Ein Gang durch den Kostümfundus des Freilandtheaters in Bad Windsheim gleicht einer Reise durch die Zeit. Reihenweise behängte Kleiderstangen und Accessoires scheinen ein unüberschaubares Chaos zu bilden. Doch dahinter steckt ein ausgeklügeltes System, das Marette Oppenberg wie keine andere kennt.
Sie ist freie Kostümbildnerin und seit 2016 auch für das Freilandtheater im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim tätig. Ihr Beruf ist für Oppenberg pure Leidenschaft. Schon in ihrer Abiturzeitung stand, dass sie in diese Richtung gehen will. Aber: „Es gab damals allerdings noch kein Internet. Ich hatte keine Vorstellung, wie man am besten vorgeht.“
Nach einem ersten Praktikum, entschied sie sich zunächst für eine Schneiderlehre. „Ich wollte beurteilen können, ob etwas besser geht. Ich wollte, ein Gefühl dafür kriegen.“ Ihre Eltern unterstützten sie auf ihrem Weg. Oppenberg studierte Modedesign in Trier. Als zu schulisch empfand sie das rückblickend – auch, wenn sie viel gelernt hat, sah sie sich doch eher als freie Künstlerin.
Als Oppenberg ein Stipendium in Madrid bekam, war das ihre „Rettung“. In einem Monat lernte sie Spanisch. „Da war sie, die Freiheit, endlich.“ Das restliche Studium in Deutschland zog sie durch, arbeitete danach teils frei, teils fest. Im Jahr 2000 machte sie sich selbstständig.
Über die Jahre war Oppenberg für verschiedene Produktionen und an unterschiedlichen Häusern tätig – beispielsweise an der Deutschen Oper am Rhein, am Nationaltheater Mannheim, am Deutschen Theater Berlin oder auch Staatstheater Darmstadt. Die Branche kann durchaus hart sein, weiß die gebürtige Duisburgerin. Der Kampf mit Ellbogen wird heftiger, sagt Oppenberg, wenngleich sie selbst das heute nicht mehr so sehr mitbekommt, da sie mittlerweile vor allem für freie Produktionen arbeitet – wie eben das Freilandtheater.
Verschiedenste Kleidungsstücke, Schuhe, Brillen, Hüte und andere Accessoires gehören zu dessen Fundus. Das alles lagert in Regalen oder hängt an Kleiderstangen, stammt aus verschiedenen Jahrzehnten und gehörte einst unterschiedlichsten Menschen. Eine stattliche Menge ist über die Jahre zusammengekommen. „Und trotzdem fehlt immer etwas“, sagt Marette Oppenberg.
Teils werden Utensilien auch geliehen. Die Kostümbildnerin selbst hat ebenfalls eine eigene kleine Sammlung. Regelmäßig schaut sich Oppenberg außerdem bei Haushaltsauflösungen um. „Einmal bin ich im Sommer bei 35 Grad einen Tag lang durch ein Haus gegangen und habe echte Schätze gefunden.“ Auch, wenn die Kleidung dann meist in nur einer Größe verfügbar ist – „ich nehme alles, weil es immer schwerer wird, Brauchbares zu finden.“
Listen und Notizen sind im Fundus unerlässlich, um den Überblick zu behalten. „Manche tippen sie am Computer ab, ich schreibe sie mit der Hand, um das Erledigte durchstreichen zu können. Das ist psychologisch wichtig für mich.“ Nicht fehlen darf ein Klemmbrett, um alles Wichtige beisammen zu halten.
Für jeden Darstellenden existiert ein Zettel, auf dem das Datum der Anprobe, der Name und der Rollenname vermerkt sind. Außerdem wird genau aufgeschrieben, aus welchen Stücken das Kostüm besteht. Auch Änderungen werden vermerkt. „Das sind ganz viele Kleinigkeiten. Das könnten wir sonst nie mehr auseinander halten.“ Die Kleidungsstücke werden mit einem Etikett versehen. „Alles wird dokumentiert. Das ist ein absolutes Muss.“ Ist etwas geliehen, müssen die Teile schließlich nach der Spielzeit gereinigt und zurückgegeben werden.
