Es ist fraglos eine ungewöhnliche Lebensgeschichte. Mit einem Hauptdarsteller, der weiß, was er will und dafür viel investiert. Auch und gerade weil sich Diaa Alkhatib Tausende Kilometer von seinem Geburtsort Syrien entfernt eine zweite Heimat aufbauen will. Golf spielt da eine wichtige Rolle.
Diaa Alkhatib lebt nun seit acht Jahren in Deutschland. Er fühlt sich bestens aufgehoben, ist gut integriert, spricht beinahe akzentfreies Deutsch, arbeitet Vollzeit und hat sich inzwischen etwas aufgebaut. Alkhatib will in Deutschland sein Glück finden. Dafür investiert er viel – und Sport ist ein wichtiger Schlüssel.
Wobei, ungewöhnlich ist das allemal: Ein Flüchtling, der Golf spielt? Alkhatib muss schmunzeln. Im Golfclub Lichtenau ist er einer von vielen, man kennt sich, grüßt artig. Der Syrer ist dort ein ganz normales Mitglied, das aber womöglich ein wenig häufiger und intensiver trainiert als so manch anderer. Wenn man so will, reiht sich Golf nur ein in sein buntes Leben. Es ist die Fortsetzung seiner spannenden Lebensgeschichte.
Aber der Reihe nach: Bis er 14 war, ging alles seinen geregelten Gang. Er wuchs in Suwaida auf, rund hundert Kilometer entfernt von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Dort spielte er wie nahezu jeder Junge in dem Alter Fußball. „Aber nur auf öffentlichen Plätzen“, denkt der heute 31-Jährige zurück. Seitdem ist freilich viel passiert.
Zunächst verließ er zusammen mit seinem Bruder das Elternhaus. Geld verdienen, sich etwas leisten können, an der eigenen Zukunft basteln – Träume, die Jugendliche überall auf der Welt haben. Im Libanon und auf der nächsten Station Dubai verdiente das Brüderpaar gut, mit dem An- und Verkauf von Immobilien im Wüstenstaat wurden die Träume etwas realer. „Ich wollte schon immer in meinem Leben andere Länder sehen“, sagt Alkhatib heute. Das Fernweh wurde auch verstärkt, weil sich die zunächst angedachte Rückkehr nach Syrien zerschlug.
Das christlich geprägte Suwaida wurde nach Ausbruch des Krieges von Flüchtlingen aus dem Norden quasi okkupiert, berichtet er, nahezu alle Einwohner verließen die Stadt. Von denen, die blieben, kamen Hunderte bei einem Angriff der Terrormiliz Islamischer Staat ums Leben. „Und da ist die Tür nach Deutschland aufgegangen“, erzählt er heute, und ein entspanntes Lächeln breitet sich unter seinem schwarzen Lockenkopf aus. „Ich bin sehr froh, dass Deutschland mich mit offenen Armen empfangen hat.“
Diaa Alkhatib interpretiert das als Geben und Nehmen. Er will im Gegenzug dafür, dass er hier Asyl erhalten hat, etwas leisten, sich einbringen. Die Sprache, die er in einem sechsmonatigen Integrationskurs gelernt hat, ist dafür der Schlüssel. Nach dem ersten Job als Schichtführer ist er inzwischen bei Alfred Thomae angestellt, der einen Indoor-Spielplatz nebst Soccer-Halle bei Herrieden an der A6 betreibt.
Zu seinem Chef hat er ein sehr gutes Verhältnis. Der nahm ihn auch mit auf den Golfplatz. „Nur auf die Driving Range, nur ein paar Bälle schlagen, nur aus Spaß“, denkt Alkhatib zurück. „Den ersten Ball habe ich nicht getroffen, aber beim elften Mal hab ich ihn gut erwischt, und der Ball ist über den Zaun geflogen.“
Rund 250 Meter misst diese Distanz auf der Übungsanlage des GC Lichtenau. Es schaffen nicht viele Bälle über den Zaun. „Alfred hat schon gesehen, dass ich ein bisschen mehr Kraft habe.“
Golf hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Der Modellathlet, der bei einer Größe von 1,90 Meter 89 Kilo auf die Waage bringt, muss seitdem „einmal die Woche Golf spielen, sonst fehlt mir etwas“. Doch Alkhatib spielt ja nicht nur einfach Golf. Er hat sein Faible für die Spezialdisziplin „Long Drive“ entdeckt.
Dabei gilt es, den kleinen Ball möglichst weit zu schlagen – ohne dabei die Genauigkeit zu verlieren. Das ist die große Herausforderung bei derartigen Wettbewerben. Die Weitenjäger, im Fachjargon Longdriver genannt, müssen ihre Bälle in einen relativ schmalen Korridor platzieren. Alles, was daneben liegt, geht nicht in die Wertung ein. Ein halbes Jahr trainierte Diaa Alkhatib und versuchte sich dann gleich bei den European Long Drive Games Mitte Mai in Fulda, der Europameisterschaft für Golf-Amateure. Alkhatib steigerte sich Runde für Runde, erreichte das Finale und donnerte seinen Ball dort im besten Versuch auf 317 Meter. Lediglich der Belgier Florent Roekaerts war um zwei Meter und ein paar Zentimeter besser, Alkhatib zeigte sich aber „sehr froh“ über Platz zwei. „Das hätte ich nie gedacht.“
Sein Ehrgeiz ist geweckt, selbst der Traum von Amerika, wo ein Longhitter als Profi viel Geld verdienen kann, scheint nicht mehr so weit weg. „Ich will mir eine schöne Zukunft aufbauen“, sagt der 31-Jährige mit Nachdruck. Dazu hat er sich ein kleines Häuschen in Ansbach gekauft, renoviert und zwei Wohnungen vermietet. Ein Appartement hat er selbst bezogen. Alkhatib lacht, es läuft gut für ihn in der neuen Heimat. Nur das Übungsgelände in Lichtenau müsste verlängert werden...