Ein ganzes Jahrhundert Lebensgeschichte. Ernst Huber ist am 20. August 1924 geboren. „Da muss man froh sein, überhaupt so alt zu werden“, sagt er zufrieden. Und obwohl das Hören und Sehen nachlässt, ist die Erinnerung noch scharf.
Offen und humorvoll mit einem eisernen Willen: So würden Freunde und Verwandte Ernst Huber beschreiben, meint seine Tochter, Carola Asimus. Dass der 100-Jährige seine offene Art und seinen Humor sich für so lange Zeit erhalten konnte, ist dabei durchaus bemerkenswert. Als eines von acht Geschwistern hat Ernst Huber aus Windsbach einiges erlebt.
Mit 15 Jahren absolvierte er eine Berufsausbildung zum Bauschlosser. Anschließend folgte eine zweite Lehre zum Heizungsmonteur. Sein Vater war Metzger, besaß sogar ein eigenes Wirtshaus in Windsbach.
Doch schon mit 18 Jahren endete diese Normalität für Ernst Huber: Im September 1942 wurde er in den Krieg eingezogen. Nach der Grundausbildung wurde er der Luftwaffe zugeteilt. Als „Nachtjäger“ saß er „als dritter Mann“ im Flugzeug, wie seine Tochter erzählt. Ab 1944 war er als Fallschirmjäger in Österreich im Einsatz.
Zum Ende des Zweiten Weltkrieges geriet der damals 21-Jährige in Tschechien in russische Kriegsgefangenschaft. Zwangsarbeit im Straßenbau in Aserbaidschan und in einem Kalkwerk bildeten nun für zwei Jahre seinen Alltag. Zumindest soweit es die Gesundheit mitmachte. Denn wegen der Arbeit im Kalkwerk hatten sich Geschwüre an den Füßen des Windsbachers gebildet. Er kam ins Lazarett, wie er erzählt. An den Arzt, der ihm eine Salbe gemischt und ihn dadurch vor einer Amputation bewahrt hatte, erinnert sich der Jubilar noch ganz genau.
Vom Essen bis hin zur Post – einfach alles war im Arbeitslager knapp gewesen, erzählt Huber. Teils bestand seine Ernährung aus Brennnesseln. Nach eineinhalb Jahren im Arbeitslager erhielt er dann zufälligerweise genau an seinem Geburtstag Post aus der Heimat. Den Brief seiner Mutter durfte er mit nur 25 Wörtern beantworten.
Einzig die Wanzen waren laut Huber im Lager in großen Scharen vertreten. Sie hausten in den Strohsäcken, die als Schlafstätte dienten. Im Viertelstundentakt wurden Namen von Häftlingen verlesen, die entlassen werden sollten. Huber erinnert sich an das Bangen und Hoffen, seinen Namen zu hören: „Es war alles Schikane.“
Doch insgesamt hatte Huber mehr als nur einmal großes Glück gehabt. Er schildert, dass nach Kriegsende in Tschechien große Feindseligkeit gegen deutsche Soldaten herrschte, dass man sie „teilweise aufgehängt“ hatte. Durch Zufall unterhielt sich Huber kurz vor seiner Festnahme freundschaftlich mit einem jungen russischen Soldaten, der fließend Deutsch sprach. Er ist überzeugt, dadurch einem solchen Schicksal entgangen zu sein.
Auch seine Tochter kennt diese „sehr berührende Anekdote“ und betont, dass „eben doch auch Empathie auf beiden Seiten war“. Ebenso wirkte sich Hubers teils schlechter gesundheitlicher Zustand im Lager paradoxerweise zu seinem Vorteil aus: Er wurde in ein anderes Lager mit besserem Essen versetzt.
An die Zugfahrt nach seiner Entlassung erinnert sich der Senior noch genau. Frauen hielten ihm damals Bilder unter die Augen, in der Hoffnung ihre Söhne, Männer oder Brüder zu finden.
Am 5. Dezember 1947 kam Ernst Huber schließlich wieder in Windsbach an. Noch einmal sollte auch jetzt das Glück auf seiner Seite stehen. Hätte er sich kurz nach seiner Ankunft nämlich nicht mit einer Axt versehentlich den Daumen verletzt und wäre er deshalb nicht ins Krankenhaus gebracht worden, wären Wassereinlagerungen und Folgen einer Malaria-Erkrankung unbemerkt geblieben. So konnte er behandelt werden.
Die Worte seines Hausarztes von damals gibt der 100-Jährige schmunzelnd wieder: „Du bist ein Huber. Du wirst schon wieder.“ Er sollte recht behalten.
1948 konnte Ernst Huber wieder seine Arbeit bei der Firma aufnehmen, in der er auch seine Lehre abgeschlossen hatte. 1960 wechselte er zu einer Heizungsbaufirma nach Nürnberg.
Durch Zufall lernte er beim Windsbacher Knabenchor seine spätere Ehefrau Inge kennen. Diese war zu diesem Zeitpunkt verwitwet und hatte einen 13-jährigen Sohn, der den Chor besuchte. Am 5. Dezember 1966, also auf den Tag genau 19 Jahre nach Ernst Hubers Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, kam dann die gemeinsame Tochter auf die Welt.
1984, mit 60 Jahren, ging Huber in Rente. Mit Angeln, Kegeln, Glas- und Bauernmalerei sowie der Restauration alter Möbel vertrieb er sich die Zeit. Der Tod seiner Ehefrau vor acht Jahren traf ihn hart, aber seinen Lebenswillen ließ er sich dennoch nicht nehmen. Noch immer kocht er den Spargel für den heißgeliebten Spargelsalat selbst, bis vor fünf Jahren fuhr er sogar noch selbst Auto. „Er hatte viel Glück trotz eines schweren Schicksals“, fasst seine Tochter Carola Asimus zusammen.
Wenn Ernst Huber mit seiner Lebenserfahrung den jungen Menschen von heute einen Rat geben sollte, dann wäre es, Ehrgeiz und Ziele zu haben: „Von nichts kommt nichts.“ Zur Lebensweisheit des Jubilars gehört aber genauso, dass „man sich auch mal amüsiert“.