Im Sommer lassen die Darsteller ihre Kostüme vor Ort im Museum in einer Garderobe. Im Winter werden sie mit nach Hause genommen. Regelmäßig kommt der „berühmte Wodka“ zum Einsatz. „Manches kann man nicht permanent reinigen“, erklärt Marette Oppenberg. Ist ein Hemd verschwitzt, lässt es sich schnell waschen. Bei einem Sakko oder Mantel geht das nicht. „Man zieht sie nach dem Tragen auf links und sprüht den Schweiß mit purem Wodka aus der Sprühflasche weg. Wenn er trocknet, verschwindet der Geruch“, verrät der Profi. Auch die Schuhe müssen zwischendurch gesäubert werden. Vorab werden sie noch imprägniert. „Das ist auch sehr aufwendig bei den vielen Leuten.“
Bei den normalen Proben ist Marette Oppenberg übrigens nicht dabei. Wenn sie das Stück zu Beginn auf dem Papier liest, geht es für sie darum, die Stimmung der jeweiligen Zeit zu erfassen, Farben und Materialien passend auszuwählen. Bei jeder Rolle überlegt die Kostümbildnerin: „Was ist das für ein Typ?“ Oft hat Oppenberg schnell bestimmte Kleidungsstücke im Kopf, die passen könnten. Bei manchen Figuren muss sie aber auch „drei Mal mehr nachdenken, weil es nicht so eindeutig ist“. Zwischenabsprachen mit Christian Laubert, dem künstlerischen Leiter des Theaters, gehören da klar dazu.
Passt das Bild, kommen die Darsteller zur Anprobe. Sehr speziell ist die bei Winterwandeltheaterstücken wie „Nachtflug“, das derzeit läuft. Viele Szenen finden draußen statt. Die Spielenden müssen dick eingepackt sein, sich aber trotzdem gut bewegen können. In Wärmewäsche wird zur Anprobe gegangen. „Dann wird gestapelt. Oft ist das wie zwei Kostüme, weil es so viel Zeug ist.“
Die Kostüme machen die verschiedenen Typen aus. Schlüpft ein Darsteller in seine Garderobe, macht er eine Verwandlung durch. „Das brauchen die auch – Amateure wie Profis. Es heißt nicht ohne Grund: in eine Rolle schlüpfen.“ Die Anproben machen Marette Oppenberg mit am meisten Spaß. „Gerade, wenn man mit Leuten arbeitet, die das gerne machen“, sagt die Kostümbildnerin. „Und egal, wie stressig es zwischendurch ist. Wenn du siehst, dass es am Ende funktioniert, ist das einfach toll.“
Das stellte Oppenberg auch im Jahr 2016 fest, als sie beim Freilandtheater begann. Damals hatten die Verantwortlichen über ein Theaterportal eine Kostümbildnerin gesucht, weil die vorherige kurzfristig erkrankt war. „1848 – Kinder der Revolution“ hieß das damalige Sommerstück. „Ein Biedermeier-Stück. Das war natürlich historisch unfassbar aufwendig“, erinnert sich Marette Oppenberg.
Von Bad Windsheim hatte sie zuvor noch nie gehört, dass das Stück aber auf dem Gelände eines Freilandmuseums aufgeführt werden sollte – das reizte sie. Schnell war die Bewerbung verschickt, das Ensemble war zu diesem Zeitpunkt längst am Proben. Die Zeit drängte. „Jeder, der jemanden kannte, der nähen konnte, wurde gefragt und herangeschafft.“ Denn 1848, da wurden Reifröcke und opulente Kleider getragen.
Kaputte Stellen mussten mit Spitze bedeckt, die Kostüme quasi restauriert werden. „Das war unfassbar. Wir waren alle kurz vorm Nervenzusammenbruch, weil die Zeit einfach so knapp war“, erzählt Oppenberg. Und das Ergebnis? „Es war grandios. Ich hatte vorher keine Probe verfolgt. Als ich das Resultat sah, blieb mir der Mund offen stehen. Das war der Knaller.“
Dass sie dem Freilandtheater auch anschließend treu bleiben will, stand für Oppenberg nicht direkt fest. Letztlich entschied sie sich dafür – zu besonders waren die historischen Gegebenheiten. „Oft werden beim Theater Elemente aus einer Zeit hergenommen. Selten ist allerdings, dass so ein authentisches Flair geschaffen wird.“ Mittlerweile ist die Kostümbildnerin vom Bad Windsheimer Freilandtheater kaum wegzudenken.
Nach Bad Windsheim pendelt Marette Oppenberg nun regelmäßig aus der Eifel. Dort lebt sie mit ihrem Mann, der freischaffender Künstler ist. „Das ist manchmal anstrengend, aber ich fahre nicht ungern.“ Ihre Entscheidung für diesen Beruf hat sie nie bereut – auch, wenn der Weg zeitweise herausfordernd war und der Job auch körperlich anstrengend ist. „Es ist einfach nicht irgendein Beruf, es ist Leidenschaft.“