Die Aussicht ist gut, ein Anschleichen nicht möglich. Längst haben die Wachen den Trupp erspäht, der sich den Berg hinaufquält. Was die Delegation im Schilde führt, ist offensichtlich: Langsam ziehen die bewaffneten Männer ein Katapult die Anhöhe empor, wo die Burg Kropfsberg thront. Die Soldaten hinter den Palisaden werfen sich grimmige Blicke zu. Ein Kampf scheint unvermeidlich.
So könnte es sich abgespielt haben an einem Tag im Jahr 1400 – hoch droben auf dem Grubsberg, zwischen Ullstadt und Oberlaimbach. Längst ist die Veste, die sich dort befand, unter Efeuranken und Eichenwurzeln verschwunden. Gewaltige Gräben, mehrere Meter tief, und lose Bruchsteine zeugen noch von der Existenz der Anlage. Halbrunde Dachziegel übersähen den Waldboden. Eine Senke, eingebettet in sattes Grün, markiert die Stelle der ehemaligen Zisterne. Wo einst reges Treiben herrschte, Schwerter klirrten, Pferde wieherten, der Geruch nach Braten in der Luft lag, ruft heute ein Kuckuck in die Stille.
Die Faktenlage zum Grubsberg ist dünn. Ob sich der Anmarsch des feindlichen Heeres so abgespielt hat wie beschrieben, wird sich nicht klären lassen. Eine Deutung des Tages zu Beginn des 15. Jahrhunderts lassen nur wenige Dokumente zu. Von einer Fehde zwischen dem Burgherrn Seibrecht Kropf und dem Adelsgeschlecht der Seckendorffer im Jahr 1400 schreibt Wolf Dieter Ortmann. Kropf habe sich als Raubritter verdingt. Die Folge: eine militärische Racheaktion.
Archäologische Funde helfen dabei, sich ein Bild von der Festung zu machen. Zusammengetragen hat sie Heimatkundler Manfred Bittner. Der 67-Jährige arbeitet eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege zusammen. Über tausende Fundstücke hat er vom Grubsberg. Ofenkacheln, Keramik, Kochgefäße – feinsäuberlich kartiert, wo welches Artefakt lag.
So kann Manfred Bittner interpretieren, wie die Burg zum Zeitpunkt der Fehde ausgesehen haben muss: Den Beschlag einer Turnierlanze und Reste eines Reitersporns deutet er als Hinweis auf einen Turnierplatz auf der flachen Anhöhe vor der Hauptburg. Der ziegelgedeckte Herrschaftssitz sei von Palisaden geschützt gewesen – „Steinmauern kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Bittner. Eine Burg des verarmten Landadels also.
Am Rande des Burghügels hat der Heimatforscher eine steinerne Katapultkugel gefunden. Sie lag in den Trümmern eines Gebäudes. Das Geschoss lasse sich in die Zeit des Angriffs datieren, sagt Bittner. Hat das feindliche Heer den Kropfsberg also mit schweren Geschützen attackiert? Mit Sicherheit sagen lässt sich das nicht. „Aber das Fundstück ist da“, sagt Bittner nüchtern.
Ob Katapult oder nicht, der Angriff auf den Ritter Kropf endet in Raserei: Am Ende des Tages ist der Grubsberg ein Schutthaufen. Laut Ortmann sei die Burg zerstört worden. Schon wenige Jahre später wird das Gemäuer nur noch als Flurabteilung erwähnt, schreibt Denkmalautor Gerhard Hojer.
Über die Bewohner der Burg Kropfsberg ist nur wenig bekannt. In historischen Quellen ist 1258 von einem „Cropho von Crophesberg“ die Rede – ein Spottname, wie Autor Wolf Dieter Ortmann vermutet: Croph (oder Kropf) wegen des vermeintlich dicken Halses des Ahnherrn. Rund 50 Jahre später sei dann das „castro Kropphesberg“ erwähnt, so Ortmann. Derweil scheint der Grubsberg schon deutlich länger bebaut zu sein. Darauf weisen zumindest die Funde Manfred Bittners hin. Bruchstücke sogenannter Pingsdorfer Keramik ließen sich ins 9. bis 11. Jahrhundert einordnen, sagt der Heimatkundler.
Nach Cropho gelangt die Burg laut Ortmann über kurz oder lang in die Hände der in der Region verwurzelten Adelsfamilie Hohenlohe. 1349 kauft ein Kropf das Anwesen auf dem Grubsberg zurück. Die Bedingung: Burg Kropfsberg müsse dem Vorbesitzer auf ewig „ein offenes Haus“ bleiben.
Doch die Burg verkommt zur Räuberhöhle. Der Neustädter Stadtchronist Max Döllner hebt den Grubsberg als eines der „Hauptnester“ des hiesigen Raubrittertums hervor. Eine alte Erzählung handelt vom Überfall des Ritters Hans Kropf und seinen Getreuen auf einen Kaufmannszug bei Diespeck. Bald treiben es die Ritter vom Kropfsberg den umliegenden Herrschaften zu bunt. Im Jahr 1400 sollen Soldaten der Seckendorffer als Vergeltung für die Räuberei die Veste zerstört haben, so Ortmann.
Hinweis der Redaktion: Der Text ist eine Wiederveröffentlichung vom 2. August 2019.