Seine Bedeutung und bauliche Einmaligkeit verdankt Rothenburg königlichen Privilegien, die die Anerkennung als Reichsstadt bedeuteten. Deren Verleihung vor 750 Jahren wird seit Monaten groß gefeiert, jetzt in Form der Reichsstadttage. Wir beteiligen uns an dem historischen Jubiläum mit einer Artikelserie, die den Weg der Stadt nachzeichnet: von den Ursprüngen bis zur Gegenwart.
Die 1274 zugesicherten Rechte bescherten Rothenburg einen Entwicklungsschub und goldene Jahrzehnte. Die Unabhängigkeit hatte aber Grenzen. Im Kräftespiel mit anderen Territorialmächten musste die Stadt stets auf der Hut sein, um nicht unter die Räder zu kommen. Lange klappte das gut, aber der Preis dafür wurde immer höher.
Nachdem sich die Stadt durch die inneren und äußeren Krisen des 15. und 16. Jahrhunderts noch einigermaßen unbeschadet durchlaviert hatte, kam es im 17. Jahrhundert knüppeldick. Ursache dafür war, wie Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger erklärt, die Entscheidung der Oberen, die vorher lange praktizierte politische Neutralität aufzugeben. So trat Rothenburg 1609 der Union bei, einem Schutzbündnis protestantischer Stände. 1618 begann dann jener Krieg, der 30 Jahre dauern sollte und für viele Städte und Regionen im Reich alles veränderte.
Im Rothenburger Herrschaftsgebiet sei es schon in den ersten Kriegsjahren zu Verwüstungen und Plünderungen gekommen, so Huggenberger. Durchziehende Truppen hätten untergebracht und verpflegt werden müssen. Als Reichsstadt sei Rothenburg zu klein gewesen, um in diesem Konflikt Einfluss auszuüben. „Es war eine Zeit der Großmächte, die enorme militärische, politische und wirtschaftliche Macht entwickelten“, sagt der Stadtarchivar.
Die Stadt konnte sich kein eigenes großes Söldnerheer leisten, sondern war auf fremde Hilfe angewiesen und musste sich Schutz im Zweifelsfall teuer erkaufen. Auch die Stadtmauer galt als veraltet, weshalb 1621 Pläne zur Modernisierung der Befestigung erstellt wurden, die aber in Ermangelung der dafür nötigen finanziellen Mittel nicht zur Umsetzung kamen.
1631 ging es dann ums Ganze für die Stadt. Es ergab sich jene Konstellation, die die historische Grundlage für die Handlung des – am Samstag zweimal im Kaisersaal zu erlebenden – Festspiels „Der Meistertrunk“ bildet. In der Realität lief das Geschehen vermutlich ein bisschen anders ab als im Stück.
Rothenburg hatte 1631 schwedische, also protestantische Truppen aufgenommen, was der kaiserlichen und damit katholischen Seite ein Dorn im Auge war. Deren Heerführer Graf Tilly zog mit seinen Truppen auf die Stadt zu.
Dort gingen die Oberen laut Dr. Huggenberger zunächst von kleineren Einheiten aus und beschlossen, Rothenburg verteidigen zu lassen. Es kam zu ersten Kampfhandlungen. Währenddessen wurde immer klarer, dass es sich bei den kaiserlichen Verbänden, die bereits da waren, nur um eine Vorhut gehandelt hatte.
Nachdem die Angreifer die Mauern schon an einigen Stellen überwunden hatten und es zusätzlich eine Explosion an der Klingenbastei gab, entschied sich der Rat laut Huggenberger „wegen der aussichtslosen Lage für die Kapitulation“. Die Angreifer rückten in die Stadt ein, an der Spitze Graf Tilly selbst.
Da es unter den kaiserlichen Verbänden zahlreiche Opfer gegeben hatte, seien massive Vergeltungsmaßnahmen wahrscheinlich gewesen, erklärt der Stadtarchivar weiter. Es folgten aber keine Hinrichtungen von Ratsherren, und die Stadt wurde auch nicht zerstört.
Dass ein eindrucksvoller Meistertrunk dieses bewirkt haben könnte, besagt die Legende. Die eigentlichen Gründe waren aber vermutlich weniger wundersam. Möglicherweise schreckte Tilly so kurz nach dem Blutbad in Magdeburg mit rund 20.000 getöteten Einheimischen vor Ähnlichem in Rothenburg zurück.
In Abweichung zur Festspiel-Handlung wurde die Stadt aber sehr wohl geplündert, und sie musste hohe Abgaben leisten. Die verbleibenden Kriegsjahre bescherten weitere Substanzverluste. Die wirtschaftliche Entwicklung stagnierte. Lebensfähig blieb Rothenburg aber.
So wurden laut Dr. Huggenberger in kleinem Umfang Getreide und Vieh exportiert. Dadurch hätten die meisten Menschen eine Existenzgrundlage gehabt. Das habe bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auf einem eher bescheidenen Niveau für politische und soziale Stabilität gesorgt, betont der Historiker.
Nach der Französischen Revolution 1789 wurde es allerdings auch in Rothenburg wieder unruhiger, und zwar aus der Bürgerschaft heraus, die unter steigenden Preisen für die Grundversorgung zu leiden hatte. 1795 sei es gar zu einem Sturm auf das Rathaus gekommen, berichtet Dr. Huggenberger.
Der Rat sah sich zu Zugeständnissen gegenüber der Bevölkerung genötigt. Eine Kommission wurde eingesetzt, die Verbesserungsvorschläge für die reichsstädtische Verfassung ausarbeitete.
Die Oberen blockierten diese Reformen schließlich aber kategorisch, in der Überzeugung die alte reichsstädtische Ordnung mit Vorrechten für einige wenige einflussreiche Familien aufrechterhalten zu können.
Das war eine Fehleinschätzung. Denn die große Politik besiegelte schon 1803 das Ende der Reichsstadtzeit von Rothenburg, das Teil des Königreichs Bayern wurde.
Seit der Verleihung des Freiheitsprivilegs waren 529 Jahre vergangen. Diese unvorstellbar lange Zeitspanne lässt sich, so möchte man meinen, unmöglich in einer für die normale Bevölkerung attraktiven und nachvollziehbaren Form zusammenfassen.
Doch es gibt ein Format, das genau dieses versucht und durch das Zutun Hunderter Einheimischer, die aktiv mitwirken, auch schafft: Am Wochenende erlebt es seine nächste faszinierende Auflage.