Wie zwei Australier die Neustädter Kerwa sehen | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 26.06.2025 14:32

Wie zwei Australier die Neustädter Kerwa sehen

Josh (links) und Grace (rechts) aus Australien mit ihrer Gastgeberin Alexandra Bürin: Die tasmanischen Geschwister sind begeistert von der Neustädter Kerwa. (Foto: Patrick Lauer)
Josh (links) und Grace (rechts) aus Australien mit ihrer Gastgeberin Alexandra Bürin: Die tasmanischen Geschwister sind begeistert von der Neustädter Kerwa. (Foto: Patrick Lauer)
Josh (links) und Grace (rechts) aus Australien mit ihrer Gastgeberin Alexandra Bürin: Die tasmanischen Geschwister sind begeistert von der Neustädter Kerwa. (Foto: Patrick Lauer)

Bald geht es zurück nach Paris, dann nach Prag und dann vielleicht noch nach Polen. Im Moment allerdings sitzen Josh (25) und Grace (22) Wilson noch auf zwei Gartensesseln im Wohngebiet Hasengründlein und lassen den Neustädter Kerwaabend des Vortages Revue passieren. Wie wars? „Awesome“.

Josh und Grace sowie ihre sechs (!) Geschwister („Die wollen auch alle mal nach Europa“) stammen aus Sheffield im australischen Bundesstaat Tasmanien. Bei Tasmanien handelt es sich um eine Insel vor der Südspitze des australischen Festlandes – grob gesagt: Gegenüber von Melbourne. Die Hauptstadt Tasmaniens ist Hobart. Der Bundesstaat hat rund 570.000 Einwohnern, etwa 8,5 Menschen auf einen Quadratkilometer. Zum Vergleich: im eher dünn besiedelten Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim sind es rund 80 Menschen pro Quadratkilometer.

Hausfassaden mit Wandgemälden

Sheffield ist . . . nun ja: ein Kaff. 1400 Einwohner, und um ein bisschen aufzufallen hat sich der Ort seit 1986 darauf verlegt, die Hausfassaden an der Durchgangsstraße mit großformatigen Wandgemälden zu versehen.

Hier sind Josh und Grace aufgewachsen, wohnen aber mittlerweile in Perth an der australischen Westküste. Über Neustadt sagen sie: „Nicht zu groß und nicht zu klein.“ Also irgendwo zwischen Sheffield und Perth. Genau richtig, eben.

Kennengelernt am Strand in Perth

Aber wieso verschlägt es eine gelernte Farmarbeiterin und einen IT-Ingenieur mit Schwerpunkt AI (Künstliche Intelligenz) nach Neustadt an der Aisch? Ist der Ruf der Neustädter Kerwa tatsächlich bereits bis down under vorgedrungen? Nein, die Antwort auf diese Frage heißt Alexandra Bürin, waschechte Neustädterin, 19 Jahre alt, seit vergangenem Jahr Abiturientin und bis Anfang Mai vier Monate in Australien und Neuseeland unterwegs.

Das könnte Sie auch interessieren
Bürgermeister und VG-Vorsitzender in Scheinfeld: Die Karriere des Theodor SchellSitzungsgeld im Vergleich: Das „verdienen” Stadt- und Gemeinderäte im Kreis NeustadtRatsneuling Michael Seybold wird in Gebsattel gleich dritter BürgermeisterMehr Sicherheit in Betzendorf: Stadtrat stimmt Verkehrsinseln zuInsinger Gemeinderat startet: Ein Neuer wird gleich zweiter BürgermeisterAbschied und Willkommen im Gemeinderat Ohrenbach: Fünf Neugewählte vereidigtGlasfaser für 45 weitere Adressen in Neuendettelsau: Was das die Kommune kostetMit Flohmarkt und Blaulicht-Einblicken: Freibad-Eröffnung in LichtenauBeim Dorfgemeinschaftshaus Oberscheckenbach hat der Feuerwehrteil PrioritätIn Wettringen werden fünf neue Mitglieder des Gemeinderates vereidigt„Fang mer ou”: Die neue Rathauschefin von Geslau legt mit einem Mundartsatz losVier Stunden lang vereidigt und diskutiert: Das ist der neue Uffenheimer StadtratNeuformiert und auch ein bisschen größer: Der Dombühler Gemeinderat legt losGroße Verabschiedungsfeier für Bürgermeister Karl Fickel in GerolfingenKürzung von Integrationskursen: Die sozialen Folgen für Ansbach

Sie hat Josh, einen seiner Brüder und dessen Freundin an einem Strand bei Perth getroffen, man kam ins Plaudern, machte einen gemeinsamen Rückwärtssalto von einer Plattform, guckte Delfinen zu, verbrachte auch in den darauffolgenden Tagen einige Stunden zusammen und tauschte Telefonnummern aus.

