Jahr, am 20. September 2024, ist es wieder soweit.
Diese Hochfläche trägt den Namen (Freimarkung) Osing und entstand wahrscheinlich im hochmittelalterlichen Landausbau als gemeinschaftliches Rodungsunternehmen. Zudem gilt sie als die letzte große landwirtschaftliche Markgenossenschaft in Deutschland. Heutzutage werden die Flächen des Osings unter den Rechtlern der vier Osinggemeinden alle zehn Jahre neu verlost, wobei die Lose jeweils von den Schulkindern der teilnehmenden Ortschaften gezogen werden dürfen.
Der Brauch der Verlosung geht auf eine Sage um die Kaiserin Kunigunde, die Ehefrau von Kaiser Heinrich II, zurück. Diese habe sich einst in den Wäldern um Herbolzheim, Humprechtsau, Krautostheim und Rüdisbronn verirrt und letztendlich nur mithilfe des Glockenläutens der vier Dörfer den Weg wieder herausgefunden. Aus Dank soll sie den Ortschaften die Gebiete des Osings geschenkt haben – mit der Bedingung die Flächen alle zehn Jahre per Los neu zu verteilen.
Da die Verlosung nur dann stattfindet, wenn die Jahreszahl mit einer „4“ endet, steht ab dem 20. September 2024 die nächste große Verlosung an.
Im Zuge dessen hatte Jannick Schwemmer die Idee, auf dem Osing Braugerste anzubauen, um daraus im kommenden Jahr ein Festbier anlässlich der anstehenden Verlosung zu brauen. Der gelernte Brauer und Mälzer durfte 2004 selbst als Kind an der Verlosung teilnehmen und war auch 2014 als Helfer aktiv dabei. Noch immer ist er begeistert vom Zusammenhalt und dem Miteinander, welches rund um dieses besondere Ereignis zwischen den vier Dörfern herrscht.
Mit seinem Vorhaben trat der Brauer an die Landwirte heran. Diese äußerten zwar anfängliche Bedenken bezüglich der hohen zu erfüllenden Qualitätsparameter für Braugerste, waren jedoch trotzdem großzügig bereit, Felder auf dem Osing für den Anbau zur Verfügung zu stellen. So konnten mit Thomas Kretschmer aus Humprechtsau, Günther Guckenberger aus Rüdisbronn sowie dem Bauernverband Kreisobmann Jürgen Dierauff aus Herbolzheim drei Personen für das Vorhaben gewonnen werden, die nicht nur aktiv auf dem Osing Landwirtschaft betreiben, sondern auch als Rechtler ihrer jeweiligen Ortschaften für die Teilnahme der traditionellen Verlosung berechtigt sind.
Auch bei der Beschaffung von geeignetem Saatgut musste man die Landkreisgrenze nicht verlassen, da sich mit der Firma Saatzucht Streng aus Aspachhof bei Uffenheim ein Braugerstenexperte in unmittelbarer Nähe befindet. Man entschied sich schließlich für die Sorte Solist, eine zweizeilige Sommergerste, die seit 2014 eine Verarbeitungsempfehlung des sogenannten Berliner Programms besitzt und somit als absolute Qualitätsbraugerste für die Weiterverarbeitung zu Braumalz eingestuft wird.
Die Aussaat erfolgte Anfang März an mehreren Standorten über das gesamte Osing-Gebiet verteilt. Mitte Juli konnte dann gedroschen werden, wobei wichtige Parameter wie Rohprotein und Wassergehalt im Mittel innerhalb der Spezifikationsgrenzen lagen. Dadurch konnte die Grundvoraussetzung für die Weiterverarbeitung der Gerste erzielt werden.
Aktuell wird die geerntete Gerste in Silos gelagert und im kommenden Frühjahr zu Braumalz weiterverarbeitet. Die Brauerei Hofmann aus Pahres konnte als kompetenter Partner für das Projekt gewonnen werden, um schließlich das Festbier für die Osingverlosung zu brauen. Die Vorfreude aller Beteiligten auf das bevorstehende Fest und das damit verbundene Bier ist jetzt schon groß.
Brauereichef Georg Hofmann sieht in diesem Projekt nicht nur eine einmalige Gelegenheit, sondern auch Perspektiven, zukünftig Teile des Malzbedarfs seiner Brauerei durch regional angebaute Braugerste aus dem Landkreis zu decken. Getreu dem Motto: „Regional hat Potenzial!“