Den mit Schmuck überladenen Weihnachtsbaum vier Wochen vor Heiligabend aufstellen? Viele Geschenke? Üppiges Essen, den Kirchgang vor der Bescherung ausfallen lassen und Lebkuchen schlemmen? Was heute normal scheint, war in vergangenen Zeiten unvorstellbar. Bewohner der Hospitalstiftung in Bad Windsheim erinnern sich.
Man kennt ihn, diesen Satz, den die Großmütter und Großväter immer mal wieder sagen: „Wir waren sehr sparsam, es hat ja nichts gegeben. Es waren Kriegszeiten.“ Diese Realität scheint vergangen, ohne Bedeutung für das Heute. Tief ins Herz trifft hingegen jene Szene, die Helmut Munzinger (88) aus Crailsheim dann erzählt. Seine Schwester habe einst durch ein Schaufenster geblickt und die Mutter angebettelt, ihr die schöne Puppe dort zu Weihnachten zu kaufen. Die habe daraufhin gefragt: „Willst du die Puppe oder etwas zu essen?“ Das Mädchen sei verstummt, denn die Antwort darauf sei klar gewesen. Natürlich habe das Kind etwas zu essen haben wollen, so Munzinger. „Eine Puppe war damals eine Rarität.“
Geschenkt worden sei an Weihnachten meist „etwas Nützliches und Praktisches“, was man ohnehin gebraucht hätte. Selbstgestrickte Handschuhe, Socken, einen Schal. Helmut Wagner (82) aus Bad Windsheim durfte sich auch schon mal über selbst gebasteltes Holzspielzeug freuen. Eine Eisenbahn hätte er früher immer gerne gehabt, aber nie bekommen. Die hat er dann später seinem Sohn geschenkt. „Die Gleise zogen sich durchs ganze Zimmer, zwei Trafos waren nötig. Einer allein hat's nicht mehr gepackt.“
Manfred Henkel (60) hat seine Kindheit und Jugend in Ansbach verbracht. Er bedauert, dass viele Präsente heute nach wenigen Tagen in der Ecke landen, „weil viel zu viel“ geschenkt werde. Früher sei mit sehr viel mehr Liebe geschenkt worden und ohne überzogene Erwartungshaltung. Deswegen würde Henkel sich wünschen, dass man sich wieder auf das Wesentliche zurück besinnen möge, und „dass die Leute wieder gut miteinander auskommen.“ Dass viele Kinder und Jugendliche eigentlich nur noch Geld zu Weihnachten haben wollen, um sich selbst was kaufen zu können, bedauert Elisabeth Rost (86) aus Neustadt sehr. Obwohl sie sich gleichzeitig darüber freut, dass es ihnen gut geht und ihr Leben nicht von Entbehrungen geprägt ist.
Besondere Erinnerungen verbinden die Senioren mit dem Weihnachtsbaum ihrer Kindheit. „Bei uns war er an einer Schnur befestigt, damit er nicht umkippt“, erzählt Munzinger. Das Schmücken sei seinem Vater vorbehalten gewesen. Der sei ein Kriegsgeschädigter gewesen und habe aufgrund einer Verletzung einen Arm nicht mehr richtig heben können. Das Schmücken habe er sich trotzdem nicht nehmen lassen. Und es sei immer ein echter Baum gewesen. „Einen künstlichen hatten wir nie, auch später nicht.“
Henkel indes hatte drei Brüder, Mit einem von ihnen sei er tagsüber in den Wald gegangen und habe sich einen stattlichen Baum fürs Wohnzimmer rausgesucht. Nachts sei das Duo zurückgekehrt – mit einer Axt oder einer Säge. „Und dann haben wir den Baum umgelegt und nach Hause getragen. Man hat sich halt nicht erwischen lassen dürfen.“ Geschmückt worden sei er von den Eltern, die ihn erst an Heiligabend präsentiert hätten, zur Bescherung.
Besonders gut erinnert sich Henkel an den Weihnachtsbaum seiner Tante. Die nämlich sei mit einem Amerikaner verheiratet gewesen. „Und die Amerikaner sind ja bekannt für ihre mit Schmuck überladenen Bäume und den vielen Kitsch, mit dem sie ihn behängen, bis er fast umzustürzen droht“, erzählt der 60-Jährige.
