Ein Wolf verletzt laut Behörden eine Frau in der Hamburger Innenstadt - nun ist das weitere Schicksal des eingefangenen Tieres unklar. Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) sagte auf einer Pressekonferenz, man frage sich bei einer Freilassung des eingefangenen Tieres: „Er hat das einmal getan, tut er das wieder?“. Vorstellbar sei eine Situation, in der der Wolf auf einen Schulhof oder in eine Kita hinein laufe. „Das ist eine Situation, die ich mir nicht verzeihen würde“, sagte Fegebank. „Wölfe sind Raubtiere.“
Der Wolf war am Montagabend im Stadtteil Altona den Angaben zufolge in eine Einkaufspassage eingedrungen. Eine Frau habe eine Bissverletzung erlitten, sagte Fegebank. Sie sei im Universitätsklinikum Eppendorf ambulant behandelt worden. Später fingen Polizisten den Wolf in der Innenstadt ein. Sie holten das erschöpfte Tier aus der Binnenalster.
Nach Fegebanks Angaben gibt es drei Optionen zum weiteren Umgang mit dem gefangenen Wolf: auswildern, einschläfern oder ihn in einen Wildpark bringen. „Alle drei Optionen liegen auf dem Tisch“, sagte sie. Aber wenn er ausgewildert werde, sei natürlich nicht ausgeschlossen, dass er bei nächster Gelegenheit wieder in eine kleine Stadt, ein Dorf oder eine Großstadt laufe und er dann noch mal so etwas tue.
Der Wolfsangriff hat nach Fegebanks Angaben einen Präzedenzfall geschaffen. Das Tier sei bereits am Samstag in Hamburg gesichtet worden, am Sonntag habe die Behörde davon erfahren. Bis Montagabend habe der junge Wolf das arttypische scheue Verhalten gezeigt. „Gestern Abend kam es dann zu einer unerwarteten und auch sehr überraschenden Verhaltensänderung“, sagte die Zweite Bürgermeisterin.
Das Bundesnaturschutzgesetz verbiete den präventiven Abschuss eines streng geschützten Tieres, betonte sie. Eine aktive Treibjagd wäre ein unkalkulierbares Risiko gewesen. Es hätte zu Unfällen oder Panikreaktionen kommen können. Zum weiteren Umgang mit dem schließlich in der Innenstadt von Polizisten eingefangenen Wolf sagte Fegebank: „Wir werden sehr zeitnah eine Lösung finden.“ Man sei darüber in intensiver Absprache.
Bereits vor dem Vorfall habe sich der Senat mit dem Thema Wolf auseinandergesetzt. Das Wolfsmanagement werde aufgrund der Erfahrungen, die man jetzt gemacht habe, erneut überprüft und gegebenenfalls auch angepasst, sagte Fegebank. Der Einsatz werde nun gemeinsam mit Polizei und weiteren Experten ausgewertet. Das oberste Ziel dabei sei die Sicherheit der Hamburgerinnen und Hamburger.
Bei dem Wolf habe es sich um jenes Tier gehandelt, das in den Tagen zuvor im Westen der Stadt gesichtet worden sei. Die ersten Sichtungen des Tieres seien am Samstag in zwei Parks oberhalb des Falkensteiner Ufers im Stadtteil Blankenese gemacht worden. Am Sonntagvormittag sei der Wolf im Bereich des S-Bahnhofs Othmarschen beobachtet worden, am Nachmittag im Bereich des Stadtteils Nienstedten.
Der Journalist, Jäger und Wolfsexperte Eckhard Fuhr sprach sich im Interview des Fernsehsenders RTL dafür aus, das Tier zu töten. „Ein dauerndes Leben in Gefangenschaft in einem Tierpark kann man diesem Wolf nicht zumuten“, sagt er. Die Alternative – das Tier wieder freizulassen – hält Fuhr für ebenso problematisch. Unter dem Gesichtspunkt des Tierwohls sowie der öffentlichen Sicherheit sieht der Experte nur eine vertretbare Lösung: „Es wäre die vernünftigste Lösung, den Wolf zu töten.“
Das Tier soll ein noch recht junger Wolf sein. „Nach Experteneinschätzung handelt es sich bei dem Tier höchstwahrscheinlich um einen Welpen in der Abwanderungsphase von seinem Rudel“, hatte die Umweltbehörde am Montag mitgeteilt. In dieser Phase legen die Tiere meist weite Strecken zurück. Auf der Suche nach einem eigenen Revier sei der Wolf wohl „versehentlich so weit in das Stadtgebiet gelaufen“, dass er nun nach einem Weg aus der Stadt suche.
Die CDU-Bürgerschaftsfraktion warf dem rot-grünen Senat vor, die Gefahr durch Wölfe falsch eingeschätzt zu haben. „Erst kürzlich haben SPD und Grüne einen Antrag der CDU in der Bürgerschaft abgelehnt, den Wolf unverzüglich in das Hamburger Jagdrecht aufzunehmen.“ Völlig unverständlich sei auch, dass Hamburg am vergangenen Freitag im Bundesrat bei der Abstimmung über die Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdgesetz seine Zustimmung verweigert habe.
Seit dem Jahr 2013 wurden in Hamburg mit dem aktuellen Fall 22 Wolfsnachweise eindeutig bestätigt. Zuletzt wurde Mitte März ein verendeter Wolf auf der Autobahn 25 in Höhe der Auffahrt Curslack nach einem Wildunfall gefunden. Im September vergangenen Jahres hatte ein Wolf zwei Kamerunschafe in der Nähe eines Hofes im Stadtteil Marmstorf nahe der Landesgrenze zu Niedersachsen gerissen.
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