Das „Wohltemperierte Klavier” ist eine Zumutung, natürlich. Die wunderbarste, die sich denken lasst. Über zwei Stunden hochkomplexe Miniaturen durch alle Tonarten – das ist eine Herausforderung für jede Pianistin, jeden Pianisten und für jedes Publikum. Wenn Angela Hewitt die Präludien und Fugen spielt, ist es ein Vergnügen.
Verglichen mit den Goldberg-Variationen gehört eine Gesamtaufführung des „Wohltemperierten Klavier” selbst bei der Bachwoche nicht zum Standardrepertoire. Schön und ein bisschen mutig ist, dass Angela Hewitt am Donnerstagvormittag zumindest den ersten Band der Sammlung aufführen konnte.
Hewitt gliedert die 24 Präludien und Fugen in Vierergruppen, belässt sie aber in Bachs Reihenfolge. Unantastbar wäre die Anordnung nicht, denn die Sammlung ist kaum für eine konzertante Aufführung gedacht gewesen.
Als Evgeni Koroliov vor zehn Jahren am gleichen Ort den ersten Teil aufführte, brachte er die Präludien und Fugen in drei Kleinterz-Reihen, sodass die Tripelfuge in cis-Moll das Konzert beschloss. Sie ist nun in der Matinee, an der üblichen vierten Stelle, ein erster tiefsinniger Höhepunkt. Angela Hewitt lässt sie wie aus einem geheimnisvollen Uranfang entstehen und gibt ihr bei aller Bewegtheit doch Würde und Majestät, ohne sie zu romantisieren. Man hört hier einiges von dem, was Hewitts Spiel auszeichnet.
Hewitt nutzt die Möglichkeiten eines modernen Flügels dezent, etwa um Klangfülle zu erreichen, um die Ebenen eines ariosen Präludiums farbig zu schichten oder um einen Schlussakkord lange weiterklingen zu lassen. Auf einem Fazioli klingen sie besonders lang. Hewitts Grundpuls wirkt natürlich, er verbindet die so unterschiedlichen Stücke der Sammlung doch zu einem Ganzen. Und selbst die virtuosesten Sätze ruhen in sich. Sie bleiben nachvollziehbar, nicht zuletzt wegen Hewitts schattierungsreicher Artikulationskunst und ihrer unaufdringlichen Agogik, die sensibel auf die harmonische Binnenspannung und Satzdramaturgie reagiert.
Bemerkenswert ist, wie sie ein Fugenthema individualisieren kann und über den ganzen Satz lebendig hält. So wirkt es nie didaktisch, wenn sie einen Themeneinsatz markiert. Es ist eher so, als ob die handelnde Person zurückkehrt und einen neuen Impuls gibt. In der finalen h-Moll-Fuge durchlaufen die Zwischenspiele sogar eine Entwicklung. Sie hellen sich auf, werden lichter, bis Hewitt die letzten Takte zu einer mächtigen Schlusswirkung aufgipfelt.
Struktur und Ausdruck, Tanz und Lied, Kontrapunkt und Stimmungskunst, Nüchternheit, Poesie und Pathos – das sind bei Angela Hewitt keine Gegensätze. Sie bringt sie in Balance. Das glückt nur wenigen.