„Um Herzenswünsche zu erfüllen, ist uns kein Weg zu weit und kein Winkel zu entlegen.” Das ist das Motto des Teams, das hinter dem BRK-Herzenswunsch-Hospizmobil steht. Projektleiter und Ansprechpartner für ganz Mittelfranken ist Johannes Stegmann. „Die Menschen fahren als Gäste mit uns, nicht als Patienten”, sagt er.
Im Hauptberuf ist Johannes Stegmann Rektor an der Mittelschule Feuchtwangen-Land. Fürs Bayerische Rote Kreuz engagiert er sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich. Ab 1998 war er Bereitschaftsleiter in Windsbach, ab 2009 Kreisbereitschaftsleiter für Ansbach Stadt und Land und von 2017 bis 2023 Bezirksbereitschaftsleiter für Ober- und Mittelfranken. „Nach der sehr fordernden Zeit in der Pandemie wollte ich dann weniger Blaulicht-Dienst machen”, erklärt der 46-Jährige. „Stattdessen setze ich mich jetzt sehr gern für das Letzte-Wünsche-Projekt ein. Die Idee hatte ich schon lange, und mitten in der Pandemie konnten wir sie dann realisieren.”
Dafür wurde ein passendes gebrauchtes Fahrzeug gekauft und umgebaut, sodass der BRK-Bezirksverband Ober- und Mittelfranken seit 2021 über sein eigenes Herzenswunsch-Hospizmobil verfügt. Während der Pädagoge aus Feuchtwangen das Projekt im Bereich Mittelfranken betreut, ist sein BRK-Kollege Gabriel Schrader Projektleiter und Ansprechpartner in Oberfranken. Der BRK-Kreisverband Ansbach kooperiert mit dem Bezirksverband.
Gabriel Schraders unheilbar kranke Mutter war der allererste Gast des mittelfränkisch-oberfränkischen Projektteams: Noch während des Lockdowns konnte ihr Wunsch erfüllt werden, auf der Fraueninsel in einem schönen Restaurant essen zu gehen. In Zusammenarbeit mit der Wasserwacht wurde die Überfahrt auf dem Chiemsee organisiert, und ein Lokal öffnete seine Pforten eigens für die Besucherin und ihre Begleitung.
Seitdem hat das Wunschmobil schon etliche Ziele angesteuert, Passagiere waren Menschen unterschiedlichen Alters – vom kleinen Kind bis zu Seniorinnen und Senioren. „Unser Fahrzeug ist ausgestattet wie ein Krankenwagen, sieht aber innen anders aus, je nachdem, wer unser Gast ist”, schildert Stegmann. „Bei Kindern ist das Auto mit Luftballons oder Girlanden gestaltet. Und bei Fußballfans, die sich einen Besuch im Stadion wünschen, wird das Fahrzeug mit Fan-Artikeln dekoriert.” Die Decke des Wunschmobils zeigt einen blauen Himmel mit Sommerwolken.
Welche letzten Wünsche es gibt? „Oft fahren wir in die Berge, weil die Menschen die Berge noch einmal sehen möchten. Die Alpen sind von hier aus relativ schnell zu erreichen, sodass es nicht zu anstrengend wird”, sagt Stegmann. „Mit Kindern geht's öfter in Tierparks oder in Freizeitparks, was mit der richtigen Medikation und Sauerstoff bei Bedarf durchaus möglich ist. Manchmal sind neben den Eltern die gesunden Geschwister dabei, und es wird ein richtig schöner Familienausflug.” Auch der Baumwipfelpfad im Steigerwald war schon ein Ziel, zu Gast war dabei ein 13-jähriger Junge mit seiner Mutter.
Vor Kurzem wurde ein Mann im mit Blumen geschmückten Wagen zu seiner Goldenen Hochzeit in der Kirche gebracht und hineinbegleitet. „Wir helfen immer nur so viel wie nötig, denn alles soll so normal wie möglich ablaufen”, erklärt Stegmann. „Deshalb tragen wir auch keine richtige Einsatzkleidung, nur Jacken oder Shirts mit unserem kleinen Herzenswünsche-Aufdruck.”
