In einigen Teilen des Staatsforstes in der Region gibt es künftig keine Eingriffe von Menschen mehr. So entsteht ein unberührtes Netz für Pflanzen und Tiere.
Umgefallene Bäume liegen kreuz und quer, junge Pflanzen breiten sich ohne Konzept am Waldboden aus – was auf viele wie ein vernachlässigtes Stück Natur wirkt, gehört zum Konzept der bayerischen Staatsforsten. Infotafeln klären die Passanten über diese Naturwälder auf.
Zwölf starke Hände packen an. Von einem Anhänger tragen die Auszubildenden die massive Holzbank mit ihrem Ausbilder Hartmut Klosch zu dem zukünftigen Standort. Dann die Kontrolle von Meister Klosch: Wackelt sie noch?
Die neue Bank steht im Klosterwald zwischen Heilsbronn und Petersaurach im Landkreis Ansbach. Wer hier Platz nimmt, blickt direkt in ein Stück Naturwald. Schon seit 2020 richten die Zuständigen des Forstbetriebs Rothenburg, zu dem weite Teile Westmittelfrankens gehören, diese wilden Wälder ein. In einigen Bereichen des Staatswaldes greift der Mensch also nicht mehr ein. Der Hintergrund: Mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ hat der Bayerische Landtag eine neue Regel festgelegt. Auf zehn Prozent der staatlichen Waldfläche soll sich die Natur frei entwickeln können, lautet die Vorgabe.
„Das soll sich wie ein Netzwerk über die gesamte Fläche erstrecken“, erklärt Maximilian Hetzer, der Revierförster. Zum Teil handelt es sich dabei um größere Flächen, auch von mehreren Hektar. Umgefallenes Gehölz bleibt liegen und bietet Tier- und Pflanzenarten einen neuen Lebensraum.
Auch im kleineren Rahmen bekommt die Natur mehr Raum: Beispielsweise lassen die zuständigen Förster einzelne Bäume stehen, in denen viele unterschiedliche Arten beheimatet sind. In diesen Biotopbäumen sind Pilze, Insekten oder ein Specht angesiedelt, erklärt Hetzer. Dieses Netzwerk beschreibt Norbert Flierl, Leiter des Forstbetriebs Rothenburg, auch als Trittstein-Konzept. Es geht also darum, immer wieder eine unberührte Fläche zu haben, damit das gesamte Ökosystem davon profitieren kann.
Drei Aspekte sind bei den Naturwäldern besonders interessant, hebt Christian Frey, stellvertretender Bereichsleiter Forsten vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ansbach, hervor. Einerseits wollen sie an den Flächen beobachten, wie sich die Biodiversität entwickelt. Außerdem sei es interessant, wie sich die Wälder ohne Eingriffe des Menschen im Klimawandel entwickeln – schaffen sie es also, sich anzupassen oder sterben sie womöglich ab?
Der dritte Aspekt steht in Verbindung mit dem Termin im Klosterwald: Sie möchten den Menschen den Wald näherbringen. Deshalb haben die Mitarbeitenden der bayerischen Staatsforsten bereits in vier der zehn Reviere Informationstafeln angebracht. Bänke mit einem QR-Code stehen an sechs Orten.
Im Heilbronner Klosterwald sind die Arbeiten nun auch abgeschlossen. „Es ist die kürzeste Verbindung zwischen Petersaurach und Heilsbronn“, begründet Flierl den Standort. Direkt an dem Wander- und Radweg lädt eine massive Holzbank zum Verweilen ein. Dr. Jürgen Pfeiffer, Heilsbronner Bürgermeister, war bei den letzten Handgriffen dabei. Er freute sich über den nachhaltigen Waldumbau.
Der Naturwald in Heilsbronn ist etwa einen Hektar groß. „Da wird jetzt nichts mehr gemacht“, fasst Christian Frey zusammen. Doch was, wenn ein kranker Baum oder herabhängender Ast Spaziergänger und Radfahrerinnen gefährdet? Da würden die Mitarbeiter minimal eingreifen: „Wir würden den Baum abschneiden und wieder reinschieben“, sagt Maximilian Hetzer. Dort würde er dann als Totholz liegenbleiben.
Im Forstbetrieb Rothenburg wird die Fläche der Naturwälder keine zehn Prozent beanspruchen. Rund 4,5 Prozent der Staatswälder hier werden sich selbst überlassen. Allerdings schätzt Norbert Flierl, dass man mit Selbstverpflichtungen weit über fünf Prozent kommen werde. Mehr hält Flierl jedoch nicht für sinnvoll. Er setzt auf die unberührten Inseln und möchte ansonsten die naturnahe Bewirtschaftung vorantreiben.
Nicht jeder Wald kann ohne weiteres zum Naturwald werden. Bestimmte Voraussetzungen, wie beispielsweise ein hoher Anteil natürlich vorkommender Baumarten, müssen gegeben sein. In dem kleinen Stück des Heilsbronner Klosterwaldes sind diese Bedingungen erfüllt. „Es ist ein Schmuckkästchen“, schwärmt Flierl. Das Stück hebt sich von dem durch Fichten und Kiefern geprägten Wald ab: Dort sind viele Eichen und Buchen zu finden.