Die ganze Welt als Arbeitsplatz

Kurz darauf entschied Josh, die Welt erkunden zu wollen, denn „für meine Arbeit brauche ich nur das hier“, sagt er und hebt sein Laptop hoch. Kurzerhand verkaufte er seine Besitztümer, jettete zunächst in die USA („Nein, ich musste in kein Abschiebegefängnis. Anscheinend sah ich noch weiß genug aus.“) und von da nach Europa. Dort – genauer gesagt in Paris – traf er seine Schwester Grace, die auch gerade nichts Besseres zu tun hatte und solange mit Josh durch die alte Welt touren will, bis ihr das Geld ausgeht. „Dann geht’s wieder heim“, sagt sie.

Kaum in Paris angekommen – Josh hatte sich in den USA einen Virus eingefangen und war ein wenig durch den Wind – stellte er fest, dass eine von ihm verehrte Technoband demnächst in Mannheim spielt. Mannheim? Deutschland? Da war doch was: Ein Anruf bei Alexandra Bürin („Na klar – Ihr wohnt bei mir.“) brachte Grace und Josh schließlich nach Neustadt – Mannheim-Abstecher inklusive. Und wer in diesen Tagen „Neustadt“ sagt, der sagt damit natürlich auch „Kerwa“. Der Schnelltest verläuft befriedigend: Das Wort kommt den beiden Aussies schon fast akzentfrei über die Lippen.

Schon beim Umzug und beim Bieranstich waren sie dabei, Bürgermeister Klaus Meier wurde kurzzeitig ihr Idol. Kein Wunder, der Mann sieht nicht nur imposant aus – „ein Bild von einem Bürgermeister“ – sondern nach dem Umzug schenkte er auch noch Freibier aus und Grace war unter den glücklichen Empfängern eines frisch gezapften Kruges.

Radspitz und Pizza aus dem Automaten

Am Montagabend folgte dann der eigentliche Höhepunkt – jenes Ereignis, dass die beiden jungen Menschen aus Tasmanien künftig ihr Leben lang als Inbegriff deutscher Kultur bezeichnen werden: Der Abend im Bierzelt mit Radspitz. „Awesome“, sagt Grace und ihre Augen leuchten. Und dann schwärmt sie noch von einem Verkaufsautomaten vor der Kohlenmühle, bei dem sich der Bruder ihrer Gastgeberin morgens um 3 Uhr mit Pizza versorgt hat. Nein, so etwas habe sie in Australien noch nicht gesehen. Awesome.

Für all diejenigen, die des Englischen nicht so mächtig sind: „Awesome“ übersetzt man am besten mit „außergewöhnlich“ im Sinne von „höchst beeindruckend“. Sie hätten es bei Partys in ihrer Heimat ja schon das eine oder andere Mal erlebt, das einzelne Menschen im Taumel kurzzeitiger Begeisterung auf den Tisch sprangen, um zu tanzen, doch sei dies meist dem Alkohol oder einer sehr spontanen Gefühlsaufwallung geschuldet. Dass aber praktisch eine komplette Zeltbesatzung einen ganzen Abend lang fast ununterbrochen zu Stimmungsmusik auf Tischen und Bänken steht, schunkelt, tanzt, lacht und trinkt – das nötigt den Aussies Respekt ab, das hätten sie nicht für möglich gehalten. Höchst beeindruckend, sagt Josh. Awesome.

Beide sind schockverliebt

Kein Zweifel – Josh und Grace sind schockverliebt. In Deutschland mit seinen vielen Menschen, von denen so viele Englisch sprechen, in Neustadt und seine Kerwa, in das Hasengründlein, das doch eigentlich ein Vorort ist, aber gar nicht so aussieht, wie sich ein Australier einen typischen langweiligen „Suburb“ vorstellt. Grace hat voller Begeisterung festgestellt, dass sie mit Nenas „99 Luftballons“ einen deutschen Evergreen bereits kennt und kann schon „Dankeschön“ sagen und Josh verspürt absolut keine Sehnsucht nach dem vielen Platz in seiner Heimat. In ein paar Monaten will er möglicherweise noch einmal wiederkommen, den Herbst in Neustadt erleben.

Dann greift der junge Weltenbummler nach seinem Laptop, er hat jetzt ein digitales Meeting, die Arbeit ruft ihn aus down under. Man darf sich sicher sein – seinen Kollegen und Geschwistern wird Josh, der ein wenig aussieht wie ein verkaterter Jesus, begeistert von der Neustädter Kerwa erzählen. Und wer weiß: Vielleicht gibt es im Bierzelt ja schon im kommenden Jahr einen australischen Tisch.


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
north