Manchmal sind die Strecken sehr viel weiter als zu einer Feier in der Umgebung. Eine Frau aus Bechhofen wurde mit dem Herzenswunsch-Mobil nach Hamburg gefahren, weil sie dort gern das Musical „König der Löwen” erleben wollte. Eine Seniorin aus Wassertrüdingen konnte dank des Mobils ein letztes Mal ihren Heimatort im Erzgebirge und dort ihr Geburtshaus besuchen. Und ein anderer Gast wollte unbedingt den Papst in Rom sehen, sodass ein Ausflug mit Hotelübernachtung organisiert wurde. Auch für Wunschmusik während der langen Fahrten wird gesorgt – vom Schlager bis zu rockigen Klängen oder Kinderliedern.
„Ein ganz besonderer Ausflug für mich persönlich war die Fahrt mit einem vierjährigen Mädchen und Mama und Papa ans Ofterschwanger Horn in den Allgäuer Alpen”, erzählt Johannes Stegmann. „Wir haben das Mädchen mit Beatmungsgerät hochgetragen. Dort konnte die Familie dann den tollen Blick genießen, und im Anschluss gab es noch eine Bootstour auf dem Forggensee. Das war eine sehr wichtige Fahrt für mich.” Der Schulleiter hat selbst zwei erwachsene und zwei noch jüngere Kinder.
Alle Touren mit dem Wunschmobil seien „wichtig und richtig”, ist Stegmann überzeugt. „Wir möchten unseren Gästen das Gefühl geben, gesehen zu werden, nicht vergessen zu werden.” Ein Ausflug biete Abwechslung in der Routine, die schwerkranke Menschen zwangsläufig erleben. „In einem Hospiz sind die Menschen eingebunden in feste Tagesabläufe. Sie sind immer in einer Warteposition, dieses Warten wollen wir unterbrechen. Das bedeutet ein Stück wertvolle Lebenszeit.”
Eingesetzt wird das Herzenswunsch-Mobil zum Beispiel, wenn ein Gast liegend gefahren werden muss und besondere Unterstützung benötigt, wenn sich Angehörige einen Ausflug mit dem kranken Menschen allein nicht zutrauen oder wenn es gar keine Familie mehr gibt. Vor der Tour wird zusammen mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten abgestimmt, welche medizinische Versorgung notwendig ist.
Die Wunscherfüllung ist für die Gäste kostenfrei. „Die Finanzierung läuft über Spenden, es gibt keine Zuschüsse für das Projekt”, schildert Stegmann. „Im Team haben wir derzeit rund 45 motivierte Ehrenamtliche. Es sind Intensivschwestern und Notfallsanitäter dabei, Ärztinnen und Ärzte, aber auch Leute, die mit dem Rettungsdienst gar nichts zu tun haben, sich aber einbringen möchten. Das ist kein Problem, denn wir machen keine medizinische Therapie. Unsere Therapie ist es, dem Gast einen schönen Tag zu bereiten.”
Manchmal kommen mehrere Anfragen gleichzeitig, denn das Einsatzgebiet ist groß. „Unser Ziel ist es, alle Wünsche schnell zu erfüllen”, sagt Stegmann. „Man hat oft nicht mehr viel Zeit, deshalb wollen wir jedes Anliegen eines Gastes innerhalb von 14 Tagen realisieren.” Das Team spricht immer von Gästen, nicht von Patientinnen und Patienten. „Die Leute sollen ja für einige Stunden gerade nicht Patient sein, sondern zu Gast bei etwas, das ihnen Freude macht.”
Etliche BRK-Verbände verfügen mittlerweile über Herzenswunsch-Mobile, sodass das Netzwerk den gesamten Freistaat abdeckt. Und auch andere Hilfsorganisationen und Vereine kümmern sich um letzte Wünsche: der Arbeiter-Samariter-Bund mit seinem Wünschewagen etwa, die Johanniter mit der Wunsch-Ambulanz und der Malteser-Hilfsdienst mit dem Herzenswunsch-Krankenwagen. „Es ist toll, dass verschiedene Organisationen die gleiche Idee hatten. Bei diesen ehrenamtlichen Projekten besteht keine Konkurrenz”, betont Johannes Stegmann. „Im Gegenteil – es kann gar nicht genug Angebote geben.”
Weitere Informationen auf der Website www.brk-herzenswunsch.de