Der Gerichtssaal 250 in Oslo ist zum Endspurt des Vergewaltigungs-Prozesses gegen Marius Borg Høiby bis auf den letzten Platz gefüllt. Der älteste Sohn der norwegischen Kronprinzessin trägt laut der Zeitung „Verdens Gang“ ein schwarzes Hemd und sitzt, wie so oft in den vergangenen Wochen, über den Tisch gelehnt und zeichnet, während seine Verteidiger das Wort haben.
Die fordern am letzten Prozesstag einen Freispruch von den schwersten aller Vorwürfe: den Vergewaltigungs-Anklagen. „Es gibt keine Beweise, die dafür sprechen, dass Marius für die Vergewaltigungen verurteilt werden kann“, sagt Verteidiger Petar Sekulic. „In keinem der vier Fälle.“
Am Tag zuvor hatte die Staatsanwaltschaft dagegen mehr als sieben Jahre Haft verlangt. Vier Frauen soll Høiby nach norwegischem Recht vergewaltigt haben, während die mutmaßlichen Opfer schliefen - doch die Verteidiger sehen das nicht als erwiesen an. Videos, die der Angeklagte selbst während der mutmaßlichen Taten gemacht haben soll, seien keine eindeutigen Beweise - und ohne diese stehe Høibys Wort gegen das der Frauen, so Sekulic.
Sekulic säte Zweifel an der Glaubwürdigkeit vor allem eines der mutmaßlichen Opfer. „Ich glaube, dass sie einen lockeren Umgang mit der Wahrheit und Fakten hat - und dass sie während der sexuellen Handlungen höchstwahrscheinlich wach war“, sagte der Verteidiger laut „Verdens Gang“. Die Frau hatte Medien zufolge ausgesagt, einen Blackout gehabt zu haben, und nahegelegt, dass ihr jemand Drogen verabreicht hatte.
In anderen Fällen argumentierte Sekulic laut der Zeitung damit, dass die betroffenen Frauen kurz vor den vorgeworfenen Taten bereits mehrfach einvernehmlichen Sex mit Høiby hatten. Sie hätten mit ihm geflirtet, sich von seinem Promi-Status angezogen gefühlt und sich freiwillig auf One-Night-Stands mit ihm eingelassen. Mehrere der Frauen hätten die anschließenden Vorfälle zunächst nicht als Übergriffe betrachtet. Auch hier lasse sich nicht eindeutig klären, ob sie wirklich geschlafen hätten, sagte Sekulic demnach.
Die Staatsanwaltschaft sieht die Vergewaltigungen dagegen als bewiesen an. Sie hält Mette-Marits Sohn in 39 von 40 Anklagepunkten für schuldig und forderte sieben Jahre und sieben Monate Haft für Høiby. Neben den Vergewaltigungen werden ihm unter anderem Gewalt, Körperverletzung, Verstöße gegen ein Kontaktverbot und mehrere Verkehrsdelikte vorgeworfen.
Die Zeit, die er schon in Untersuchungshaft verbracht hat - rund zwei Monate -, soll von der Haftstrafe abgezogen werden. Darin sind sich Staatsanwälte und Verteidiger einig.
Høiby war kurz vor dem Prozess Anfang Februar erneut festgenommen worden. Er soll gegen ein Kontaktverbot gegenüber seiner Ex-Freundin verstoßen haben, die norwegische Medien nach dem Osloer Stadtteil Frogner „Frogner-Frau“ nennen. Nach einem Vorfall in deren Wohnung hatte die Polizei die Ermittlungen gegen Høiby im August 2024 aufgenommen.
In ihrem Plädoyer verlangte die Anklage auch für die Zeit nach dem Urteil ein Kontaktverbot: Geht es nach ihr, soll sich Høiby zwei Jahre lang von der Frau fernhalten. Die beiden hatten sich noch in den Monaten vor dem Prozessbeginn regelmäßig gesehen.
Die vergangenen Verhandlungswochen seien eine große Belastung für seinen Mandanten gewesen, sagte Høibys Verteidiger Petar Sekulic laut der Zeitung „Verdens Gang“ am Donnerstag vor Gericht - auch, „weil er seine Familie so sehr liebt und es ihn wirklich quält, was sie in dieser Angelegenheit durchmachen musste“.
Weder Høibys Mutter Mette-Marit noch sein Stiefvater, Kronprinz Haakon, hatten dem Prozess beigewohnt. Fotografen lichteten die beiden aber bei einem Besuch des 29-Jährigen im Gefängnis ab.
Erneut klagte die Verteidigung angesichts der riesigen Aufmerksamkeit für den Fall die Medien an. Die Staatsanwaltschaft meint nicht, dass sich der Presserummel um Mette-Marits Sohn strafmildernd auswirken sollte: Es gebe keinen Rabatt abhängig vom Berühmtheitsstatus des Angeklagten, hatte es am Mittwoch geheißen. Und: Die Frauen hätten schließlich ebenfalls unter dem großen öffentlichen Interesse gelitten. Deren Anwälte fordern Entschädigungen in Höhe von insgesamt 1,95 Millionen norwegischen Kronen (rund 177.000 Euro).
Marius Borg Høiby hatte die Medien während des Prozesses immer wieder schwer beschuldigt. Unter Tränen hatte der 29-Jährige über den großen Druck gesprochen, der seit seiner Kindheit auf ihm gelastet habe. Die Presse habe ihn überallhin verfolgt - jetzt kenne sie die intimsten Details aus seinem Privatleben.
Tatsächlich wurden in den letzten knapp sieben Wochen mehr als 800 Seiten SMS vorgelesen, Google-Suchen und Sexualvorlieben des Norwegers diskutiert. Die Staatsanwaltschaft hatte aber von vornherein klargestellt: Das müsse Høiby angesichts der Vorwürfe gegen ihn ertragen.
Würgen, Schläge, Drohungen: 20 der 40 Angeklagepunkte gegen Høiby beziehen sich auf seine Beziehung zu der „Frogner-Frau“, mit der er seit Herbst 2023 zusammen war. Einige davon gibt der Norweger zu. Auch Fälle häuslicher Gewalt gegen eine weitere Ex-Freundin werden ihm vorgeworfen.
In vielen Fällen hatte Høiby während des Prozesses angegeben, sich nicht richtig erinnern zu können. „Damit setzt er sich fast jedem Angriff schutzlos aus“, sagte Verteidiger Sekulic, warnte aber: „Man muss, wenn er sich nicht erinnert, nicht automatisch der Aussage der Geschädigten Glauben schenken“.
Laut Staatsanwaltschaft zeichnen Høibys Aussagen ein Bild von einem Mann, der Frauen wenig respektiere und „sich nimmt, was er will“. „Was als schlechtes Benehmen oder schlechte Moral bezeichnet werden kann, aber nach dem Strafgesetzbuch in keiner Weise strafbar ist, muss man außer Acht lassen“, argumentierte Høibys Verteidiger dagegen laut „Verdens Gang“. „Das ist irrelevant.“
Mit dem Plädoyer der Verteidigung steht der Mammut-Prozess nun vor dem Abschluss. Das letzte Wort haben die Richter. Auf deren Urteil muss Høiby aber - so hieß es zuletzt vom Gericht - noch einige Monate warten. Zunächst geht es für Haakons royalen Ziehsohn also zurück in die Untersuchungshaft.
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