Für Elisabeth Rost war es auch immer wichtig, dass ein echter Baum im Wohnzimmer steht, kein künstlicher. „Man muss doch den Tannenduft riechen können“, sagt sie. Geschmückt worden sei er bei ihnen mit Lametta und Kugeln. Auch Äpfel habe man dran gehängt und die Christbaumspitze habe nicht fehlen dürfen. Sollte die mal runtergefallen und zerbrochen sein, habe man sie einfach wieder zusammen geklebt. Manchmal sei der Baum sogar bis Ostern stehen gelassen worden. „Man hat ja nur an Feiertagen in der guten Stube gesessen und eingeheizt.“ Ansonsten sei die Familie meist in der Küche zusammen gekommen.
Helene Brandwein (83) aus Bad Windsheim, aufgewachsen in der Metzgergasse, hat sich vor allem eines eingeprägt: Dass sie und ihre beiden Geschwister am 24. Dezember „mit dem Vati“ spazieren gegangen sind und als sie wieder zu Hause gewesen seien, habe da Heu auf der Treppe gelegen. „Da haben wir gewusst: Das Christkind war da.“ Tatsächlich steckte hinter allem ihre Mama. Sie war es auch, die für die Gans am ersten Weihnachtsfeiertag gesorgt hat.
Der 88-jährige Munzinger hat irgendwann selbst die Wahrheit übers Christkind herausgefunden. „In dem Kostüm steckte meine Cousine.“ Das habe er allerdings für sich behalten. Weil er sich schlichtweg nicht getraut habe, die Cousine zu enttarnen. „Uns haben sie auch weis gemacht, dass es das Christkind geben würde“, sagt Elisabeth Rost. Dass mittlerweile jeder noch so kleine Ort sein eigenes Christkind im Kostüm hat, behagt ihr gar nicht. „Das wird viel zu viel.“
Weil ihre Eltern eine Landwirtschaft hatten, waren die Teller bei ihnen nie leer, betont Elisabeth Rost. „Irgendwas gab es immer zu schlachten.“ Henkel erinnert sich indes gerne an die großen Puten, die es bei den in und um Ansbach herum stationierten amerikanischen Soldaten zu kaufen gab. „Die waren köstlich und hatten verschiedene Sorten von Fleisch.“ Auf den Tisch kamen sie in seiner Familie am ersten Weihnachtsfeiertag. An Heiligabend gab es den Klassiker: Würstchen mit Kartoffelsalat. Dieser Tradition folgt man ein Stück weit auch in der Hospitalstiftung. Dort wird es am 24. Dezember saure Bratwurst geben, wie Elisabeth Rost berichtet.
Die Weihnachtswünsche der Senioren sind bescheiden geblieben. „Eine Gesichtscreme“, sagt Elisabeth Rost. Und Helmut Munzinger hätte gerne eine Hautcreme. Im Foyer der Hospitalstiftung haben sie ihren Wunsch an den Weihnachtswünschebaum gehängt und hoffen darauf, dass er sich erfüllen möge. Helmut Wagner hat das nicht getan. „Ich brauche nichts, ich will nur gesund bleiben.“
Was er aber tun wird, am 24. Dezember: Er wird seinen besten Anzug und eine Krawatte aus dem Schrank holen, sich schick machen und in die Kirche gehen. Seine Frau hatte das zu ihren Lebzeiten zur Tradition gemacht. 52 Jahre lang war er mit ihr verheiratet und genauso viele Heiligabende haben sie es genau so gehandhabt: Kirchgang im Anzug, gefolgt vom Essen und der Bescherung.
Henkel hingegen ist froh, wenn er an Weihnachten seine Ruhe hat. Das Halligalli und den Remmidemmi seiner Kindheit vermisst er nicht. „Früher war Weihnachten familiär. Das ist jetzt anders. Hier im Heim ist man auf sich selbst gestellt“, sagt Munzinger. Seine Gedanken, so betont er, seien an Heiligabend bei all jenen, die arbeiten müssten oder Bereitschaftsdienst hätten. Weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie das ist. „Das stresst.“