Was in dem Ortsteil von Neusitz (Landkreis Ansbach) nur eine neue Baustelle sein sollte, wurde zu einer Bühne für archäologische Untersuchungen. Sie machen Einblicke ins frühe Mittelalter möglich.
„Leider waren wir nicht die ersten, die die Idee hatten, hier einen Dorfmittelpunkt zu errichten.“ Der Neusitzer Bürgermeister Manuel Döhler blickt auf die Baustelle neben dem Schweinsdorfer Dorfgemeinschaftshaus – von einem neuen Dorfplatz ist hier bisher wenig zu sehen. Schuld sind archäologische Untersuchungen, die den Bau um ein Jahr verzögerten.
Ergebnis der Untersuchungen: Vor 500 bis 1000 Jahren war genau an dieser Stelle schon einmal ein Dorfplatz. Tief unter der Erde versteckt, schlummerte hier über die Jahre eine mittelalterliche Dorfbebauung, bis die Idee, einen Dorfplatz zu errichten, erneut wieder aufkam. Ein Plan, den der Archäologe Bernd Kriens gemeinsam mit seinem Team von der Baustelle gemacht hat, lässt erkennen, wie viel Geschichtliches sich tatsächlich unter der Erde befindet.
Ein Laie erkennt nichts auf diesem Plan – man sieht eine Draufsicht auf die Baustelle, mit einer Drohne aufgenommen. Verschiedene Erdschichten sind zu erkennen, ebenso wie Linien, die überall verstreut aufgezeichnet sind. Diese Linien sind es, die Bernd Kriens interessieren. „Hier wurde überall etwas gefunden“, erklärt der Archäologe.
Kriens betreute die Baustelle in dem Ortsteil von Neusitz über die vergangenen Monate archäologisch und konnte dort mit seinem Team das eine oder andere besondere Fundstück ans Licht bringen. Doch warum wurden Archäologen für den geplanten Bau des Dorfplatzes beauftragt?
Die Pfarrkirche St. Ottilia steht unter Denkmalschutz. Auch der zugehörige Friedhof ist auf der Denkmalliste verzeichnet, weshalb bei einer Bodengrabung das Landesamt für Denkmalpflege hinzugezogen werden muss. Und: „Wir befinden uns hier im Nahbereich“, erklärt Dr. Christoph Lobinger vom Landesamt.
So war klar: Es werden archäologische Befunde vermutet. Diese Vermutung bewahrheitete sich nach einer Untersuchung des Bodens. „Da werden erstmal mehrere kleine Fenster aufgemacht und nach Befunden sondiert“, erklärt Lobinger. Dabei stießen die Archäologen auf älteres Fundmaterial, wie eine Pfeilspitze aus Feuerstein. Weitere Schätze, die unter dem Platz schlummern, galt es, vor den anstehenden Baumaßnahmen zu schützen.
Ab dann kam Archäologe Bernd Kriens mit seinem Team zum Zug. Zunächst wurde eine Ziellinie festgelegt, also eine Höhe, bis zu der die Erde bei den Bauarbeiten aufgegraben werden soll. Die Hoffnung der Gemeinde und des Bürgermeisters war, dass sich bis zu der festgelegten Ziellinie nichts beziehungsweise wenig an historischen Gütern finden würde. „Wir hatten nicht gedacht, dass sich unserer Ziellinie so mit den Befunden kreuzt“, so Kriens im Nachhinein. Döhler seufzt dabei.
„Was das für Unmengen an Kosten angenommen hat, ist unvorstellbar für eine kleine Gemeinde wie uns“, sagt er. Denn: Oberhalb der Bauzieltiefe gab es sehr viele Gruben, erklärt Bernd Kriens: Mehrere Pfosten- und Siedlungsgruben, die zurück ins 15. Jahrhundert datiert werden konnten und auf eine mittelalterliche Dorfbebauung hinweisen.
Aber auch Tonstücke, die bis in die Frühzeit zurückreichen, oder ein Eichenholzpfosten, der sich über die Jahrhunderte gehalten hat, gehören zu den Funden. Der Pfosten sei ein wahrer Schatz, so Bernd Kriens. Denn an dem Holz lasse sich durch eine Radiokarbondatierung ermitteln, wie alt das Holz und somit der Siedlungsbau sei. So genau sei es nur selten möglich, die Fundstücke rückzudatieren. All diese Funde verzögerten die Bebauung des Platzes.
In diesem Fall bestätigte das Verfahren die Vermutung: Es gab eine frühmittelalterliche Dorfbebauung, die Eiche wurde laut groben Schätzungen im Jahre 1112 nach Christus gefällt. Ein weiteres besonderes Fundstück war ein steinerner Brunnen, den die Archäologen zum Vorschein brachten. Dieser wurde bis vor kurzem noch genutzt, das Pfarrhaus, in dessen Keller sich der Brunnen befand, wurde erst vor einigen Jahren abgerissen. „Normalerweise kennen wir aus der Zeit des Spätmittelalters Baumstammbrunnen, das ist eher die Regel“, erklärt Kriens. Steinerne Brunnen seien seines Erachtens nach eher typisch für Burganlagen.
Einige der Fundstücke haben die Archäologen an einer langen Tischtafel ausgelegt, sortiert nach ihrem Alter. Bernd Kriens ist sichtlich stolz: Zu jedem der Tonstücke weiß er eine Geschichte zu erzählen. Der älteste Befund ist Keramik, die sich auf die Zeit des römischen Kaiserreiches datieren lässt. Sie sei nach derzeitigem Kenntnisstand 1700 Jahre alt, ordnet Kriens ein. Die Art, wie die Keramik gebrannt sei, sage auch etwas über ihr Alter aus. Eine Kachel aus dem 15. Jahrhundert hat es dem Archäologen besonders angetan.
„Das ist ein Meerweibchen“, erklärt Bernd Kriens und zeigt dabei auf eine bräunlich gefärbte Keramik. Das darauf abgebildete Geschöpf trägt eine Kette und eine Krone, hat langes, gelocktes Haar und hält eine Schwanzflosse in der rechten Hand. „In der Linken würde es auch eine halten“, weiß Kriens und deutet auf eine deutlich erkennbare Bruchstelle. Das Team vermutet, dass die Abbildung das Wappen der Patrizierfamilie Rieter aus Nürnberg zeigen könnte. Auch die Darstellung der nahen Tauber durch das Symbol käme in Frage.
Es ist eine Art Rätselraten, die Suche nach der Geschichte, die sich hier unter dem Platz befindet. Es bleibe nur, Vermutungen anzustellen, was sich zu der Zeit begeben habe. Auch darüber, warum einige der Häuser im Spätmittelalter abgebrannt sein müssen, können die Archäologen nur spekulieren. Geschah es im Zuge des Dreißigjährigen Krieges oder aber während kriegerischer Auseinandersetzungen im Jahr 1408? Es gebe mehrere Möglichkeiten, stellt Kriens die Geschichte des alten Dorfplatzes dar. Am liebsten hätte er so manche Grube vollständig ausgraben wollen, schwärmt der Archäologe. „Hier gibt es noch große Geheimnisse.“
Bürgermeister Manuel Döhler hingegen ist froh: Im Oktober geht es los mit den geplanten Tiefbauarbeiten. Und was passiert mit den Fundstücken? Die könne die Gemeinde – bei Bedarf – von der archäologischen Staatssammlung in München leihen. „Die Möglichkeit besteht“, so Dr. Lobinger.