Ulsenheim: So rettet eine Drohne Rehkitze | FLZ.de

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Veröffentlicht am 25.11.2023 14:00

Ulsenheim: So rettet eine Drohne Rehkitze

Dr. Wolfgang Kornder zeigt im Garten in Ulsenheim (Gemeinde Markt Nordheim) seine Drohne. Das Fluggerät und seine Wärmebildkamera haben schon so manchem Rehkitz das Leben gerettet. (Foto: Johannes Zimmermann)
Dr. Wolfgang Kornder zeigt im Garten in Ulsenheim (Gemeinde Markt Nordheim) seine Drohne. Das Fluggerät und seine Wärmebildkamera haben schon so manchem Rehkitz das Leben gerettet. (Foto: Johannes Zimmermann)
Dr. Wolfgang Kornder zeigt im Garten in Ulsenheim (Gemeinde Markt Nordheim) seine Drohne. Das Fluggerät und seine Wärmebildkamera haben schon so manchem Rehkitz das Leben gerettet. (Foto: Johannes Zimmermann)

Der Uffenheimer Jägerverein will sich Drohnen für die Rehkitz-Rettung kaufen, der Ökologische Jagdverband (ÖJV) praktiziert die Jungreh-Rettung mit modernen Hilfsmitteln längst. Der Vorsitzende Dr. Wolfgang Kornder (66) aus Ulsenheim hat zum Gespräch gebeten und auch wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema präsentiert.

Die klassischen Jägervereine und der ÖJV „haben zu vielen Themen eine andere Meinung“, sagt Kornder. Und manchmal „treffen Welten aufeinander“. Der Alternativ-Verband mit seinen gut 1300 Mitgliedern in Bayern verfolgt das Motto „Wald vor Wild“ und beruft sich aufs Gesetz. Sie wollen die Rehdichte reduzieren – vor allem durch eine intensive Bejagung, erklärt Kornder – zum Wohle der Waldverjüngung.

Weniger Wildunfälle, bessere Verjüngung

„Die Schalenwilddichte muss so angepasst werden, dass der Wald weitestgehend ohne Schutzmaßnahmen wachsen kann.“ Wenn der ÖJV Reviere übernimmt, dauere es ein bis drei Jahre, bis diese Zahlen passen. Der Vorteil laut Kornder: Er könne belegen, dass in seinen Revieren die Zahl der Wildunfälle „signifikant“ zurückgehe und auch deutlich weniger Kitze in den Wiesen liegen.

Und da wären wir auch schon beim Thema: Rehkitz-Rettung. Lange Zeit hat Wolfgang Kornder darauf gesetzt, mit Hunden die Wiesen, die gemäht werden sollen, vorher zu durchstreifen. Der Geruch falle der Geiß auf und sie holt ihre Jungen aus der Wiese, so die Hoffnung. Auf diese Strategie hat der ÖJV auch bei Vergrämungsmaßnahmen gesetzt, beispielsweise durch Flatterband.

Jedoch sei es beim Ökologischen Jagdverband durchaus geboten, mit der Zeit zu gehen. Entsprechend hat man sich schon vor drei Jahren die erste Drohne samt Wärmebildkamera gekauft, zwei Drohnen pro Jahr sollen nun stets angeschafft werden – denn so viele bezuschusst das Bundeslandwirtschaftsministerium mit bis zu 60 Prozent der Kosten. „Wir wollen die Zahl sukzessive erhöhen.“ Sie sollen nicht nur Rehkitze retten, sondern auch Wildbestände für die Jagd „sichtbar“ machen.

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Die erste Drohne lagert im Landkreis

Eine Drohne lagert in Wolfgang Kornders Keller, zu Demonstrationszwecken holt er sie aus dem schwarzen Koffer – das erste Exemplar des ÖJV Bayern aller Zeiten. Die anderen befinden sich „irgendwo in Bayern – bei Leuten, die damit umgehen können“, sprich: einen entsprechenden Führerschein und eine hierfür abgeschlossene Versicherung haben.

Wenn Landwirte ihn informieren, fliegt er Felder vor der Mahd ab, erkennt Kitze und rettet sie, so der ÖJV-Vorsitzende. Aber wieso? Zum einen soll die Rehdichte verringert werden, zum anderen werden Jungtiere gerettet – ein Widerspruch? „Nein, überhaupt nicht“, findet Kornder.

