Umstrittenes Notquartier für Flüchtlinge in Wiedersbach | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 09.11.2023 15:23

Umstrittenes Notquartier für Flüchtlinge in Wiedersbach

Die Container sind schon da, Bewohner aber noch nicht: In einer kleinen Siedlung an der Waldstraße, am Rande des Wiedersbacher Gewerbegebietes, stehen seit Kurzem diese drei neuen Notunterkünfte.  (Foto: Wolfgang Grebenhof)
Die Container sind schon da, Bewohner aber noch nicht: In einer kleinen Siedlung an der Waldstraße, am Rande des Wiedersbacher Gewerbegebietes, stehen seit Kurzem diese drei neuen Notunterkünfte. (Foto: Wolfgang Grebenhof)
Die Container sind schon da, Bewohner aber noch nicht: In einer kleinen Siedlung an der Waldstraße, am Rande des Wiedersbacher Gewerbegebietes, stehen seit Kurzem diese drei neuen Notunterkünfte. (Foto: Wolfgang Grebenhof)

Mehr als 50 Geflüchtete muss die Stadt Leutershausen nach dem Verteilungsschlüssel des Landkreises noch aufnehmen. Für ein Zehntel dieses Kontingentes schafft sie jetzt mit einem Container Platz. Doch dessen Standort an der Waldstraße beim Gewerbepark Wiedersbach, fernab jeglicher Infrastruktur, ist umstritten.

Heuer im März hatte der Stadtrat hinter verschlossenen Türen beschlossen, für gut 33.000 Euro drei Container als Notquartiere für obdachlose und geflüchtete Menschen anzuschaffen und an der Waldstraße aufzustellen. Die Standortwahl folgte primär pragmatischen Erwägungen: Dort hatten bereits Behelfsunterkünfte einer Baufirma gestanden; alle nötigen Anschlüsse – Strom, Wasser und Kanal – sind vorhanden.

„Was sollen die Leute in der Waldstraße den ganzen Tag machen?”

Im April gab Bürgermeister Markus Liebich den Beschluss öffentlich bekannt. Nachdem die FLZ berichtet hatte, meldeten sich im Rathaus Anlieger der Waldstraße, einer durch die Bahnlinie vom Dorf getrennten, kleinen Siedlung am Rande des Wiedersbacher Gewerbegebietes. Sie hatten Einwände gegen das geplante Notquartier in ihrer Nachbarschaft.

„Die zentrale Frage, die man sich bei den Anwohnern stellt, ist: Was sollen die Leute in der Waldstraße den ganzen Tag machen?“, gab Liebich die Bedenken wieder. Zu Fuß sei von dort aus keinerlei Infrastruktur erreichbar – keine Einkaufsmöglichkeit, keine Schule, kein Arzt. Und mobil seien Menschen, die dort eine temporäre Bleibe finden sollen, in der Regel nicht. So aber könne Integration nicht gelingen.

„Maximal suboptimal”

Im August, berichtete der Bürgermeister weiter, habe es dann ein weiteres Gespräch gegeben, an dem auch der Integrationsbeauftragte des Landkreises, Klaus Miosga, sowie Stadträte und Mitarbeiter der Verwaltung teilgenommen hätten.

Während die Debatte mit den Bürgern nach Liebichs Einschätzung „sehr, sehr sachlich“ verlaufen sei, hat SPD-Stadtrat Harald Kapp die Gespräche anders in Erinnerung: als „teils recht impulsiv“. Und: „Man konnte ersehen, wie willkommen die Leute dort wären.“ Man könne sich ausmalen, wie die Container-Bewohner dort, im „Outback“, behandelt würden. „Maximal suboptimal“ nannte Kapp deshalb den Standort in Wiedersbach.

Dass eine Unterbringung von Flüchtlingen in der Kernstadt Vorteile hätte, blieb im Stadtrat unbestritten. Doch auf die Schnelle, so Liebich, finde sich dort kein geeigneter Platz, wenngleich es Vorschläge gibt – den Fischbuck etwa oder den Bereich an der neuen Turnhalle. Eine Gegenüberstellung und Bewertung der Alternativen mahnte Renate Götzenberger (ALL) an.

Mit dem Rücken „in der Wand“

Derweil versuchte der Bürgermeister eindringlich, die Brisanz des Themas zu verdeutlichen. 75 Geflüchtete müsse die Stadt laut Schlüssel aufnehmen, 22 seien es aktuell, also nicht einmal ein Drittel. „Wir haben großen zusätzlichen Bedarf an Wohnraum“, sagte Liebich. Er warb für eine „möglichst würdige Unterbringung“ und sprach von einer „gesamtgesellschaftlichen Herausforderung“, die „enorme Anstrengungen“ erfordere. Die Resonanz auf den Appell, freie Wohnungen zu melden, sei indes bislang „sehr, sehr mau“ gewesen.

Zwangszuweisungen seien nicht ausgeschlossen, so der Rathauschef. Denn der Landkreis stehe nicht mit dem Rücken zur Wand, sondern bereits „in der Wand“. Alle Akteure wollen aber „händeringend vermeiden, dass Turnhallen belegt werden müssen“. Eine Option wäre der Kauf geeigneter Immobilien durch die Stadt. Liebich berichtete auch von „ernsthaften Überlegungen“, eine hauptamtliche Kraft zu suchen, die sich um die Belange von Geflüchteten und die Integration kümmert. Die Wiederbelebung des lokalen Flüchtlings-Helferkreises sei zudem „zwingend erforderlich“. Eine Initialrunde sei in Vorbereitung.

Nachdenklich und ratlos hinterließ die ausführliche Debatte das Gros der Stadträte. Dem Vorschlag des Bürgermeisters, die Entscheidung deshalb noch einmal zu vertagen, schloss sich das Gremium jedoch nicht an. Die Mehrheit folgte dem Aufruf von Wilfried Walz (CSU): „Irgendwo müssen wir mal anfangen.“

Gegen die Stimmen von Harald Kapp und Beate Boch (beide SPD), Renate Götzenberger und Harald Domscheit (beide ALL) sowie Rainer Heidingsfelder (CSU) votierten schließlich zwölf Stadträte dafür, am Standort Waldstraße für die drei Container festzuhalten. Der größere davon, der vier bis sechs Personen fasst, soll an den Landkreis vermietet werden, um Geflüchtete unterzubringen.


Wolfgang Grebenhof
Wolfgang Grebenhof
Redakteur in der Lokalredaktion Ansbach seit 1992. Schwerpunktmäßig zuständig für den Raum Leutershausen. Heimatverbunden und weltoffen, regional verwurzelt und global neugierig.
north