Wie ein Arzt spricht, kann übers Patientenwohl entscheiden | FLZ.de

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Veröffentlicht am 11.10.2026 04:03

Wie ein Arzt spricht, kann übers Patientenwohl entscheiden

Wie Ärzte und Patienten miteinander kommunizieren, wirkt sich auf das gegenseitige Vertrauen aus. (Symbolbild) (Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa)
Wie Ärzte und Patienten miteinander kommunizieren, wirkt sich auf das gegenseitige Vertrauen aus. (Symbolbild) (Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa)
Wie Ärzte und Patienten miteinander kommunizieren, wirkt sich auf das gegenseitige Vertrauen aus. (Symbolbild) (Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa)

Beim Arzt zählen Wortwahl und Tonfall oft besonders und entscheiden darüber, wie Patienten ihre Behandlung verstehen und erleben. Oft entschieden kleine Nuancen darüber, ob ein Patient seine Behandlung motiviert angehe und ein Medikament wirklich nehme - und damit, ob es wirklich Besserung gebe, erklärt Sven Benson, Leiter des Instituts für Didaktik in der Medizin am Universitätsklinikum Essen.

Könnte es vielen Menschen bessergehen, wenn mehr Ärzte gut und passend kommunizieren würden? „Ja, definitiv“, meint Benson. Kommunikation spiele neben Fachwissen und adäquater Versorgung der Patientinnen und Patienten eine immense Rolle.

„Vor Jahrhunderten hat die Medizin noch so funktioniert, dass es im Wesentlichen wirklich alles über Kommunikation und Rituale lief und man relativ wenig wirksame Arzneien zur Verfügung hatte“, erklärt Benson. Dieses Wissen um die Macht von Worten und Glauben sei in Zeiten moderner Schulmedizin ein bisschen verloren gegangen.

Für die Diagnose sei gute Kommunikation aber ebenso wichtig wie für das Verständnis und die Motivation beim Patienten. „Und es hat auch mit Patientensicherheit zu tun.“ Bei guter Gesprächsatmosphäre trauten sich Patienten eher mitzuteilen, wenn etwas nicht in ihrem Sinne läuft - ohne einfach das verschriebene Medikament wegzulassen.

Kleiner Unterschied - großer Effekt

Wenn ein Arzt „10 Prozent der Patienten haben Nebenwirkungen“ sagt statt „9 von 10 Patienten vertragen das Medikament gut“, kann ein bestimmtes, oft sehr stark wirkendes Phänomen greifen: der Noceboeffekt. Während beim Placeboeffekt allein schon die positive Erwartung zu einer Verbesserung der Symptome oder einer gesteigerten Wirkung von Medikamenten und Therapien beiträgt, umfasst der Noceboeffekt ungünstige Gesundheitsfolgen durch negative Erwartungen.

Ein weiteres Beispiel, das ein Team um Benson in der „Pflegezeitschrift“ aufführt: „Sie können nach der Impfung Fieber und Gliederschmerzen bekommen.“ Besser wäre demnach: „Wenn Sie leichtes Fieber oder Gliederschmerzen spüren, ist das ein gutes Zeichen - Ihr Immunsystem arbeitet und baut den Schutz auf.“

Wie unfassbar stark der Effekt ist, zeigen zahlreiche Studien. Ein Experiment zeigte zum Beispiel, dass die schmerzlindernde Wirkung größer war, wenn Studienteilnehmer darüber informiert waren, dass sie mit dem hochwirksamen Opioid Remifentanil behandelt wurden. „Wurden hingegen Informationen gegeben, die negative Erwartungen verbunden mit der Sorge vor einer Verstärkung des Schmerzes auslösten, verlor das Medikament seine schmerzlindernde Wirkung fast vollständig“, erläutert Bensons Team in der „Pflegezeitschrift“.

