In der rätselhaften Geschichte um Kaspar Hauser gibt es eine neue Enthüllung. Sie ist die nächste Enttäuschung für die Anhänger der Theorie, er sei der ermordete Prinz von Baden gewesen.
Vorsichtig zieht Thomas Deffner das Tuch mit den grün-weißen Farben der Stadt von einer schlichten Plastikfolie. Der Oberbürgermeister steht am Grab des berühmtesten Bürgers seiner Stadt. Und enthüllt mit leichter Hand eine Infotafel mit einem Satz, der Abertausende von Hauser-Anhängern ins romantische Mark trifft. „Neue forensische Untersuchungen widerlegen die Prinzentheorie, wonach Kaspar Hauser ein Prinz aus dem Hause Baden gewesen sein soll.“
Den Satz hat Dr. Wolfgang F. Reddig geschrieben. Der Museumsleiter kennt kein Mitleid mit der weltweiten Gemeinde, die den unbekannten jungen Mann bis heute anhimmelt. Für sie ist er das Symbol des unverfälscht reinen Menschen, der von gedungenen Mördern im markgräflichen Hofgarten gemeuchelt ward. Weil er eigentlich der als Kind verschleppte Thronfolger des Großherzogtums Baden war und einer Nebenlinie im Weg stand.
Am 17. Dezember 1833 hauchte er in seinem Zimmer im Ansbacher Zentrum sein Leben aus. Wissenschaftler mehrerer europäischer Universitäten haben inzwischen durch DNA-Vergleiche bewiesen, dass in Hauser kein Blut aus dem Hause Baden floss. „Wir mussten auf die DNA-Untersuchungen reagieren“, sagt Dr. Reddig. Ihm sei klar, dass sie die Anhänger Kaspar Hausers in ihrer Verehrung stören. „Aber ich bin Historiker.”
Die Historische Friedhofsgruppe, die die Gräber und Gruften als vielfältiges Zeugnis der Ansbacher Geschichte zugänglich machen will, hatte in diesem Jahr an zwölf letzten Ruhestätten wichtiger Bürger Infotafeln aufgestellt. Gestohlen wurde im September nur eine: Kaspar Hausers. Der Dieb ist unbekannt. Vermutlich hoffte er, mit dem Abschrauben der Tafel auch den Hinweis auf das Ende der Prinzen-Theorie beseitigt zu haben. Doch jetzt ist die Tafel aus Plexiglas ersetzt, mit unverändertem Text.
Sie wurde justament am Todestag des berühmtesten Ansbachers erneuert. Die DNA-Proben seien eindeutig, so Oberbürgermeister Thomas Deffner. „Das nimmt ein Stück weit den Mythos weg.“ Doch es gebe genügend offene Punkte. „Wir wissen gar nicht, ob Kaspar Hauser unter dem Grabstein ist.“ Durch die Bombeneinschläge im Februar 1945 wurden auch Teile des Friedhofs verwüstet.
Doch die Frage, ob man an seinem Grab tatsächlich über seinen Überresten stehe, sei nicht entscheidend. „Das Schicksal hat die Menschen schon damals bewegt und das hält bis heute an“, so Deffner. „Er ist ein Teil unserer Stadtgeschichte. So wie wir die Stadt des fränkischen Rokoko sind, sind wir auch die Stadt von Kaspar Hauser.“
Für Elisabeth Jonen-Burkard geht es nicht um die exakte Lage des Grabsteins mit der lateinischen Inschrift: „Hier liegt Kaspar Hauser, ein Rätsel seiner Zeit, unbekannt seine Geburt, geheimnisvoll sein Tod.” Wichtig ist für die frühere Gemeindereferentin von St. Ludwig: „Er ist ein Symbol und wurde hier auf dem Friedhof bestattet. Durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs ist sowieso alles mit Fragezeichen zu versehen“, weist sie auf den einzigartigen Charakter des in Teilen schwer geschädigten Stadtfriedhofs hin.
Auf seinem letzten Weg erfuhr der mittellose Kaspar Hauser eine große Ehre. „Es gab einen Trauerzug durch die Stadt zum Friedhof mit Totenkrone“, verweist Dr. Wolfgang F. Reddig auf zeitgenössische Beschreibungen. „Für mich ist interessant, wie die Menschen auf ihn reagiert haben. Alle, die um ihn herum waren, hatten das Bedürfnis, sich der Welt mitzuteilen.“ Das habe die Forschung erleichtert, Klarheit sei jedoch erst durch die erhaltene Originalkleidung im Markgrafenmuseum gewonnen worden. Sie gehört zu den 100 Heimatschätzen Bayerns und lieferte ausreichendes Material für die DNA-Vergleiche.
Ihr Ergebnis hat das Interesse an dem Fall nicht verringert, weiß der Historiker Alexander Biernoth unter anderem von zahlreichen Stadtführungen zu dem Thema. Dort hat er zuletzt sogar zunehmende Teilnehmerzahlen registriert. Mit den Gruppen ist der Träger des Stadtsiegels auch oft am Grab, das klein und unauffällig eng neben anderen liegt. Mittelfristig, kündigte Biernoth für die Historische Friedhofsgruppe an, solle der Bereich neu geordnet werden, um Hausers Grab besser herausstellen zu können. Doch dies werde wegen der anderen Gräber länger dauern.
Museumsleiter und Stadtarchivar Dr. Reddig hat schon weitere Anfragen von Wissenschaftlern zu den DNA-Spuren. Auch die Aufmerksamkeit von Touristen und Medien sei ungebrochen, eher gestiegen. „Der Mythos lebt. Die Faszination Kaspar Hauser ist geblieben.“