Am Anfang steht das Ende eines Tieres. Hoch im Norden, im wilden Skandinavien, erlegen Jäger im Zeitalter der Wikinger einen Wasservogel. Glücklich über ihre Beute, bringen die Männer das Federvieh in die Welt der Menschen. Dort wird der Vogel zerteilt und verwertet. Aus den filigranen Knochen schnitzen geschickte Künstler eine Nadelbüchse. Das kleine Behältnis verzieren sie mit feinen Linien im Tannenzweig-Muster.
Im Gepäck fremder Händler macht sich die Büchse auf eine lange Reise. Sie endet in Mittelfranken, wo eine wohlhabende Familie aus dem Ehegrund das Stück erwirbt. Sie bringt das Vogelknöchlein auf ihre Burg, ein kleines, befestigtes Anwesen in den Hügeln über Deutenheim.
Doch wie das mit kleinen Schätzen so ist: Sie gehen leicht verloren. Die kostbare Nadelbüchse verschwindet irgendwo auf dem Burggelände. Die Zeit tut ihr Übriges. Gemäuer zerfallen und stürzen ein, begraben das weiße Röhrchen. Jahreszeiten verstreichen. Die Sonne geht 300 000-mal auf und wieder unter. Über 800 Jahre verrinnen.
Dann betritt ein Mann den Burghügel. Es ist das Jahr 2001, in dem Manfred Bittner die Nadelbüchse beim Burgstall Deutenheim entdeckt – zwischen Bärlauch und Gräsern. Der Heimatkundler erforscht seit vielen Jahren in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege Burgställe in der Region. Auch jenen Fleck, an dem bei Deutenheim einst eine Burg prunkte, hat Bittner untersucht. Die Nadelbüchse ist das herausragendste Artefakt dieser Stelle, das älteste Fundstück. Auf das siebte Jahrhundert datiert Bittner den Knochen.
Die Burg bei Deutenheim ist demnach uralt. Und sie steckt voller Rätsel. Die beginnen schon beim Besuch vor Ort: Wer sich im Frühjahr dem Burgstall nähert, gewinnt schnell den Eindruck, der Flecken sei verzaubert. Braunes Herbstlaub bedeckt den Waldboden. Die kleinen, künstlichen Hügel dagegen, auf denen die Burg stand, sind bereits von jungen Pflänzchen überwuchert. Sie hüllen den Burgstall in saftiges Grün. Ein kräftiger Zweig wölbt sich im Halbbogen über der Stelle, wo einst das Burgtor gestanden haben muss; abgetrennt vom vorderen Bereich durch einen drei Meter tiefen Graben.
Im Landkreis sei die Burg Deutenheim „die interessanteste Anlage überhaupt“, findet Manfred Bittner. Ihr frühmittelalterliches Alter belegt nicht nur die gefundene Nadelbüchse. „Es finden sich keine Dachziegel, weil die in dieser Zeit noch nicht verbaut wurden“, sagt der 67-Jährige. Stattdessen habe er etliche Schindelnägel entdeckt. Reste von Hüttenlehm weisen auf Fachwerkgebäude hin. Während die Adeligen in Wohnräumen im Bereich der Hauptburg residierten, lebten die Untergebenen in Häusern auf dem Gelände der Vorburg. „Die Herrschaften wollten ja nicht, dass Bauern im Stockwerk unter ihnen schlafen“, erklärt Bittner.
Klar ist eines: Wer sich im frühen Mittelalter eine edle Nadelbüchse aus skandinavischem Vogelbein leisten konnte, war eine ungewöhnlich reiche Person. Doch wer waren diese stolzen Burgbesitzer? Dokumente lassen ein uraltes fränkisches Adelsgeschlecht vermuten. Und was hat die Ehefrau Karls des Großen mit der Burg zu tun?
Aufschluss darüber geben historische Chroniken. Die Gründungsurkunde des verschwundenen Klosters Megingaudshausen beschreibt 816, wie Megingaud Teile seiner Besitzungen in „Titenheim“ – also Deutenheim – an die Kirche stiftet. Der fromme Herrscher stammt aus dem Geschlecht der Mattonen. Sie gelten als einflussreiche Adelige zur Zeit Karls des Großen. So bedeutend, dass der König und spätere Kaiser eine gewisse Fastrada aus der Mattonen-Sippe zur Frau nimmt. Auch Fastrada könnte Besitzungen in Deutenheim gehabt haben, mutmaßt Historiker Franz Staab in einer Abhandlung. Rund hundert Jahre später verliert sich die Spur der Familie im historischen Dunkel.
Doch immer wieder versuchen Forscher, die Adeligen des Geschlechts Castell als Nachkommen der Mattonen zu belegen. In einer Reihe von Hinweisen spielt auch Deutenheim eine Rolle: Im 12. Jahrhundert treten Casteller Herren mit lokalen Gütern urkundlich in Erscheinung. Sie nennen sich gar „von Deutenheim“. Der Ort kann demnach als Sitz eines Teils der Sippe angenommen werden. Ende des Jahrhunderts zieht die Familie laut Heimatforscher Manfred Bittner nach Castell.
Ob die Burganlage bei Deutenheim jener Herrschaftssitz der Mattonen und/oder Castell war, bleibt unklar. Das archäologische Material stützt derweil die These: Denn über die Zeit des Casteller Umzugs hinaus hat Bittner keine Funde. Offenbar wurde die Veste damals aufgegeben.
Hinweis der Redaktion: Der Text ist eine Wiederveröffentlichung vom 10. August 2019.