Levent Özdil ist Schauspieler und hat das „Theater in der Stadt” ins Leben gerufen. Jetzt hat er noch eine weitere Aufgabe: Er coacht das Festspiel-Ensemble der Wagnertanzgilde 1560 mit Spielmanns- und Fanfarenzug. Das hat im Rahmen der Bad Windsheimer Kirchweih am Sonntag, 31. August, ab 14.30 Uhr seinen nächsten Auftritt.
Mehr Ausdruck, intensivere Gesten, mehr Volumen in die Stimme geben, lauter sprechen und dem Publikum zugewandt sein, die Gesten deutlicher und ein bisschen mehr Esprit, aber vor allem: lebendiger, lockerer. Das sagt sich so einfach. Umgesetzt ist es damit aber noch längst nicht. Doch es läuft, bei der Probe des Ensembles für die nächste Aufführung des historischen Festspiels der Stadt Bad Windsheim „Der Wagnertanz” auf dem Martin-Luther-Platz.
Die Bühne vor der Stadtkirche St. Kilian ist mit einer Plane zugedeckt, geschützt vor Wind und Wetter. Der Brunnen plätschert, eine Rathaus-Mitarbeiterin wird innerhalb der nächsten Stunde mehrfach am Rande des Bühnenbildes entlang fahren. Erst mit den blauen Mülltonnen, dann mit den grauen. Die Räder werden laut über das Kopfsteinpflaster rattern, die Laiendarsteller aber in keinster Weise stören. Sie sind routiniert, zahlreiche schon seit vielen Jahren dabei. Die Schrittfolgen sitzen, der Ablauf spult sich wie im Schlaf runter. Und doch hatte irgendwann, irgendwie, irgendwas gefehlt.
Levent Özdil sah schnell, was genau das war: die Lebendigkeit, das Lockere, ein bisschen mehr Schauspiel. Doch wie bringt man das in ein historisches Festspiel, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint? Vor allem, wenn den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bislang stets vermittelt worden war, dass sie möglichst ruhig am Bühnenrand zu stehen hätten?
„Das alles hat sehr steif gewirkt.”
Die Zunfttanzmeisterin Gabi Wattenbach gehört seit nunmehr 40 Jahren zur Gruppe. Sie verkörperte jahrzehntelang Bürgermeisters Töchterlein und sprang bei der Probe für Dajana Pissors, die die Rolle mittlerweile übernommen hat, ein. Und auch Wattenbach kennt das mit dem Stillstehen, konzentrieren, ruhig am Bühnenrand verweilen, vielleicht noch ein bisschen lächeln, aber ansonsten möglichst keinen Mucks machen. „Das alles hat sehr steif gewirkt. Man hat da gestanden wie eine Statue.”
Das ist jetzt vorbei. Nun sind die Akteure der Tanzgruppe dazu aufgefordert, sich auch dann aktiv einzubringen, wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen. Sie dürfen und sollen gestikulieren und sich auch mal laut freuen. „Das ist sehr ungewohnt und man hat ein bisschen Angst, zu viel zu machen und die Aufmerksamkeit zu sehr auf sich und weg von den Sprechrollen zu lenken”, sagt Wattenbach. Aber schon jetzt sei spürbar, wie sehr das Festspiel durch die Veränderungen gewonnen hätte.
„Es hat geholfen, die Abläufe flüssiger zu machen.”
Ähnlich sieht das die Festspielleiterin Marie-Luise Kreft. Nach der Probe zieht sie ein positives Fazit. „Ich bin sehr zufrieden, wir sind ein eingespieltes Team”, sagt sie und betont, dass die Aufregung kurz vor einem Auftritt noch immer dazu gehöre. Kreft ist dankbar für die Tipps von Levent Özdil. „Es hat geholfen, die Abläufe flüssiger zu machen”, sagt die Festspielleiterin, die ebenfalls schon seit ihrer Kindheit beim Wagnertanz dabei ist. Auch für sie war die Umstellung enorm. Es sei im Grunde genau das Gegenteil von dem, was man bislang getan habe.
Das müsse man sich erstmal trauen. „Irgendwie hatte man am Anfang eine Hemmschwelle. Aber wir haben uns alle darauf eingelassen und die Tipps umgesetzt.” Das Gefühl dabei sei anfangs zwar „komisch” gewesen, so Kreft. Doch als man erst einmal miterlebt hatte, wie positiv das Publikum auf die Veränderung reagierte und plötzlich viel zugewandter zu sein schien, habe das sehr motiviert.
Özdil ist mit der Gruppe und dem Erreichten zufrieden. Nachdem er irgendwann mal eine der Proben besucht und die Aufführung der Gilde mit kritischem Blick begleitet hatte, war für ihn eines deutlich zu sehen gewesen: dass da nun mal keine Schauspieler am Werk sind, die intuitiv das Richtige tun. Er sah vor allem die Gefahr, dass das Publikum von heute gelangweilt abschalten könnte. Also bot er sich als Coach an. Das wurde gerne und ohne Skepsis angenommen, was Özdil sehr gefreut hat. Dabei sei ihm die Herausforderung sehr wohl bewusst gewesen. Schließlich sei jeder in seinen gewohnten Abläufen gefangen und tue sich schwer, aus Alltagsrollen auszubrechen.
Das mache sich bereits in der Stimme bemerkbar. Wer in seinem Alltag eher zurückhaltend und leise sei, werde nicht plötzlich auf der Bühne aus der Rolle fallen und sich als das genaue Gegenteil präsentieren. Doch die stimmliche Präsenz der Sprecherrollen sei bei dem Festspiel besonders wichtig. Sich lauter zu artikulieren als gewohnt sei aber mitunter schwer, so Özdil. Bei Profis würde das sehr viel schneller gehen. Das Wagnertanz-Ensemble sei aber durchaus offen für neue Impulse gewesen und habe diese gut umgesetzt.
Das Ziel sei Özdil zufolge gewesen, das Festspiel mit Leben zu füllen. Am Text und an der Handlung selbst habe er nichts ändern wollen. Das sei „ein starres Konzept”.
Während der Proben war Özdil selbst immer mal wieder ein gutes Vorbild, wenn er bei einer der Sprechrollen eingesprungen ist, weil die eigentliche Besetzung verhindert war. Seine Stimme hallt laut, kräftig, ungehemmt und gut verständlich über den Platz. Diesmal war er in die Rolle des Altbürgermeisters geschlüpft. Trotz der Turnschuhe und des grauen T-Shirts. Am Sonntag, 31. August, ab 14.30 Uhr, wird dann niemand mehr in Alltagskleidung auf der Bühne stehen. Dann ist es Zeit, den Wagnertanz im Rahmen der Bad Windsheimer Kirchweih auf dem Lutherplatz aufzuführen. Und das wird traditionell in Kostümen getan. Daran hat sich nichts geändert.