Jürgen Dilly führte die vergangenen 70 Jahre kein Standard-Leben. Die Geschichte des Uffenheimers ist gewissermaßen die vom Tellerwäscher, der zwar kein Millionär wurde, aber doch seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Weg ging. Vom Hausierer wurde er zu einem der größten Marktfahrer Süddeutschlands. Nun hat er ein Buch geschrieben.
Jürgen Dilly ist also unter die Autoren gegangen, auch wenn er das selbst ein wenig herunterspielt. Er hat einfach mal angefangen, seine Erlebnisse niederzuschreiben, sagt er. „Da habe ich gemerkt, dass es mir großen Spaß macht.” Aus einer Notiz wurden 50 Seiten, aus 50 Seiten schließlich ein ganzes Buch im Selbstverlag, ohne große schriftstellerische Ansprüche. „Das Reisen und Leben des Hausierers Michael” hat er es getauft. Michael, eine fiktive Person, die aber ganz zufällig das Leben des Jürgen Dilly gelebt hat. Ein quasi-autobiografisches Werk. „Eine Erzählung aus meinem Leben.”
Wer sich mit dem Wahl-Uffenheimer – seit 1974 lebt er in Uffenheim und Umgebung – unterhält, der merkt: Dieser Mann spricht kein reines Fränkisch. Nein, den pfälzischen Unterton kann Dilly nicht verschweigen. In Spabrücken beginnt auch seine Geschichte, als Pfälzer Jung. Hineingewachsen ist er in eine Familie, welche die „Tradition in der alten Heimat” aufrechterhalten hat: das Töpferhandwerk. Nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt Jürgen Dilly, haben die Leute ihre Krüge rausgeworfen, vieles wurde durch Bombenangriffe zerstört. Doch irgendwann haben die Menschen wieder Sauerkrautkübel gebraucht und Bembel für den Äppelwoi. Die Renaissance der Salzglasur. Und da kamen die Dillys ins Spiel.
Mit 15 Jahren hat er in den Schulferien seinen Vater unterstützt, ist mit ihm Hausieren gegangen, um Haushaltswaren und salzglasiertes Steingut an den Mann und die Frau zu bringen. Ganz klassisches Von-Haustür-zu-Haustür-Ziehen, wie es früher auch die Staubsaugervertreter gepflegt haben. „Da hat man tagtägliche Erlebnisse gehabt”, erinnert sich der heute 70-Jährige, „und wenn einen jemand geärgert hat, dann ist man da nicht mehr hin.” Mit 18 Jahren hat er sich seinen eigenen Gewerbeschein geholt. Das Geld und die Freiheit haben ihn gereizt – und klammheimlich hat er von der großen Karriere geträumt. Nach dem Vorbild Schickedanz: Die Familie hat aus einem Hausierer-Anfang ein Millionenunternehmen gemacht.
Damit kann Jürgen Dilly nicht ganz mithalten, aber er ist seinen Weg gegangen. Messen und Märkte hat er besucht, in Landshut, Würzburg oder die Auer Dult in München. Immer auf Achse. Außerdem hat er 300 Haushaltswarengeschäfte mit Salzglasur beliefert, eine Töpferei in Oberickelsheim betrieben. Eigentlich hatte er eine Fabrik bauen wollen, die Baugenehmigung lag schon vor. Aber dann ging es bergab. „Gott sei Dank habe ich nicht mehr investiert”, sagt der heute.
Mit der Euro-Einführung liefen die Geschäfte schlechter und der Zeitgeist hat sich geändert. Früher, sagt Jürgen Dilly, hat jeder Verein zu runden Jubiläen noch Sammelkrüge herstellen lassen: 100 Jahre Feuerwehr Aub, die Faschingsvereine, an all das erinnert er sich noch gut. Und das Steingut: alles Handarbeit. „Aber welcher Verein macht das heute noch?” Und wer sammelt noch Bierkrüge in diesem Stil?
In seinem Buch erzählt er aber auch von seinem großen Hobby: Reisen. Südamerika, die Karibik, der Mittelmeerraum. Die Ostsee und das Mittelmeer hat er durchsegelt, sich in Kojen eingekauft. Die spannendsten Abenteuer aber hat er mit dem Geistlichen Christoph Rabenstein erlebt, einem Missionspfarrer für Südbrasilien aus dem Weigenheimer Ortsteil Reusch. Indianer im Bahamasgebiet haben sie besucht, sie haben Belo Horizonte und Brasilia bereist, Rio de Janeiro im militärischen Ausnahmezustand erlebt.
„Wir saßen draußen und haben ein Bier getrunken. Auf einmal sind Rauschgifthändler aufgetaucht, mit dicken Maschinengewehren, und haben in die Luft geschossen.” Beängstigend, aber irgendwie auch beeindruckend. Und immer hatten sie zwei Portemonnaies dabei, eines mit wenig und eines mit mehr Geld. Bei Überfällen, schmunzelt Dilly, wurde natürlich immer der kleinere Geldbeutel ausgehändigt. Und bei einem Segeltörn von Südfrankreich nach Dubrovnik in Kroatien – Jürgen Dilly und seine Begleiter sollten Boote überführen – hat er es sogar mit der Mafia zu tun bekommen, erzählt Dilly.
All das hat er in seinem Buch festgehalten. Der Autor: Jürgen vom Soon Dilly. Vom Soon? Der Senior lacht. Eine kleine Hommage an seine pfälzische Heimat und seinen Vater. Aus dem Soonwald stammt er und der Vater war über Jahre Vorsitzender des Männergesangvereins vom Soon. Das hat der Uffenheimer gerne eingebaut, seinen heimatgeprägten Künstlernamen.
Ein weiteres Buch hat Jürgen Dilly bereits begonnen, es soll noch persönlicher werden, von seinen inneren Kämpfen und dem Hin- und Hergerissensein erzählen. Er ist schwer krebskrank und weiß nicht, ob er es zu Ende bringen kann. „Aber es ist in Planung”, sagt Dilly. Schließlich gibt sein Leben noch ein paar Seiten her – „und ich schreibe so gerne”.