Vor 80 Jahren erlebten Weigenheim und die Ortsteile schreckliche Stunden: Todesangst herrschte, weil vielen schon klar war, dass der Krieg verloren ist und deutsche Verteidigungstrupps in den Dörfern dennoch strengen Befehl hatten, Widerstand zu leisten. Diesem Widerstand fielen auch Reuscher und Weigenheimer zum Opfer.
Zwei Unbekannte riskierten in Reusch am 4. April ihr Leben, indem sie auf dem Kirchturm zwei weiße Flaggen hissten. Wenn man sie gefunden hätte, hätten sie das wohl mit dem Leben bezahlt – und wenn man die Fahnen hätte hängen lassen, hätte es viel Leid von dem Weigenheimer Ortsteil fernhalten können. Kurz nach dem Hissen stellten die US-Amerikaner jedenfalls den Beschuss ein. So aber riss der Führer der deutschen Verteidigungstrupps die Fahnen herunter und ließ den Kirchturm künftig unter Androhung von Todesstrafe bewachen.
Die Folge: Reusch wurde in den Folgetagen aus der Luft und vom Boden aus bombardiert, insgesamt vier Reuscher – zwei Frauen und zwei Männer – starben, außerdem 13 deutsche und vier amerikanische Soldaten. Fast alle Gebäude wurden beschädigt. Zum Teil wurden sie auch durch die Sprengung der drei Dorfbrücken, mit denen die deutschen Truppen die Eroberung verhindern wollten, in Mitleidenschaft gezogen.
Wie es war, diese Tage zu erleben, in denen man sich vorrangig im Keller aufhielt, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Mehr als abstrakte Zahlen über Opfer und zerstörte Gebäude machen die Berichte von Augenzeugen aus diesen Tagen vorstellbar. Martin Stern hat die Erinnerungen solcher Zeitzeugen – im Reuscher Fall von Georg Schemm, für Weigenheim vor allem von Fritz Gall – aufbereitet. Auch in Geckenheim gab es große Zerstörung, die Besetzung ging aber schnell und Menschen kamen nicht zu Schaden.
Gall und Schemm beschreiben Löschversuche unter Lebensgefahr, viele verbrannte Tiere in den Ställen und Versuche, die deutschen Soldaten zum Abzug zu überreden. Ein Mann wurde beim Robben von einer Scheune zu seinem Anwesen in den Rücken geschossen. Sie schildern die gleichzeitige Angst vor und die Hoffnung auf die Amerikaner, nachdem man schon seit März gesehen hatte, dass der Krieg verloren war. Aus einem von drei in Reusch abgeschossenen Panzern wurde erst nach Wochen ein toter Amerikaner herausgeschnitten. Straßen waren vermint und Brücken wurden gesprengt. Menschen wurden durch Granatsplitter verletzt und starben.
Fast kein Gebäude, so heißt es über Reusch, blieb ohne Schaden. Das Vieh wurde in die umliegenden Wälder versprengt und verwildert. Das Futter und Gerät musste im Freien gelagert werden und nahm auch in den Folgemonaten noch Schaden. Fritz Gall schreibt: „Eine Welt ist damals zusammengebrochen, auch für mich.“ Mindestens 22 deutsche und acht amerikanische Soldaten sowie sieben Einwohner aus der heutigen Gemeinde Weigenheim sind zwischen dem 4. und 11. April bei den Kämpfen ums Leben gekommen.
„Wer diesen Krieg und die Vorkriegszeit nicht erlebt hat, wird es nicht verstehen, und wer dies erlebt hat, wird es nicht vergessen“, schreibt Gall. „Die heutige Generation, die mit der Freiheit und der Demokratie aufgewachsen ist und diese als Selbstverständlichkeit hinnimmt, sollte ihr glücklicheres Los dankbar zu schätzen wissen, dass sie im freiheitlichsten Staat lebt, den es jemals in Deutschland gegeben hat. Sie muss aus der Geschichte unseres Irrweges lernen und ähnliches vermeiden.“
Um dieses Bewusstsein zu erhalten, ist am Freitag, 11. April, ein ökumenisches Friedensgebet in Weigenheim geplant. Martin Stern und dessen Tochter Marlen werden dabei Auszüge aus den von Stern gesammelten heimatgeschichtlichen Informationen im Dialog präsentieren.
Beteiligt sind auch die Präparanden, die sich eindringlich die Frage stellen: „Warum gibt es Kriege?“ oder auch: „Warum gibt es Terrorismus?“ In verschiedenen Sprachen bitten Menschen um Frieden. Den Gottesdienst haben Diakon Markus Giese und sein Team vorbereitet, die musikalische Gestaltung übernimmt die „Black Velvet Band“.
Die Ökumenische Friedensandacht für Geckenheim, Reusch und Weigenheim am Freitag, 11. April, beginnt um 19.45 Uhr in der Weigenheimer Kirche.