Über ihre Auszeichnung freut sich Lisa Bratenstein riesig. Der 34-Jährigen wurde von Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf der Ehrenamtsnachweis 2024 verliehen. Den erhielten in diesem Jahr nur 16 Menschen. „Das ist eine tolle Anerkennung und Wertschätzung unserer Arbeit“, erklärt die Emskirchenerin begeistert.
Die Auszeichnung erhalten Frauen und Männer, sie sich langfristig in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen einbringen. Gemeinsam ist ihnen: Sie engagieren sich mit viel Herzblut in ihrer Freizeit zum Wohle anderer. Das tut auch Lisa Bratenstein, die sich für die Resozialisierung jugendlicher Häftlinge einsetzt.
Wie kam sie dazu? Die gebürtige Fürtherin wollte gern mit Jugendlichen etwas machen. Schon durch ihr Studium lag ihr die Prävention am Herzen, vor allem die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ein Praxissemester in der Justizvollzugsanstalt (JVA) zu machen, klappte nicht, da sie weder Soziale Arbeit noch Psychologie studiert hatte, sondern Gesundheitsmanagement.
Eine Freundin ihrer Mutter, die in der Nürnberger JVA als Schneiderin tätig ist, stellte den Kontakt zum Arbeitskreis Resozialisierung her. Das Vorstellungsgespräch war erfolgreich. Das war der Einstieg. Seit Juni 2022 ist sie mit einem Kollegen in einer Lesegruppe der Jugendarrestanstalt Nürnberg aktiv.
Die Arrestdauer der 14- bis 21-Jährigen beträgt eine bis zu vier Wochen, erzählt die 34-Jährige. Die Gründe weshalb sie hier „einsitzen“, sind unterschiedlich: Betäubungsmittelbesitz, Körperverletzung, häufiges Schwarzfahren, Schulschwänzen und vieles mehr.
Wie dem Portal der Bayerischen Justiz zu entnehmen ist, wird ein Jugendarrest verhängt, „wenn eine Jugendstrafe nicht angemessen ist und zuvor verhängte erzieherische Maßnahmen nicht ausreichend waren“. Der Jugendarrest solle Jugendlichen und Heranwachsenden ins Bewusstsein rufen, dass sie für begangenes Unrecht einstehen müssen.
Das tun viele, weiß Bratenstein. Etlichen wird klar, dass es auch anders geht. Sie versuchen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, auch wenn es nicht leicht ist, und denken über ihre Zukunft nach.
Eine Stunde Hofgang haben die jungen Leute täglich. Die Fenster der Zellen, in der sie viel Zeit verbringen, sind vergittert. „Die Jugendlichen sind viel mit sich und ihren Gedanken allein. Der eine steckt es gut weg, der andere nicht.“ Angebote wie die alle zwei Wochen stattfindende Lesegruppe werden deshalb gern genutzt, um nicht in der Zelle zu sitzen.
Besprochen werden etwa Zeitungsartikel, in denen es darum geht, wie man sich bewirbt, auch wenn das Führungszeugnis nicht das beste ist. „Wir haben Rap-Texte dahingehend analysiert, was sie bei einem auslösen.“ Diskutiert wurde ferner ein Buch, in dem der Autor über seine Drogenabhängigkeit berichtet. Über Fragen zum Text, die als Türöffner fungierten, stieg man ins Gespräch ein. Das hat sich bewährt.
Bisher lief es gut. Abgebrochen werden musste die Stunde noch nie. Nur einmal flog ein Teilnehmer raus. Wenn einer was Blödes sage, werde er von den anderen oft gemaßregelt. Wichtig sei das Vertrauen. „Was erzählt wird, bleibt in der Gruppe. Es fließen auch Tränen. Denn, was zur Sprache kommt, ist manchmal sehr intensiv.“ Das muss verarbeitet werden und ist auch für Lisa Bratensteien schwere Kost.
Nie hatte sie das Gefühl, ihr oder ihrem Kollegen würde nicht respektvoll begegnet. Vielmehr spüren beide große Dankbarkeit der jungen Leute – dankbar, dass jemand freiwillig zu ihnen kommt. „Viele kennen es nicht, dass jemand für sie da ist.“
Die Emskirchenerin ist nicht nur in der Lesegruppe aktiv. Seit März dieses Jahres begleitet sie einmal im Monat eine Gruppe von bis zu sechs erwachsenen männlichen Häftlingen, die ausgangsberechtigt sind. Sie verbüßen in der Nürnberger JVA ihre Haftstrafen von bis zu zwei Jahren. Die Inhaftierten bekommen ein Budget, mit dem sie essen oder eine Kaffee trinken gehen können – immer in Begleitung von Bratenstein und einer zweiten Person.
Probleme gab es bisher noch nie. Auch hier kommt es oft zu Gesprächen. Viele haben nicht gerade die Sonnenseiten des Lebens erlebt. Trotz der begangenen Delikte haben auch sie eine Chance verdient, sagt die Emskirchenerin. „Viele Täter waren früher auch Opfer.“ Für sie ist das keine Rechtfertigung der Taten, aber eine Erklärung.
Neben dem Lesekreis und den Ausgängen mit Inhaftierten, nahm Lisa Bratenstein im Sommer an einem Seminar für Häftlinge und ihre Familien teil. Dabei lag ihr Fokus auf Jugendlichen, deren Väter im Gefängnis sitzen. Die Teenager hatten die Gelegenheit, sich mit betroffenen Gleichaltrigen auszutauschen. Das tat ihnen gut. Nach diesem Seminar war der 34-Jährigen klar, dass sie nicht länger in ihrem alten Beruf arbeiten möchte. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun.“ Das macht sie nun. Sie hängte ihren Job an den Nagel, ist nun Berufseinstiegsbegleiterin an mehreren Mittelschulen in Fürth.
Dort hilft sie einigen ausgewählten Mädchen und Jungen ab der achten Klasse, bei denen es nicht so rund läuft. Sie vermittelt Betriebspraktika und unterstützt die Schüler dabei, einen für sie geeigneten Ausbildungsberuf zu finden; beim Bewerbungsprozess steht sie ihnen ebenfalls aktivierend zur Seite.
Viel Motivationsarbeit ist zu leisten, ferner Prävention. Betreut werden die Mädchen und Jungen auch während der ersten Zeit im Betrieb. Derzeit kümmert sich die Berufseinstiegsbegleiterin um drei Auszubildende, schaut in den Firmen und der Berufsschule vorbei – in der Hoffnung, dass ihre Schützlinge ihren Weg finden.
Bei ihr selbst ist dies der Fall. Neben einem erfüllenden Ehrenamt fand sie den für sie richtigen Job – ein doppelter Gewinn.
Der Ehrenamtsnachweis Bayern wird seit 2009 verliehen – mehr als 10.000 Ehrenamtliche haben ihn seither erhalten. Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales unterstützt die Initiative der Freien Wohlfahrtspflege Bayern.
Neben dem ideellen Wert der Urkunde als Anerkennung für das geleistete Engagement ist der Ehrenamtsnachweis gleichzeitig ein Kompetenznachweis. Er listet erworbene Kompetenzen und Fähigkeiten sowie Aus- und Fortbildungen im Rahmen der ehrenamtlichen Tätigkeiten auf und dient so als Visitenkarte zum Beispiel für Neu- und Wiedereinsteiger in der Berufswelt, teilte das Ministerium mit.