Warum die Jüdische Kulturwoche in Rothenburg die Operette würdigt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 22.10.2025 16:00

Warum die Jüdische Kulturwoche in Rothenburg die Operette würdigt

Szenische Vorführungen des Ensembles würzten die Veranstaltung im Musiksaal.  (Foto: Cedric Sterner)
Szenische Vorführungen des Ensembles würzten die Veranstaltung im Musiksaal. (Foto: Cedric Sterner)
Szenische Vorführungen des Ensembles würzten die Veranstaltung im Musiksaal. (Foto: Cedric Sterner)

Bei der Jüdischen Kulturwoche „Le’Chajim – Auf das Leben!“ geht es darum, der Vergangenheit zu gedenken, der Gegenwart zu begegnen und spannende Hintergründe zu vermitteln. Auch der Unterhaltungsaspekt wird nicht ausgeklammert. Abgedeckt wurde dieses breite Spektrum an Anliegen eindrucksvoll bei einem Operettenabend im Musiksaal.

„Wo bleibt denn das Glück? – Als die Operette jüdisch wurde“ lautete das Motto. Mit einer Mischung aus Musik und Vortrag wurde das Publikum auf eine musikalisch-historische Zeitreise mitgenommen. Camilla Ebert vom Organisationsteam erklärte einleitend, dass es die Kulturwoche seit 15 Jahren in der Stadt gibt. Ziel sei, die Erinnerung an das jüdische Leben in Rothenburg lebendig zu halten, nicht nur in Museen, sondern auch als gelebte Kultur und Geschichte. Am 30. Oktober werde das Format in München mit einem Ehrenamtspreis ausgezeichnet.

Bühne für Jakob Kreß und Isabel Blechschmidt

Danach begann die Aufführung des Ensembles „Oper Plus“. Das Programm wird gefördert durch den Kulturfonds Bayern, die Dorothea-Herzog-Kulturstiftung, die Veit-Pogner-Stiftung sowie die Kulturförderungen der Stadt Nürnberg und des Bezirks Mittelfranken. Sopranistin Isabel Blechschmidt und Bariton Jakob Kreß führten das Publikum sowohl mit Moderation als auch Gesang durch den Abend.

Der Fokus lag vor allem auf jüdischen Operetten-Komponisten. Bekannte Werke dieses Genres von Emmerich Kálmán, Leon Jessel oder Paul Abraham, aber auch von eher vergessenen Künstlern wie Edmund Eysler oder Leo Ascher wurden mit Ausschnitten bedacht. Anfang des 20. Jahrhunderts sei Nürnberg eine Hochburg dieser Musikrichtung gewesen, zu deren kreativsten Köpfen viele Juden gezählt hätten, hieß es. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 habe sich das schlagartig geändert. Die Religionszugehörigkeit der komponierenden Personen, die vorher niemand interessiert habe, sei ideologisiert worden. Viele beliebte Stücke seien so auf dem Index gelandet.

In Spielszenen Facetten beleuchtet

Mit der Begleitung von Klavier, Violine, Schlagzeug und Kontrabass wurden unterschiedliche Facetten einiger Operetten beleuchtet, etwa „Eine Frau, die weiß, was sie will“ von Oscar Straus aus den 1920er Jahren, ein Stück mit frechen und gewagten Inhalten. Das Ensemble intonierte daraus das Lied „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“, das auch gesellschaftskritisch mit Vorurteilen spielt.

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Inspiration für damalige Operetten kam oft aus Amerika, weshalb die Stücke teilweise an Broadway-Shows angelehnt waren, die neuesten Modetänze aus den USA enthielten oder etwa jazzige Elemente, als dieser mehr musikalischen Einfluss gewann. Auch in den Bühnenstücken kamen immer mehr Figuren aus Amerika vor und wurden mit einem klassischen Element der Operetten, dem Adel, als Protagonist verbunden. So auch im gezeigten Ausschnitt aus „Die Herzogin von Chicago“ von Emmerich Kálmán.

Ihm ging es wie vielen anderen jüdischen Musikschaffenden. Seine Werke durften nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr aufgeführt werden, und er musste ins Exil fliehen. Viele Künstlerinnen und Künstler emigrierten in die USA, nach England oder sogar Argentinien. Die heitere Bühnenwelt stand schnell im starken Kontrast zur düsteren Realität, während der Faschismus gesellschaftsfähig wurde.

Flucht aus der Realität

Zentrales Thema dieser Zeit sei auch die Flucht aus der Realität mit ihren Konventionen gewesen. Die Suche nach dem Glück sei eine Grundfrage der Operetten als „leichte Muse mit beschwingten Melodien“. Meistens haben sie ein „Happy End“.

Als das Publikum während der NS-Zeit zunehmend unter „Operettenentzug“ gelitten habe, seien Komponistennamen verändert oder Plagiate von jüdischen Stücken in Umlauf gebracht und die Inhalte „arisiert“ worden, erfuhr das Publikum. So wurde aus „Schwarzwaldmädel“ von Leon Jessel die abgeänderte Version „Monika“. Und Schlemihl, der jiddische Name einer Männerfigur, wurde „durch einen deutscher klingenden” ersetzt.

Die Sehnsucht der ins Exil gegangenen Musikschaffenden nach der verlorenen Heimat Deutschland und Österreich sei später ein zentrales Thema von deren Arbeit gewesen. Auch auf das Genre der „Durchhaltelieder”, auf das die nationalsozialistische Propaganda später im Krieg gesetzt habe, ging das Ensemble ein. So wurde das Lied „Davon geht die Welt nicht unter“ von Bruno Balz in einer berührenden Interpretation im Musiksaal aufgeführt.

Ironisch-tragischer Ausklang

Gegen Ende wechselte die ausgelassene Stimmung schlagartig, und die Grauen des Krieges wurden durch die durcheinander spielenden Instrumente symbolisiert. Die Liedinterpretation nahm einen ironisch-tragischen Ausklang. Balz sei homosexuell gewesen und deshalb von der Gestapo verhaftet worden. Den Liedtext habe er teilweise sogar in Haft geschrieben, erfuhr das Publikum.

Blechschmidt und Kreß erinnerten an die geflohenen und ermordeten Komponistinnen und Komponisten und Librettistinnen und Librettisten von Operetten und bezeichneten die Herrschaft des Nationalsozialismus als „Aderlass für die deutsche Künstlerszene“. Doch die Operette habe den Krieg überlebt und konnte den gleich gebliebenen Wünschen und Träumen der Menschen weiterhin eine Traumwelt und einen idealen Ort bieten.

Trotz des ernsten Hintergrunds geriet die Aufführung von lustigen Szenen und Tanzeinlagen durchaus unterhaltsam. Die Mischung aus Kleinkunst, Interaktion mit dem Publikum, emotionaler Momente und Fakten überzeugte. Die Moderatorin und der Moderator sprachen zum Abschluss des Rückblicks vom „weinenden und lachenden Auge der Operette”, wo „alles etwas bunter und intensiver” sei.


Von Cedric Sterner
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