Der Uehlfelder Oswald Kerschbaum ist zwar Rentner, betreibt sein Hobby aber trotzdem als Halbtagsjob: Er interessiert sich brennend für die Geschichte seiner Heimatgemeinde. 20 bis 30 Stunden investiert er wöchentlich in die Recherche. Sein jüngstes Thema war die Uehlfelder Synagoge – eng verknüpft mit der Hochzeit und dem Untergang der jüdischen Kultusgemeinde.
Nein, publizieren wird Oswald Kerschbaum die Ergebnisse seiner jüngsten Nachforschungen nicht. Trotzdem fertigt er für sich (und die Nachwelt) stets kleine Skripte an, welche die Erkenntnisse zusammenfassen. Fünf Seiten sind das im Fall der Synagoge, versehen mit Skizzen und Fotos. Kerschbaum hat einen Internetzugang zu Archiven und Datenbanken und fährt ab und an auch für Recherchen durch die Gegend. Sein Hobby eben, mit Halbtagsjob-Charakter.
„Die israelitische Tempelhalle zu Uehlfeld, ein Prototyp einer Reformsynagoge“: So lautet der Titel der kleinen Abhandlung. Sein neuestes Werk zeigt vor allem die bewegte jüdische Geschichte in Uehlfeld. Der erste Beleg jüdischen Lebens stammt aus dem Jahr 1607, Kerschbaum aber geht davon aus, dass schon im späten 16. Jahrhundert Juden im Ort lebten. Der Dreißigjährige Krieg markierte dann den ersten großen Einschnitt, als Wallensteins Truppen Uehlfeld verwüsteten. „Es könnten damals sechs jüdische Haushalte mit 39 Personen ansässig gewesen sein, die wohl dadurch vertrieben wurden.“
Die erste Synagoge wurde bereits 1696 gebaut, Salomon Aaron zeichnete dafür verantwortlich. Als 1818 das zweite Bethaus folgte, wurde das erste Gebäude in ein jüdisches Schulhaus umgebaut. Als erster Rabbiner ist Tobias Levi im Jahr 1707 urkundlich erwähnt, erklärt Kerschbaum. „Die jüdischen und christlichen Einwohner fanden in Uehlfeld schnell zueinander.“ In manchen Häusern gab es sogar je zur Hälfte einen christlichen und einen jüdischen Eigentümer.
Im Jahr 1834 erreichte die Gemeinde mit knapp 350 jüdischen Personen ihren höchsten Mitgliederstand, betont der Hobby-Historiker, „und machte damit fast 50 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.“ Der berühmteste Jude Uehlfelds war dabei zweifelsohne der bekannte Rabbiner und Schriftsteller Samson Wolf Rosenfeld.
Während seiner Amtszeit betrieb die Uehlfelder Gemeinde über Jahre hinweg die Planung zur Errichtung einer neuen Synagoge. Der sorgfältig gezeichnete und kolorierte Plan findet sich bis heute im Staatsarchiv in Nürnberg, sagt Oswald Kerschbaum, der in seinen Ausführungen auch die Bauweise der jeweiligen Synagogen detailgetreu beschreibt. „Im Rahmen ihrer Erläuterungen hoben die Gemeindevorstände auch die ästethischen Qualitäten des Gebäudes hervor“, betont der Uehlfelder, „die sie als Bereicherung für den ganzen Ort empfanden.“ Schön und geschmackvoll solle die neue Reformsynagoge werden, „damit sie eine Zierde des großen und schönen Orts Uehlfeld werde“. Im Februar 1815 wurde die Baugenehmigung erteilt.
Als das Projekt dann starten sollte, kam es allerdings zu unerwarteten Schwierigkeiten: Das Grundstück war zu klein. Unter Beteiligung des Neustädter Landgerichts wurde das Dilemma gelöst, „trotzdem sollten noch einmal zwei Jahre vergehen, bis unter einem neuen Planer mit dem Bau begonnen werden konnte“.
Die meisten jüdischen Häuser und Gebäude fanden sich an der heutigen Raiffeisenstraße, so Kerschbaum. Die neu errichtete Synagoge prägte allein schon durch ihre Größe die Umgebung. Unter dem Rabbiner Samson Wolf Rosenfeld wurde sie am 6. März 1818 bezogen – und kam generell so gut an, dass die Gemeinde Ermreuth und die Stadt Nördlingen sogar die Pläne anforderten.
Doch der zweite große Einschnitt ließ nicht allzu lange auf sich warten. Im Frühjahr 1888 fiel das jüdische Viertel in Uehlfeld größtenteils einer Brandkatastrophe zum Opfer. Zahlreiche Privathäuser, die Schule und die neue Synagoge wurden zerstört. „Unmittelbar danach begannen die Planungen für den Neuanfang“, sagt Oswald Kerschbaum.
Die Brandversicherung erstattete 10.456 Mark, wobei die Kosten für den Wiederaufbau beider Gebäude – auch ohne Anbringung der von der Kultusgemeinde gewünschten, mittlerweile in Mode gekommenen Kuppel – auf rund 35.000 Mark geschätzt wurden. Die weiteren Gelder wurden durch Spenden, Förderungen und Kollekten in sämtlichen israelitischen Kultusgemeinden in Bayern akquiriert.
In dem Antrag auf Genehmigung der Kollekte schrieb das Bezirksamt Neustadt wohlwollend: „Es wäre geradezu zu bedauern, wenn die dem Markte Uehlfeld zur Zierde und der Israelischen Kulturgemeinde zur Ehre gereichende schöne Synagoge nicht wieder in würdiger Gestalt aus Asche sich erheben würde.“ Die Mauern konnten bleiben, der Rest musste erneuert werden. 1889 wurde die neue alte Synagoge eingeweiht.
Der Frieden in Uehlfeld währte dann aber nicht mehr lange. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 führte zum Untergang der Uehlfelder Kultusgemeinde. 1936 wurden Fenster der Synagoge eingeworfen, am 10. November 1938 steckte die NSDAP-Ortsgruppe das Gebäude in Brand.
Die Brandruine lag bis nach dem Krieg brach. Die Synagoge ging danach schließlich für 17.200 Deutsche Mark an die Gemeinde, die das Gebäude später an die Raiffeisenbank veräußerte. Die baute es zu einem landwirtschaftlichen Lagerhaus um. Trotz der geringen verbliebenen historischen Substanz – weitestgehend nur die erhaltenen Außenmauern – wurde die Synagoge 2003 als Bauwerk in die bayerische Denkmalliste aufgenommen. „Damit wurde eines der wichtigsten baulichen Zeugnisse der jüdischen Reformbewegung aus dem 19. Jahrhundert unter staatlichen Schutz gestellt“, erklärt Oswald Kerschbaum.
„Somit bleibt zu hoffen, dass das Objekt zukünftig wieder eine geeignete Nutzung erhält, die seiner großen religionsgeschichtlichen und architekturhistorischen Bedeutung angemessen ist.“ Dies böte womöglich auch die Gelegenheit, dem berühmten Reformrabbiner Samson Wolf Rabbiner in seinem Heimatort Uehlfeld ein würdiges Andenken zu schaffen, hofft der Hobby-Historiker inständig.
Kerschbaums Inspirationsquelle sind die Uehlfelder Kirchenbücher, die er durcharbeitet. Darin fand er jetzt schon ein weiteres Thema, zu dem er derzeit recherchiert: die ehemalige Ziegelei. Erste Informationen hat er bereits zusammengetragen, aber Oswald Kerschbaum befindet sich noch mitten in den Forschungen. 20 bis 30 Stunden wöchentlich, als Hobby-Teilzeitjob.