Die Freiheit der Kunst und die Persönlichkeitsrechte stehen in einem spannungsvollen Verhältnis. Der Schriftsteller Manfred Kern, der aus Wettringen im Landkreis Ansbach stammt, weiß das inzwischen aus eigener Erfahrung. Im Interview erzählt er, wieso sein Buch „Lose Enden“ vom Markt verschwunden ist und was aus der Erzählung geworden ist.
Sie verschenken Ihre Erzählung „Lose Enden“ im Internet. Warum?
Weil es sie als Buch nicht mehr gibt, aber sie mir wichtig ist. Ich erzähle von einem besonderen Tag: dem 7. Juni 2022, der Beerdigung meiner Mutter, von den Begegnungen an diesem Tag in meinem Heimatdorf und von den Erinnerungen, die sie wecken.
Wieso ist Ihr Buch vom Markt verschwunden?
Ungefähr drei Wochen nachdem das Buch herauskam, habe ich einen Brief von einem Rechtsanwalt erhalten – und der Verlag auch. Verwandte haben ihre Persönlichkeitsrechte verletzt gefühlt und eben einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Er hat gefordert, dass das Buch sofort vom Markt kommt, als eine Art Wiedergutmachung fast 3000 Euro gezahlt werden sollen und so weiter. Daraufhin hat der Verlag das Buch sofort vom Markt genommen.
Was haben Sie empfunden?
Ich bin erschrocken. Für mich ist es eine persönliche Katastrophe gewesen. An der Erzählung habe ich acht, neun Monaten gearbeitet. Ich habe Geld verloren, die Möglichkeit, etwas daran zu verdienen. Und natürlich hat es mich emotional mitgenommen.
Es kam dann zu einem Gerichtsverfahren?
So weit kam es nicht. Der Verlag als auch ich haben uns einen Rechtsanwalt genommen. Der Verlag hat dann eine Unterlassungserklärung unterschrieben, die er in meinen Augen nicht unterschreiben hätte dürfen. Er hat darin zugestanden, dass er nur eine neue Fassung bringen wird, wenn die Menschen, die sich verletzt gefühlt haben, nicht mehr identifizierbar sind.
Was spricht dagegen, die biographischen Spuren in dem Text zu verwischen?
Das ist bei einer Geschichte, wo es um die Beerdigung meiner Mutter geht, einfach nicht machbar gewesen. Ich habe den Verlag daher gebeten, dass ich die Rechte an dem Buch zurückbekomme und erklärt, was ich vorhabe, eben die Geschichte auf eine Website zu stellen. Ein anderer Verlag hätte das Buch ja nun mit Sicherheit nicht mehr gedruckt.
Und diese Geschichte verschenken Sie nun?
Ich bin mit einer sozusagen gereinigten Fassung an die Öffentlichkeit gegangen. Zwar bin ich nach wie vor der Meinung, dass im Buch keine Persönlichkeitsrechte verletzt sind. Trotzdem habe ich mich für die Website auf gewisse Änderungen eingelassen. Habe die Namen geändert, nicht nur von den betroffenen Personen, sondern auch von ihren Familienmitgliedern. Außerdem habe ich einige Stellen geändert, die vor Gericht vielleicht keinen Bestand gehabt hätten, ein Zitat aus einem Brief zum Beispiel oder biographische Daten.
Solche Daten zu verwenden, ist auch in einem literarischen Werk heikel. Waren Sie naiv oder leichtfertig?
Ja, das war naiv. Ich habe von diesen ganzen Rechtsfragen bis dahin wenig gewusst und nicht mit dieser Verletzung gerechnet, die offenbar entstanden ist.
Trotzdem veröffentlichten Sie die Geschichte. Wieso?
Ich hatte keine Veranlassung, das Buch vollkommen zurückzuziehen. Es gibt ja kein Gerichtsurteil. Mein Rechtsanwalt hat erreicht, dass wir sozusagen einen Burgfrieden schließen, dass jeder seinen Anwalt bezahlt und wir die Sache auf sich beruhen lassen. Mein Manuskript war trotzdem weg.
Sie veröffentlichten es nun aus Trotz?
Nein, es gibt ja das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Kunstfreiheit. Es gibt keinen Grund, mir diese Rechte nehmen zu lassen. Der gegnerische Anwalt wollte mir dieses Recht absprechen, indem er meinen Text als Bericht hingestellt hat, er also kein Kunstwerk sei.
Gut, wer Ihre Geschichte liest, stellt fest, dass sich in der konkreten Situation viel Allgemeingültiges findet: das Leben auf dem Dorf, Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden. In dem Text können sich mehrere Generationen finden.
Das ist immer die Absicht, wenn ich schreibe. Es geht mir nicht darum, private Dinge auszusprechen. Das interessiert mich nicht. Wenn in einer Erzählung etwas sichtbar wird, was über einen selber hinausgeht, wo man sich erkennt als Teil eines größeren Ganzen, da wird es interessant – nicht nur für einen selber, sondern auch für die anderen. Ich habe mein Schreiben immer als Forschungsarbeit erlebt: dass ich herausfinden möchte, was ist eigentlich passiert. So war es auch an diesem Tag, der ein dreifacher Abschied war: von der Mutter, der Kindheit, dem Dorf.
Von den 132 Seiten sind wie viele Seiten problematisch?
Keine einzige. Der Rechtsanwalt hat sieben, acht Stellen beanstandet. Es hätte nur passieren können, dass mir einzelne Stellen, einzelne Wortgruppen gestrichen hätten werden können. Es ist ja kein Buch über die Personen, die den Rechtsanwalt beauftragt haben.
In welcher Balance befinden sich denn für Sie Persönlichkeitsrechte und Kunstfreiheit?
Es gibt drei Säulen: Man darf die Unwahrheit nicht sagen. Man darf niemanden diffamieren. Und es darf nicht ehrenrührig, verleumderisch sein. Nichts von dem habe ich gemacht. Das Erzählen ist für mich eine ganz friedliche Sache. Ich erzähle, was ich erlebt habe. Das ist das Recht eines jeden. Und ich schreibe nur das, was ich mir selber zugemutet hätte und auch zugemutet habe. Am meisten gebe ich von mir selber preis. Für mich heißt Schriftstellersein: Wenn ich nicht ehrlich, wenn ich nicht wahrhaftig bin, in dem, was ich schreibe, habe ich meinen Beruf verfehlt. Es kann natürlich sein, dass andere für sich andere Grenzen ziehen.
Hatten Sie Grenzen im Blick?
Beim Schreiben habe ich mir vorgestellt, vielleicht in fast schöner Kindlichkeit vorgestellt, dass es ein Geschenk wird für die Leute, weil es darin viele warmherzige Schilderungen, Denkmalsetzungen für Personen gibt. Ich dachte: Die freuen sich dann – was ja bei anderen übrigens der Fall war.
Manfred Kern, 1956 in Rothenburg geboren, wuchs auf einem Bauernhof in Wettringen auf. Nach einem abgebrochenen Architektur-Studium absolvierte er in Würzburg eine Ausbildung zum Buchhändler. 1985 zog er mit Frau und Tochter nach Coburg, wo er seither als freier Schriftsteller lebt. Er schreibt Lyrik und Prosa, zum Teil in fränkischer Mundart. Die Erzählung „Lose Enden“ findet sich unter: https://lose-enden.de