„Wir sind überrascht”: So ist in Ansbach die Lage nach der Cannabis-Legalisierung | FLZ.de

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Veröffentlicht am 07.10.2024 09:07

„Wir sind überrascht”: So ist in Ansbach die Lage nach der Cannabis-Legalisierung

Der Konsum von Cannabis ist seit einem halben Jahr erlaubt. Die Legalisierung verlief weniger dramatisch, als manche befürchtet haben. (Foto: Christian Charisius/dpa)
Der Konsum von Cannabis ist seit einem halben Jahr erlaubt. Die Legalisierung verlief weniger dramatisch, als manche befürchtet haben. (Foto: Christian Charisius/dpa)
Der Konsum von Cannabis ist seit einem halben Jahr erlaubt. Die Legalisierung verlief weniger dramatisch, als manche befürchtet haben. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Ein halbes Jahr nach der Cannabis-Legalisierung hat die Frauen-Union des CSU-Kreisverbandes Ansbach Menschen, die mit der Droge zu haben, eingeladen eine Zwischenbilanz zu ziehen. Über ihre Erfahrungen waren die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion teilweise selbst überrascht.

„Haben Sie in der Öffentlichkeit in letzter Zeit kiffende Menschen gesehen?“ Als Antworten auf seine Frage erhält Dieter Hegwein, Leiter der Ansbacher Kriminalpolizei zwei zaghafte Fingerheber, ein „Ja, einmal im Park“ und „auf dem Festival neben mir“. Ansonsten schweigen die Zuhörerinnen und Zuhörer im voll besetzten Wintergarten im Gasthof Bergwirt in Herrieden. Laut dem Cannabisgesetz, das am 1. April in Kraft getreten ist, dürfen Erwachsene privat bis zu drei Pflanzen beziehungsweise 25 Gramm getrocknetes Cannabis besitzen. Seit 1. Juli darf auch in nicht-gewerblichen Vereinigungen angebaut werden. Selbstverständlich war man von Seiten der Polizei gegen die Legalisierung, versichert der Kriminalbeamte. Doch er sagt auch: „Wir hatten es schlimmer erwartet. Aus unserer Sicht läuft es fast geschmeidig.“

Niedrige Fallzahlen

In Zahlen für den Landkreis Ansbach bedeutet das: Sowohl beim Handel, der immer noch verboten ist, als auch beim Konsum in Verbotszonen, etwa in der Nähe von Kindereinrichtungen, notiert die Polizei laut dem Leiter der Kripo „Fallzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich“.

Im Straßenverkehr sieht das Cannabisgesetz vor, dass man ab einem Grenzwert von 3,5 Nanogramm THC pro Milliliter im Blut nicht mehr fahrtüchtig ist.

Überschritten und von der Polizei erwischt wurden Personen im niedrigen dreistelligen Bereich. Die Anzahl der Leute, die unter Cannabis-Einfluss einen Verkehrsunfall verursacht hätten, ist laut Dieter Hegwein „marginal. Wir sind selbst überrascht, dass es nicht mehr sind.“

Verlässliche Zahlen sind nötig

Eine abschließende Bilanz möchte der Kripo-Leiter jedoch nicht ziehen: „Der bisherige Zeitraum ist noch zu kurz für verlässliche Zahlen.“

Eine hohe Zahl kann dafür Tim Werner, Leiter der Ansbacher Suchthilfe Blaues Kreuz, nennen: Um 80 Prozent sind die Teilnehmenden des Frühinterventionsprogrammes der Organisation zurückgegangen. Zuvor hätten überwiegend jugendliche „erstauffällige Konsumenten“ am Programm teilgenommen, so Werner. „Wer mitgemacht hat, dem wurde das Delikt aus der Akte gestrichen.“ Doch seit Inkrafttreten gehen 14- bis 18-Jährige straffrei aus, wenn sie mit den im Gesetz vorgeschriebenen Mengen erwischt werden.

Kaum Veränderungen

Im vergangenen halben Jahr sei ein Drittel der Beratungsthemen beim Blauen Kreuz Cannabis gewesen. Oft werde es mit Alkohol oder anderen Substanzen kombiniert, meint Werner. Doch am Umgang mit den Drogen und den einhergehenden Problemen habe sich im letzten Jahr nicht groß etwas verändert, stellt der Suchtberater fest.

Gerade in der jetzigen Zeit „ist Prävention wichtiger denn je“, betont Martin Heyn vom Bayerischen Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung im Bayerischen Landesamt. Seine Stelle prüft unter anderem die Anträge für Anbauvereinigungen und ist zuständig für die Schulung der Präventionsbeauftragten in diesen. Aktuell werden 27 Anträge aus ganz Bayern überprüft. „Da kommt noch was nach, das ist erst der Anfang“, ist Heyn überzeugt.

Mit mehr Widerstand gerechnet

Es sei wichtig, auch die Menschen in Anbauvereinigungen für Prävention und Jugendschutz zu sensibilisieren. Ein nicht immer einfaches Unterfangen. Doch von den 27 Personen, die sein Zentrum bis jetzt ausgebildet habe, hätten 78 Prozent angegeben, dass sie zufrieden seien. „Wir haben mit mehr Widerstand gerechnet“, gibt Martin Heyn zu.

„13 Prozent der Menschen, die Cannabis konsumieren, werden abhängig“, warnt Dr. Teresa Ratschke, die der Diskussion als Medizinerin beiwohnt. Die Substanzen, die aktuell auf dem Markt sind, haben mit im Schnitt 14 bis 20 Prozent einen deutlich höheren THC-Gehalt als noch vor zehn Jahren. „Die Konsumenten können sich damit in den seltensten Fällen umbringen. Doch die Droge verändert die Denkleistung und kann zu Halluzinationen führen“, sagt Ratschke.

Gefahr für jugendliche Gehirne

Sie betont die Gefahr für Jugendliche. Bei ihnen befände sich das Gehirn im Umbau. „Wenn es in dieser Phase mit THC geflutet wird, kann es zu erheblichen kognitiven Defiziten führen.“ Ob diese Schäden rückgängig gemacht werden können oder für immer bleiben, weiß man nach aktuellem Forschungsstand noch nicht.

„Der Schutz der Kinder und Jugendlichen ist durch die Droge gefährdet“, das ist für Adrian Rupp, Rechtsanwalt und Justiziar beim Bezirksklinikum Mittelfranken, klar. Aus seiner Sicht müsse das Gesetz kassiert werden. „Es spaltet und destabilisiert die Gesellschaft!“

Besonders in kleinen Kommunen haben Anbauvereinigungen aus seiner Sicht nichts zu suchen. „Auf der einen Straßenseite spielen die Kinder Fußball, auf der anderen stehen die Kiffer Schlange“, so malt sich der Rechtsanwalt die weitere Zukunft mit Cannabis aus.

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