Kommunikation beeinflusst, ob jemand die Therapie fortsetzt

Durch auf mangelhafter Kommunikation basierende Noceboeffekte könne es zu reduzierter Therapietreue bis hin zu Therapieabbrüchen kommen, zur Nutzung unwirksamer Alternativbehandlungen und auch zu häufigeren Arztbesuchen. Neben den Arztgesprächen spielten dabei auch Informationen auf Beipackzetteln oder Berichte etwa in sozialen Medien eine Rolle.

Der Arzt und Kommunikationstrainer Wolfgang Kölfen sagt, dass vom Patienten vorgetragene Internet-Recherchen oder KI-Antworten nicht einfach abgetan werden sollten. „Ich finde es gut, dass Sie sich so viele Gedanken gemacht haben“ funktioniere als anerkennender Einstieg. Danach könne man die eigene Erfahrung und fachliche Position immer noch deutlich machen.

Die „Bodenplatte“ aus Vertrauen werde bereits bei der ersten Begegnung gesetzt, meint Kölfen. „Es ist gut investierte Zeit, am Anfang diese Vertrauensbasis herzustellen.“ Gute Kommunikation beginne schon vor Untersuchung und Diagnose: Schon die erste Begrüßung spiele eine Rolle.

Tipp: Patienten vom Warten abholen

Auch Benson betont, wie wichtig es sei, als womöglich aufgeregter Patient im Gespräch erst mal ankommen zu können. Eine gute Idee für Hausärzte sei, den Patienten aus dem Wartezimmer abzuholen. „Das bietet Raum für ersten Small Talk und man kann den Gang sehen, aus dem sich viel ableiten lässt.“

Die US-Ärztin Wendy Harpham beschreibt in ihrem Buch „Clinical Communication“, dass schon die scheinbar simple Alltagsfloskel „Wie geht es Ihnen?“ zum inneren Dilemma bei Patienten führen könne: Ist die Frage schon Teil des Arztgespräches oder gehört sie noch zum höflichen Small Talk? Wie viel soll nun preisgegeben werden über den körperlichen Zustand, das emotionale Befinden oder gar das persönliche Leben?

Medizinern könne es helfen, sich selbst zu fragen, wie verunsichert sie von einer bestimmten Frage wären - und welche Formulierung sie selbst besser fänden. „Kommunikation ist eine klinische Kernkompetenz“, betont Harpham, die in ihrem Buch Erfahrungen und Erkenntnisse teilt - sowohl aus ihrer Sicht als Ärztin als auch als Krebspatientin.

Die Wahrheit sagen - und trotzdem Hoffnung machen

Die Kommunikation bei schweren Diagnosen erfordere besonderes Feingefühl. „Als ob dies nicht schon Herausforderung genug wäre, muss man dabei zwei Verpflichtungen erfüllen, die sich scheinbar gegenseitig ausschließen: die Wahrheit zu sagen und die Hoffnung der Patienten zu stärken.“

In Kliniken haben dafür Pflegekräfte viel Potenzial, erklärt Benson. Sie verbrächten meist viel mehr Zeit als das Ärzteteam beim Patienten, über mehrere Tage hinweg - entsprechend groß sei ihr möglicher positiver Einfluss. Oft bekämen sie auch wesentlich mehr anvertraut, was wiederum entscheidend für den Behandlungserfolg sein könne.

Im Alltag sei die Umsetzung allerdings nicht immer einfach: Der Fachkräftemangel sorge für knapper werdende personelle Ressourcen, zudem träfen oft unterschiedliche Generationen und Menschen mit verschiedenen sprachlichen und kulturellen Hintergründen aufeinander, sagt Kölfen.

Prinzipiell sieht Benson das Gesundheitssystem aber auf gutem Weg. Kommunikation werde an den medizinischen Fakultäten in Deutschland überall und flächendeckend unterrichtet, zahlreiche Fakultäten thematisierten Placebos und Nocebos. „Das Bewusstsein dafür, dass Kommunikation eine zentrale Rolle spielt und große Effekte hat, wird immer größer.“

© dpa-infocom, dpa:261011-930-821392/1


Von dpa
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