Vom DDR-Flüchtling zur Poetin: Seniorin aus Neuendettelsau liebt das Dichten | FLZ.de

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Veröffentlicht am 02.01.2025 16:49

Vom DDR-Flüchtling zur Poetin: Seniorin aus Neuendettelsau liebt das Dichten

Die 85-jährige Erika Ruckdäschel mit ihrer neuen Veröffentlichung „Das war Glück“. (Foto: Anna Beigel)
Die 85-jährige Erika Ruckdäschel mit ihrer neuen Veröffentlichung „Das war Glück“. (Foto: Anna Beigel)
Die 85-jährige Erika Ruckdäschel mit ihrer neuen Veröffentlichung „Das war Glück“. (Foto: Anna Beigel)

Mit 14 Jahren hat sie das erste Gedicht geschrieben. Mit 16 Jahren ist sie alleine aus der DDR geflohen. Heute wohnt Erika Ruckdäschel im Therese-Stählin-Haus in Neuendettelsau und hat im Alter von 85 Jahren erneut einen Lyrikband unter dem Titel „Das war Glück“ veröffentlicht.

Wo fängt man an, bei einer so interessanten Biographie? Einfach ist es nicht. Erika Ruckdäschel ist in Thüringen bei Gotha aufgewachsen. Als sie bei Freunden in einer Brauerei zu Besuch war, hat sie dort ihr erstes Gedicht geschrieben. Der Rhythmus der klirrenden Flaschen habe sie inspiriert, sagt sie. Die Reaktion ihrer Bekannten auf das vorgelesene Gedicht sei eindeutig gewesen: „Die Blicke haben gesagt, das war kein Volltreffer“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln.

Erika Ruckdäschel hat 16 Bücher herausgebracht

Und trotzdem hat Erika Ruckdäschel bis heute insgesamt 16 Bücher herausgebracht, davon acht Lyrikbände. Dass es mit der Dichterei doch noch geklappt hat, daran war auch eine Deutschlehrerin beteiligt, die sie sehr geprägt hat. Bei ihr war sie oft zum Teetrinken. „Ich höre heute noch ihre Stimme.“

Ein einfaches Leben hatte Erika Ruckdäschel aber sicher nicht. Als 16-Jährige ging sie aus der DDR alleine nach München. Dort kam sie zunächst in einem Mädchenheim unter. Sie studierte Politologie, besuchte die Deutsche Journalistenschule, gewann drei Preise, veröffentlichte Texte in Schulbüchern. Und lernte ihren späteren Ehemann kennen. „Er ist mit mir in Konzerte gegangen, hat mich überall hingefahren, mir alles ermöglicht“, sagt sie dankbar. Dankbar, denn er selbst sei kein Kultur-Fan gewesen.

Jetzt fragt man sich, wie es Erika Ruckdäschel schlussendlich nach Neuendettelsau verschlagen hat. Das war so: Für den Evangelischen Pressedienst (epd) und auch die Süddeutsche Zeitung berichtete sie immer wieder über die Diakonie. Ihr gefiel es dort. „Ich war hier bekannt wie ein bunter Hund und die Großstadt war nix für mich.“ Dann kam das Angebot des Direktors: Sie könnte doch hierherziehen und für die Pressestelle arbeiten. Aber Ruckdäschel wollte unabhängigen Journalismus machen. Die PR-Stelle lehnte sie ab.

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Die Ideen für Gedichte sind „plötzlich da”

Trotzdem, viele Wege führen nach Neuendettelsau, und so zog sie hin und arbeitete für das Diakoniewerk im Büro. Sie brachte Jugendlichen die Diakonie und das Schreiben näher. Mit ihrem Mann führte sie eine Wochenendbeziehung, bis er starb.

Woher die Inspiration für die vielen Gedichte stammt, erklärt Erika Ruckdäschel ganz pragmatisch: „Es ist plötzlich da.“ Zuerst gibt es einen Entwurf und dann arbeitet sie daran. Lange. „Ich komme mir vor wie ein Schreiner, der mit seinem Hobel immer mehr wegwetzt, bis er zufrieden ist“, beschreibt sie.

Sehr wichtig ist es der 85-Jährigen, zu betonen, von wem die Bilder in ihren Gedichtbänden stammen. Die sind nämlich von einer engen Freundin. Erika Albus heißt die ehemalige Diakonisse, ist 92 Jahre alt und lebt ebenfalls in Neuendettelsau. „Die Frau ist ein Engel.“ Fast jeden Tag besucht Ruckdäschel ihre Freundin im anderen Zimmer. Erika Albus ist Grafikerin und stellt per Scherenschnitt die schönen Kunstwerke her, die sich zwischen den Texten im Buch befinden. Im neuen Gedichtband sind es zum Beispiel Blümchen.

„Das war Glück“ heißt er und ist im Deutschen Lyrikverlag verlegt. In „Zu lebhaft zum Sterben?“ schreibt Ruckdäschel:

Nun auch hier im Landkreis
das garstig Lied
der blanke Hass
Neonazis
vielleicht geht es demnächst
weil inzwischen zu wenig Juden
gegen Rothaarige
gegen Rentner
bin ich zu alt zum Kämpfen
zu lebhaft zum Sterben?

Die politischen Statements waren ihr immer wichtig. Auch das Thema Tod kommt mehrmals vor. „Wenn man alt ist, erlebt man, wie Freunde wegsterben, es wird leer um einen.“ Sie selbst habe keine Angst vor dem Tod: „Ich glaube, dass es weitergeht.“

„Dahoam is dahoam“ hat es ihr angetan

Das Schreiben ist für Ruckdäschel eine Leidenschaft. „Es provoziert Erkenntnis und ohne die will ich nicht leben.“ Wenn sie gerade mal nicht textet, dann liest sie. Aber „leider“ verbringt sie ihre Zeit auch ab und zu mit Fernsehen. „Die Verführung ist groß“, sagt sie und grinst. Vor allem eine Sendung habe es ihr da angetan. Der sei sie gar verfallen, obwohl es ihr fast peinlich zu sein scheint. Hat die Serie doch nichts mit Literatur zu tun. Es geht um „Dahoam is dahoam“.

Trotz ihres hohen Alters: Ruckdäschel ist fit. Körperlich, aber vor allem auch geistig. Und so ist sie schon am nächsten Gedichtband dran. „Einen kriege ich bestimmt noch zusammen.“ Und natürlich schaffen es wieder Bilder von Erika Albus ins Buch. Das ist Erika Ruckdäschel eine Herzensangelegenheit.


Anna Beigel
Anna Beigel
Redakteurin in Ansbach
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