Auch wenn „klassische Jäger“ dem alternativen Verband manchmal vorwerfen, sie würden „Rehe wie Ratten behandeln“, bleibt Kornder Tierfreund. Wenn Rehe „ausgemäht“ werden, wie es im Fachterminus heißt, sie also vom Mähwerk erfasst werden, bedeutet das schwere Verletzungen. „Das Tierleid kann niemand verantworten“, sagt Dr. Wolfgang Kornder und verweist aufs Tierschutzgesetz. Die landwirtschaftlichen Maschinen würden immer breiter und schneller, da sei eine Absuche vorher unabdingbar. Nicht umsonst sei der ÖJV als Naturschutzverband anerkannt.

Aber, auch das sagt er klar: „Gerade mit Blick auf die Klimakrise ist es für mich überhaupt keine Frage, dass der Wald vorgeht.“ Die ÖJVler retten aber nicht nur Rehkitze aus Wiesen, sie lassen diese Tätigkeit sogar wissenschaftlich erforschen. Kornder hat hierfür mit Professorin Dr. Martina Hudler von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf eine kompetente Ansprechpartnerin gefunden.

Eine erste Bachelorarbeit von Yvonne Kocher unter dem Titel „Das Ablageverhalten von Rehkitzen (Capreolus capreolus) in Grünlandflächen – Ein Versuch in Revieren mit unterschiedlicher Rehwilddichte“ ist bereits erschienen. Die beiden Vergleichsareale verantwortet der Ulsenheimer – beide liegen im Landkreis Ansbach. Jenes in Zailach (Gemeinde Lehrberg) habe eine deutlich höhere Rehdichte und sei erst kürzlich an den ÖJV gegangen, das in Wernsbach bei Ansbach (Gemeinde Weihenzell) bejage Kornder seit 20 Jahren, dort sei die Population „angepasst“. Kocher flog mit der Drohne viele Flächen ab und analysierte sie.

Das Ergebnis ist eindeutig: Im langjährigen Kornder-Revier Wernsbach lagen signifikant weniger Kitze in den Wiesen. Eine ordentliche Bejagung verringere das Problem enorm, sagt Kornder. Und durch weniger Rehe im Wald werde auch der Druck auf die Tiere geringer, sie legen ihren Nachwuchs eher in den Wald als auf die Wiese.

Im Mai/Juni laufen dann zwei weitere Bachelorarbeiten zum Thema an, um zu schauen, ob sich die Reviere von Zeit zu Zeit angleichen. Und noch eine Erkenntnis erhofft sich der 66-Jährige: Wie weit weg vom Wald liegen die Jungtiere im Gras? Diese Frage will er klären. Eine Tendenz ist bislang eindeutig erkennbar: Je näher am Waldrand, desto wahrscheinlicher liegen Kitze. Lassen sich hieraus finale Rückschlüsse ziehen, würde das die Rehkitz-Suche – egal, ob mit Drohne, Menschenkette oder Hund – erleichtern. Auch wenn für Kornder klar ist: „Wir finden die Kitze mit der Drohne zu einem hohen Prozentteil, 100-prozentigen Schutz gibt es aber nicht. Wir investieren für die Suche viel Zeit“, sagt der Ulsenheimer. Zu nachtschlafender Zeit müsse man los, damit die Temperatur-Unterschied möglichst groß und die Lebewesen leichter zu erkennen sind. „Wenn jemand berufstätig ist, kann er das nicht machen.“

„Das ist doch Kokolores“

Das gehe nur im Urlaub, oder es übernehmen Pensionäre wie Dr. Wolfgang Kornder. Er zieht dann meist mit seinem Bruder los – einer am Fluggerät, der andere als Retter bei Funden. „Die Drohne ist das beste, was man hierfür nutzen kann. Mit Menschen durchlaufen, das ist doch Kokolores.“ Und so wird Wolfgang Kornder auch im Mai und Juni 2024 wieder hinter seinem Steuergerät stehen, den Blick in den Himmel oder auf das Display gerichtet, das Summen der Drohne im Ohr – um viele kleine Leben zu retten.

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