Nach einem Dorfspaziergang durch Bullenheim erfolgte jetzt einer durch Herrnberchtheim. Beides ist Bestandteil der 1200-Jahrfeier von Ippesheim, die man nicht nur dort, sondern als Gesamtgemeinde feiern will. Durch Herrnberchtheim führten Paul Markert und Andreas Zobel.
Mehr als 120 Personen nahmen daran teil. Über das Dorf lässt sich so viel erzählen, dass die verfügbare Zeit fast nicht ausreichte: Da war zum Beispiel der Bahnhof, auf dem es bis 1978 noch Personenverkehr gab. Paul Markert, Jahrgang 1954, erinnert sich noch gut daran, wie es dort in seiner Kindheit und Jugend zuging. „Da war immer Leben”, BayWa und Raiffeisen unterhielten Lagerhallen, der Viehhändler verlud seine Schweine, die Milch fuhr in 40-Liter-Kannen zur Molkerei und an einem über einen Kilometer langen Abstellgleis stand ein Wasserhaus, in dem die Dampfloks ihr Wasser tankten..
1969 ereignete sich ein Unfall eines Güterzugs, bei dem sich alle Waggons quer stellten und ein groß angelegter Rettungseinsatz nötig war. Sogar die US-Amerikaner aus Illesheim waren zur Stelle.
1136 wurde Herrnberchtheim erstmals urkundlich erwähnt. Auch wenn im Namen die „Herren” vorkommen, vermutet Markert, dass das damalige „Berchtheim” von einer Frau gegründet wurde: Berchta oder Berta.
Das Wasserschloss war von 1600 bis 1796 bewohnt. Vom 30-jährigen Krieg, der die Gegend so hart traf, blieb Herrnberchtheim weitgehend verschont. Umso höher waren die Opferzahlen im Zweiten Weltkrieg, die Markert aber anzweifelt: Die nördliche Hälfte des Dorfes verbrannte, 28 deutsche Soldaten fielen in den Hauptkämpfen, die am 3. und 4. April stattfanden. Angeblich soll es auch 108 US-amerikanische Opfer gegeben haben. Markert vermutet aber, dass sich diese Zahlen auf den ganzen Frontabschnitt bezogen haben – zu groß sei die Überlegenheit ihrer Waffen gewesen.
Andreas Zobel, zehn Jahre jünger als Markert, nimmt bei der Führung als Organist und ehemaliger Kirchenvorstand vor allem die Kirchengeschichte ins Visier. Mit Albrecht Eyring hatte Herrnberchtheim von 1895 bis 1916 einen sehr prominenten Pfarrer: Er gründete das Heimatmuseum in Uffenheim und war Ahnherr der Obstbaumvereine. Er pflanzte auch einen Ginkgo-Baum, mit dem eine Gruppe aus Herrnberchtheim bei einer Führung auf der Insel Mainau für Verblüffung sorgte. Stolz präsentierte man ihnen dort den ältesten Ginkgo-Baum Süddeutschlands von 1870, aber die Gruppe war mäßig beeindruckt: „Ach, so einer steht bei uns auch neben dem Pfarrhaus.”
Eyring ließ auch die namenlose Kirche umbauen, dabei erhielt sie ein Querschiff. Das untere Geschoss des Chorturms ist romanisch, also aus der Zeit vor 1200. Der wertvolle Taufstein und die alte Kanzel aus der Spätrenaissance stehen seit 1923 als Dauerleihgabe in der Deutschhauskirche in Würzburg.
Die älteste Kirchenglocke stammt von 1508 und erklang laut Inschrift noch, um Maria zu ehren, also neun Jahre bevor Luther seine Thesen verbreitete und sich später in Herrnberchtheim die Reformation durchsetzte. Moderne Technik bei der Glockensteuerung, die Zobel selbst programmierte, nachdem man keine Läutbuben mehr gefunden hatte, sowie die robuste, zuverlässige Mechanik bei der Kirchenuhr, deren schwere Gewichte Roland Hegwein einmal in der Woche nach oben ziehen muss, ergänzen sich wunderbar.
Für so ein altes Pfarrdorf wie Herrnberchtheim war die Auflösung der Pfarrstelle ein großes Thema: Eine aus Sicht des Kirchenvorstands nicht nachvollziehbar hohe Schätzung für die Kosten der Pfarrhausrenovierung nach der Verabschiedung des letzten Pfarrers 2015 leitete drei zermürbende Jahre ein. Versprechungen und Enttäuschungen durch die Landeskirche wechselten. Ein ganzes Jahr wurde eine Wohnung in Oberickelsheim für einen Pfarrer angemietet, ohne dass jemals jemand drin gewohnt hätte.
Als klar war, dass die Pfarrstelle nicht mehr besetzt wurde, gab es neuen Knatsch, weil Herrnberchtheim gerne mit den anderen beiden Ippesheimer Ortsteilen Bullenheim und Ippesheim eine Kirchengemeinde bilden wollte – über Dekanatsgrenzen hinweg.
Schließlich wurde der Wunsch aus Herrnberchtheim erhört. Doch bei der Entscheidung, welches Pfarrhaus renoviert wird, zog der Ortsteil knapp den Kürzeren gegenüber Ippesheim. Dass die Geschichte doch noch ein Happy End fand, liegt am Dorfgemeinschaftshaus. Die Kirchengemeinde überschrieb das Pfarrhaus und die Grundstücke der Pfarrgründestiftung inklusive des Melanchthonheims der politischen Gemeinde.
2020 lag der endgültige Plan für den Anbau ans Pfarrhaus vor. Die Dorfgemeinschaft begann sofort, in Eigenleistung das Pfarrhaus zu renovieren. Auch beim Neubau anstelle des Melanchthonheims wurde wieder viel Eigenleistung erbracht. Seit der Einweihung im März 2023 hat, so Zobel, „das Projekt die Dorfgemeinschaft neu aufleben lassen und den Zusammenhalt gestärkt. Rückblickend hätte es für Herrnberchtheim nach der anfänglichen Ungewissheit und den Aufregungen über den Erhalt der Pfarrstelle nicht besser kommen können.” Er ist überzeugt: „Das neue Dorfgemeinschaftshaus ist ein Segen für Herrnberchtheim.”