Was mag das sein: „Das Gegenteil von Rock 'n' Roll”? Die Dietenhöfer Vier-Mann-Kapelle Gankino Circus nennt so ihr jüngstes Programm. Am Freitag, 13. März, tritt sie damit um 20 Uhr, in den Ansbacher Kammerspielen auf. Ein guter Anlass, um grundsätzliche Fragen zu klären. Johannes Sens, der Schlagzeuger der Band, beantwortet sie.
Gankino Circus – der Name ist schwerer als man denkt. Herr Sens, wie wird der jetzt ausgesprochen, englisch oder deutsch? Circus oder Zirkus?
Geht beides. Naja, also tatsächlich, wenn ich viel darüber rede, sage ich gern Zirkus. Das macht es einfacher, weil der Gankino auch nicht wirklich ein englisches Wort ist. Gankino Horo ist der Name eines bulgarischen Volkstanz.
Man kann Gankino Circus für eine Spaßkapelle halten. Wie sehen Sie das?
Spaß macht es auf jeden Fall, was wir tun. Und wir kriegen sehr oft von unserem Publikum gespiegelt, dass es genau das ist, was die Leute suchen, wenn sie zu uns kommen. Aber eine Spaßkapelle wie sie bei einer Après-Ski-Party oder am Ballermann spielt, sind wir nicht. Wir haben ja mit Musikern wie dem Arztsohn „Dr.“ Simon Schorndanner wirklich Persönlichkeiten in unserer Gruppe, die ihr Instrument voll und ganz beherrschen und die Sache ernst nehmen. Damit können wir ein Niveau bieten, das ganz andere Bedürfnisse befriedigt als eine Ballermann-Kapelle. Trotzdem eskalieren wir natürlich gern.
Dietenhofen ist das Zentrum der Gankino-Circus-Welt. Provinz ist in den Programmen ein Thema. Wie viel Hassliebe steckt da drin?
Na ja, Hassliebe ist in meinen Ohren ein eher falsches Wort, weil mit Hass hat das gar nichts zu tun. Umso mehr vielleicht mit Liebe. Ich glaube, dass wir ohnehin viel mehr Liebe brauchen – und ab und zu ein gemeinsames Bier. Aber die Ambivalenz, die in dem Wort Hassliebe steckt, die trifft es schon ziemlich gut. Also ich meine, wir sehen natürlich, wir versuchen zu durchleuchten, wo Schwächen oder auch einfach nur Geschichten stecken und wollen uns vielleicht auch ein bisschen da drin suhlen. Aber wir würden ja nicht ständig mit so viel Leidenschaft in Ansbach, Dietenhofen, Herrieden, Windsbach, Ornbau, Bruckberg, Großhabersdorf, Neustadt/Aisch und ich weiß nicht wo noch spielen, wenn da nicht eine Leidenschaft dafür da wäre. Ohne Provinz, also ohne Dietenhofen, gäbe es uns wahrscheinlich auch nicht. Aber trotzdem ist es halt so, dass in manchen Momenten das Leben in der Provinz schon ganz schön das Gegenteil von Rock 'n' Roll ist. Und wir lieben Rock 'n' Roll.
Ist die Provinz provinziell, also zurückgeblieben, nicht auf der Höhe der Zeit?
Wir sind die Letzten, die einem Trend hinterherlaufen: Deshalb, weil wir aus der Provinz kommen, glaube ich, und weil die Provinz relativ gut weiß, wer sie ist. Sich so gut zu kennen und seine Grenzen so gut zu definieren, das hat unglaublich große Vorteile. Diese Grenzen nicht zu kennen und darüber hinauszuschießen und Dinge zu tun, die überflüssig sind: Daraus entstehen dann die Probleme der Großstadt. Deswegen liegt eine große Stärke der Provinz in genau dieser Selbsterkenntnis.
Jetzt sind sie mit einem Rock 'n' Roll-Programm unterwegs? Aus der Sehnsucht nach einer guten alten Zeit heraus?
Klassischerweise hat Rock 'n' Roll immer was mit Drogen und Sex und wenig Schlaf zu tun. Einiges davon ist gar nicht so unser Ding. Aber irgendwie ist es trotzdem ein Kindheitstraum. Und natürlich steckt da was Nostalgisches drin, aber weniger verklärt als eher neu gedacht: Rock 'n' Roll ist einfach eine unfassbar gute Musik.
Für was steht sie?
Rock 'n' Roll ist ein Synonym für eine befreite Zügellosigkeit und für einen erfüllenden Optimismus, dafür, im Leben etwas für sich zu finden. Wir brauchen keine Drogen, um high zu sein. Uns reicht da die Musik komplett, um Geschichten zu erzählen und so einen Abend ins Undenkbare zu steigern, und dann ist Rock 'n' Roll kein Gitarrenriff mehr, dann ist Rock 'n' Roll ein Zustand. Und weil eben das Leben auf dem Land in gewisser Weise, vor allem in den Geschichten, die wir auspacken, in den Momenten, die wir markant finden, sich oft als das Gegenteil von Rock 'n' Roll darstellt, hat sich das für uns als wunderbarer Programmtitel erschlossen. Weil wir eben gleichzeitig auch gerne Rock 'n' Roll mit Akkordeon machen.
Spaß ist nicht immer und überall, auch nicht in Dietenhofen. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen damit um?
Sie meinen die Werkschließung von Playmobil: Die ist noch zu aktuell, als dass wir die jetzt klassisch-kabarettistisch darin einbauen. Natürlich ist der Pessimismus, der in solchen Situationen entstehen kann, in gewisser Weise Futter für Geschichten, die wir erzählen, aber in einer generellen Form. Wenn so ein großer Arbeitgeber wegfällt, kann relativ schnell ein Gefühl entstehen, bei dem man den Glauben an die Zukunft verliert. Der Arbeitsplatz ist weg. Man hat keine Perspektive mehr. Die Stimmung ist im Keller. Dagegen braucht es eine große Menge Spaß. Den wollen wir liefern, das ist unsere Antwort auf eine solche Situation.
Und Gankino Circus bietet dafür kleine Fluchten aus dem tristen Alltag?
Mehr als das. Ich denke, so eine gemeinsame Ekstase kann ein soziales Signal sein. Ja, sie löst keine wirtschaftlichen Probleme. Aber sie erinnert daran, dass wir als Gemeinschaft nicht nur aus unseren Sorgen bestehen, sondern auch gegenseitig füreinander da sind. Und dass man Abende hat, an denen man gemeinsam lachen kann und feiern kann und Zuversicht schöpfen. Und man kann an so einem Abend sehen, dass wir noch nicht ganz verloren sind. Dafür sind, finde ich, Orte wie die Kammerspiele wichtig – oder unser Musiksaal in Dietenhofen.
Johannes Sens ist der Schlagzeuger von Gankino Circus, 1984 in Gunzenhausen geboren, „aufgewachsen in Ornbau und groß geworden in Dietenhofen”, wie er sagt. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Folkband Gankino Circus. Die Vier-Mann-Kapelle formierte sich 2007 in Dietenhofen und gibt pro Jahr rund 100 Konzerte im In- und Ausland.