Fragen erweitert das Wissen, kann aber auch massiv Verstörtheit auslösen. Im neuen Winterwandeltheater „Wetterleuchten“ schickt Christian Laubert, Autor und künstlerischer Leiter des Freilandtheaters, die 14-jährige Gitti auf eine Reise in ihre Familiengeschichte. Premiere hatte seine Inszenierung am Freitag im Fränkischen Freilandmuseum.
Ein winterlicher Theaterrundgang durch das Gelände des Museums war es am Premierentag nicht wirklich. Die gestiegenen Temperaturen hatten nahezu alle Schneespuren beseitigt, unterkühlt erschien die Atmosphäre durch den Nieselregen aber dennoch. Um 18 Uhr startete die erste Gruppe – wie üblich führt die Handlung zu Stationen im Freilandmuseum. Bis zu sechs Gruppen steuern sie zeitversetzt an.
Irgendwann Mitte der 1990er-Jahre: Gitti (in der 18-Uhr-Gruppe war das Emma Rühl) hat im Speicher bei ihrer Oma (Carmen Laub) ein altes Fotoalbum entdeckt und nimmt es mit nach Hause. Das Mädchen stellt Fragen. Wer etwa ist die Frau im Rollstuhl, die der Oma so ähnlichsieht? Wo war sie verblieben? Hat sie etwas mit ihrem Onkel Manfred (Andreas Batna) zu tun?
Antworten erhält Gitti nicht. Sie bekommt eher Ablehnung und Verstörtheit der Befragten zu spüren. Warum wehren sich alle Erwachsenen, ihr eine Antwort zu geben, beziehungsweise überhaupt davon zu sprechen?
Das hindert sie aber nicht, außerhalb ihrer Familie nachzuforschen, unter anderem auch bei ihrer Lehrerin Heide Schaller (Tanja Hoops) oder der scheinbar allwissenden Melusine Weitstätter (Gertraud Bäuml), was nur zu noch mehr Turbulenzen führt, sogar in einer Entführung gipfelt. Das Familienimperium der Familie von Rogg wittert massiv Gefahr vor jeglichen Verhüllungen aus der Vergangenheit bis ins Jetzt.
Was etwa hat Senior-Chef Sebald von Rogg (Thomas W. Schmidt) zu verheimlichen? Wer war die Frau, die er in Tirana während der deutschen Besatzungszeit in Albanien getroffen hatte? Hat sie etwas mit Gittis Familie zu tun? Hat Juniorchef Robert „Roggi“ (Kai Hoops) etwas mit der Schwangerschaft einer oder gar mehrerer Arbeiterinnen zu tun? Ungeklärtes, das wie ein Wetterleuchten einen Gewittersturm, eine explosive Katastrophe ankündigen könnte?
Viele Fragen, die das Mädchen hat – und genau diese stellen sich unterwegs auch den Besucherinnen und Besuchern.
Die Besuchergruppen, die zeitversetzt nacheinander mit Taschenlampen von Szene zu Szene, die alten fränkischen Häuser als atmosphärische Kulisse, wandern, konnten Gittis Suche ausschnitthaft mitverfolgen. Zunächst waren es nur einzelne Bilder, die aber nach und nach ein dichtes Geflecht aus dunklen Geheimnissen, Lügen und Vertuschungen freilegten.
Wie weit würden die Personen gehen, um Familienehre und Unternehmen, notfalls um jeden Preis, zu schützen und Unrühmliches aus der Welt zu schaffen? Melusine Weitstätter, die frühere Sekretärin in der Fabrik, wusste immer, was zu tun war. Auch jetzt noch, Schmier- und Schweigegelder als probates Mittel inbegriffen.
Christian Laubert versteht es auch im aktuellen Stück, menschliche Abgründe oder Schicksale zu skizzieren, in einen historischen Kontext zu setzen und gleichzeitig Querbezüge in die Gegenwart zu finden.
Das Ensemble, zum Teil sind die Rollen auch mehrfach besetzt, zeichnete die jeweiligen Charaktere messerscharf, in ihrer Not ebenso wie in ihrer Entschiedenheit, den eigenen Kopf mit allen Mitteln aus der Schlinge zu ziehen. Ein spannender Abend im besonderen Ambiente des Freilandmuseums.
Das Freilandtheater spielt „Wetterleuchten” bis Samstag, 21. Februar 2026. Vorstellungen gibt es immer Donnerstag bis Sonntag für je bis zu sechs Gruppen, die nacheinander im Abstand einer Viertelstunde starten. Sonntags beginnt die erste Gruppe um 17 Uhr, an den anderen Tagen um 18 Uhr.