Wer Sven Brechetsbauer noch einmal Fußball spielen sehen wollte, musste sich beeilen. Der 51-Jährige lief am 25. Spieltag der A-Klasse 5 für den SV Bürglein auf. Ein Kurzeinsatz für die Statistik, mit dem sich die über 40 Jahre lange Karriere des Heilsbronners rundete.
Kaum war der Anpfiff ertönt, da ließ sich Brechetsbauer auch schon wieder auswechseln. Beim Aufwärmen hatte er sich eine Muskelverletzung zugezogen.
Vor dem Spiel war er vom SV Bürglein geehrt worden. Er gilt jetzt als einer der wenigen Spieler, die in allen bayerischen Ligen aktiv waren. Es gibt eine Excel-Tabelle, anhand derer man seine Karriere mit Vereinen und Spielklassen nachvollziehen kann. Auf der fehlte noch die A-Klasse. Bis jetzt.
Als es im Gespräch um die Motivation für die Aktion im Rahmen des Bürgleiner Sportages geht, fällt der Begriff Bierlaune. Mit Mitte 40 hatte Brechetsbauer schon einmal ein Comeback gegeben, damals spielte er er in der B-Klasse zusammen mit seinem älteren Sohn für den SV Bürglein.
Wichtig war ihm nun, dass er niemand den Platz im Team wegnimmt und sein A-Klassen-Einsatz in einem Spiel passiert, in dem es um nichts mehr geht. So war es. Das 0:4 gegen den TSV Cadolzburg II tat Bürglein nicht weh und brachte dem Gegner nicht viel.
Es gab eine Zeit, da sah Brechetsbauer nicht gar so locker über so ein Resultat hinweg. Etwa zehn Jahre lang spielte er für verschiedene Vereine in Mittelfranken in den oberen Amateurligen, galt als lauf- und kampfstarker Mittelfeldspieler.
Dazu zählten SpVgg Ansbach, TSV Schwabach, ASV Vach, Quelle Fürth, FV Wendelstein, TSV Neustadt und ASV Zirndorf. Spielertrainer war er beim Heimatverein FC Heilsbronn. Von dem ging es als Jugendlicher in den 90ern zur SpVgg Ansbach.
Heinz Keck, damals beim Landesligateam der Ansbacher aktiv, war der erste einer ganzen Reihe renommierter Trainer, mit denen es Brechtsbauer zu tun bekam. Dazu zählten außerdem Steff Reisch, Uwe Neunsinger, Franz Weber, Norbert Kettlitz, Klaus Scheidig und Petr Skarabela.
In der Ansbacher Zeit passierte eine schwere Verletzung. „Im Abschlusstraining vor einem Spiel habe ich mir bei einem Zweikampf mit Raimund Müller einen Kreuzbandriss zugezogen. Der hat mich fast zwei Jahre gekostet“, sagt Brechetsbauer.
Bayernliga, Landesliga, Bezirksoberliga, Bezirksliga, Kreisliga, Kreisklasse – in den Jahren danach sammelte er für diverse Vereine etliche Spielklassen ein.
Unter Ex-Profi Skarabela, da konnte man richtig was lernen.
„Unter Ex-Profi Skarabela, da konnte man richtig was lernen, er hat mir Lust auf eine Trainerkarriere gemacht“, sagt Brechtsbauer.
Die fiel dann recht kurz aus, auch weil es Brechetsbauer doch noch in den Profifußball schaffte. Das hatte er aber nicht seinen Füßen, sondern seinen Händen zu verdanken.
Durch ein Praktikum bei der Ausbildung zum Physiotherapeuten landete Brechetsbauer beim 1. FC Nürnberg, knüpfte wertvolle Kontakte. Rund zehn Jahre lang betreute er am Valznerweiher die Profis, darunter die legendäre Truppe, die 2007 den Pokal gewann.
Zum Finale nach Berlin allerdings durfte Brechetsbauer nicht. Den Termin sicherten sich andere. „Ich habe das Endspiel daheim am Fernseher geschaut“, sagt Brechetsbauer.
„Die Spieler, die man nur aus dem Fernseher kannte, plötzlich anfassen zu dürfen, das war am Anfang wie ein Traum“, so Brechetsbauer. Die Arbeit mit den Profis wurde allerdings schnell Routine, führte zu vielen Reisen.
„Als Physio war man manchmal auch Kummerkasten. Die Spieler wussten, dass sie mir alles erzählen konnten, denn das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, habe ich nie missbraucht“, so Brechetsbauer. 2015 endete das Engagement beim Club, unter anderem weil sich Brechetsbauer um seine eigene Praxis kümmern wollte.
Ein besonderes Erlebnis aus der Zeit beim Club hängt mit Javier Pinola zusammen. In einem Freundschaftsspiel 2005 traf Brechetsbauer mit dem TSV Neustadt auf den neu verpflichteten Argentinier, der sich zum Fan-Liebling entwickeln sollte. Später sahen sich beide beim FCN wieder und Brechetsbauer flachste von einem Beinschuss, den er dem Argentinier bei diesem Spiel gerne verpasst hätte. Pinola antwortete: Sei froh, dass das nicht geklappt hat, sonst wärst du heute nicht hier, denn ich hätte dir die Beine gebrochen. So erzählt es Brechetsbauer, der zu zahlreichen FCN-Altstars noch Kontakt halt: „Aus Kollegen wurden Freunde“.
Das Fußballspiel pflegt Brechetsbauer weiterhin, etwa mit seinem zweiten Sohn. Der ist erst acht und freut sich, wenn der Papa mit ihm kickt.