Es ist immer ein herausragendes Ereignis, wenn in der Bachwoche die h-Moll-Messe aufgeführt wird. Und zum Abschied eines Bachwochen-Intendanten gibt es ohnehin kein besseres Werk. Dr. Andreas Bomba hat dafür den britischen Tenebrae Choir und das Kammerorchester Basel gewonnen, zwei Weltklasse-Ensembles.
Der Name Tenebrae, lateinisch für Schatten, ist ungewöhnlich für einen Chor. Er hat mit dessen Anfängen zu tun. Die ersten Auftritte fanden ausschließlich bei Kerzenlicht statt, sodass der Name zum Stil und Ambiente unserer Konzerte passte, wie sich Nigel Short, der Gründer des Tenebrae Choirs, erinnert. „Wir spielen viel Renaissancemusik. Einige der schönsten Stücke stammen aus der Fastenzeit. Gesualdo, Tallis – diese Werke sind intensiv und konzentriert.“
Nun freute sich Nigel Short auf die beiden Konzerte am Wochenende: „Es ist immer ein Privileg, zu einem Bach-Festival eingeladen zu werden, weil es dort wunderbare Musiker gibt, welche die Musik des großen Johann Sebastian Bach lieben und beherrschen.“ Das sei inzwischen, meist aus finanziellen Gründen, selten.
Wenn Tenebrae A-cappella-Werke von Bach aufführt, sind sie meist in ein spezielles Programm eingebettet. Nigel Short ergänzt sie gern mit zeitgenössischen Werken, etwa von James MacMillan. Er will „die geniale Kunst der Komponisten“ gegenüber stellen und damit das Publikum begeistern, was seiner Beobachtung nach auch gelingt.
In Ansbach ist das natürlich anders: „Bei einem Werk wie der h-Moll-Messe muss ich nichts kreativ beitragen“, erläutert Nigel Short. „Die Aufführung bietet uns die Gelegenheit, in die Welt und erstaunliche Musik Bachs einzutauchen, diese zu genießen.“ Eine „besondere Atmosphäre und ein spannendes Erlebnis“ will er mit seinen Musikerinnen und Musikern schaffen.
Die h-Moll-Messe, dieser „Glanzpunkt des Chorrepertoires“ liegt ihm sehr am Herzen. „Um das Beste daraus zu machen, versuche ich mit Tenebrae, die Musik so zu interpretieren, als würden wir sie zum ersten Mal aufführen oder uns zumindest vorzustellen, unser Publikum hätte sie noch nie gehört.“ Das bedeutet für ihn, so detailliert wie möglich an Authentizität, Präzision, Balance und Artikulation zu arbeiten, um an jedem Veranstaltungsort das Beste zu erreichen.
Wichtig ist ihm, einen künstlerischen Freiraum zu schaffen, damit sich sein Ensemble und er „möglichst emotional“ auf die Aufführung einlassen können. „Komplett vorbestimmen“ möchte er ein Konzert nicht. „Es muss allen Musikern Raum für Spontaneität geben, um in jedem Moment etwas Magisches zu erschaffen. Das macht Live-Musik spannend – wir wollen keine Zwangsjacke.“ Undenkbar für ihn, „eine immergleiche Aufführung der h-Moll-Messe nach der anderen“ abzuliefern: „Es entzieht der Musik ihre Lebendigkeit.“
Die h-Moll-Messe verlangt viel von den Musikerinnen und Musikern: „Stimmliche Ausdauer, künstlerisches Können und Technik sind in hohem Maße erforderlich, um das Optimum zu erreichen. Solisten, Chor, Orchester und ich selbst – wir müssen alle unser Bestes geben, um diese Musik aufführen und genießen zu können“, so Nigel Short.
Obwohl Tenebrae ein sehr guter Chor ist und das meiste Repertoire aufführen kann, meint der akribische Leiter: „Die Sänger und ich nehmen niemals etwas für selbstverständlich hin.“ Er fühlt eine Verpflichtung: „Wir sind die Hüter dieser besonderen Kunst“. Sicherstellen wollen sie, dass sie die Musik, die sie aufführen, an das Publikum bestmöglich vermitteln und teilen.
Darin sieht Nigel Short seinen künstlerischen Auftrag: „Wir wollen die Musik lebendig wiedergeben und lebendig halten. Vor allem junge Menschen wollen wir mit unserem Ansatz anregen, zu singen und zu musizieren.“