Es soll ein Haus für alle werden. In ihm soll gelacht, getanzt, gesungen und gefeiert werden. Man soll sich in ihm begegnen und miteinander reden. So soll das neue evangelische Gemeindehaus am Holzmarkt in Bad Windsheim ein Zentrum der Stadtgesellschaft werden. Voraussichtlich Anfang 2025 wird es offiziell eingeweiht.
Dekan Jörg Dittmar steht auf der Baustelle, inmitten von herabhängenden Kabeln, zwischen Dämmmaterialien und Farbe. „Wir freuen uns richtig. Ich glaube, dass es ein quirliges neues Zentrum wird“, sagt er und verspricht eine Mega-Sause zur Eröffnung. Ein genaues Datum dafür will er aber noch nicht nennen.
Zu häufig seien unvorhersehbare Hindernisse aufgetaucht, die den gesamten Zeitplan durcheinandergewirbelt hätten, wie beispielsweise die Lieferengpässe bei Holz und Stahl. Als Grund dafür verweist Dittmar auf die weltpolitischen Entwicklungen. Sie seien zudem dafür mitverantwortlich, dass die Baukosten für den Neubau stark gestiegen seien.
Ursprünglich waren 4,6 Millionen Euro veranschlagt worden. Mittlerweile müssen 4,9 Millionen Euro investiert werden. 1,3 Millionen Euro kann die evangelische Gemeinde aus dem Erlös von Verkäufen beisteuern. Dazu gehört unter anderem das ehemalige Gemeindehaus an der Berliner Straße in Bad Windsheim. Noch einmal 250.000 Euro stammen aus den zur Verfügung stehenden Rücklagen.
Die öffentlichen Zuschüsse belaufen sich auf rund 363.000 Euro. Hier kommt das Geld vom Bayerischen Jugendring, vom europäischen Leader-Programm und von der Aktion Mensch. Noch einmal rund 64.000 Euro sind durch Spenden zusammen gekommen. Und die Bayerische Landeskirche hat einen Zuschuss in Höhe von 1,7 Millionen Euro zugesagt. „Uns bleibt eine Finanzierungslücke in Höhe von rund 1,23 Millionen Euro“, so der Dekan, dem trotz dieser Summe nicht bange wird. Er ist zuversichtlich, dass auch das noch fehlende Geld aufgebracht werden kann.
So sei die Landeskirche wohl bereit, noch einmal rund die Hälfte der Finanzierungslücke zu übernehmen. Dann würden rund 600.000 Euro bleiben, die anderweitig abgedeckt werden müssten. Dekan Dittmar zufolge könnte ein Teil noch einmal durch Spenden finanziert werden, ein anderer über einen Kredit und der Rest durch Mieteinnahmen. Denn die Räume im neuen Gemeindehaus sollen künftig vermietet werden, damit Geld reinkomme. So werde eine möglichst hohe Auslastung angestrebt. Mit einer Tanzschule sei bereits ein Vertrag zur regelmäßigen Nutzung des Saales geschlossen worden, so Dittmar.
Darüber hinaus seien zahlreiche weitere Nutzungen angedacht. So sollen Gottesdienste im Saal gefeiert werden, es sollen Tagungen und Fortbildungen stattfinden, das Dekanat möchte in die neuen Räume zu Besprechungen einladen und auch private Feiern wie Taufen und Hochzeiten seien möglich. Der Posaunenchor wird hier proben, der Seniorenkreis eine neue Heimat finden, genauso wie die Krabbelgruppen. „Mit dem neuen Gemeindezentrum haben wir ein Raum-Angebot geschaffen, dass es in dieser Art und Größe im Herzen der Stadt bislang nicht gegeben hat. Der Komplex schließt eine Marktlücke“, sagt Dittmar. Rund 199 Personen passen in den hohen, hellen und luftigen Saal, den man mit Trennwänden in drei Teile gliedern kann.
Jetzt müsse aber bezüglich der Finanzierungslücke erst einmal abgewartet werden, wie viel die Landeskirche überhaupt zusätzlich geben werde. Immerhin habe der frühere Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bei seinem Besuch der Baustelle am Holzmarkt im Juli 2023 versprochen: „Wir werden sie nicht im Regen stehen lassen.“ Es sei zwar nicht ohne Mühe, aber „wir werden es schaffen. Bankrott gehen wir nicht“, sagt Dittmar und verweist darauf, dass man bei den Ausschreibungen der Gewerke verstärkt regionale Firmen einbezogen habe. Auf diese Weise sei ein Stück weit „Wirtschaftsförderung am Standort“ betrieben worden.
Aktuell sei die Baustelle noch immer „ein großes, kompliziertes Uhrwerk“, erklärt der Dekan. Während anfangs meist immer nur ein Betrieb aktiv gewesen sei, würden sich mittlerweile bis zu sechs Gewerke gleichzeitig im Neubau aufhalten. Das sei zwar anstrengend und aufgrund der Komplexität vor allem für den verantwortlichen Architekten herausfordernd. Es sei aber auch eine „spannende Phase“.
Drei Gebäudekomplexe umfasst das neue Gemeindehaus: den Saal mit durchgängiger Fensterfront, den Querriegel mit den Versorgungseinrichtungen wie Küche, Lager, Toiletten sowie den Trakt, in dem Büros, eine Werkstatt sowie Räume für die Jugendlichen untergebracht sind. Querriegel und Saal sind in Holzständerbauweise errichtet worden. Der dritte Komplex indes als Steinhaus. Seine Fassade wird in einem Beige-Ton erstrahlen. Damit es sich in das städtische Umfeld einfügt.
Thomas Spyra, früher Bau- und Projektleiter in der Kommune, gehört zum Steuerungsausschuss, der sich seit nunmehr rund neun Jahren mit dem Konzept und der Umsetzung des neuen evangelischen Gemeindehauses beschäftigt. Auf sein Wissen und seine Unterstützung greift Dekan Dittmar immer wieder gerne zurück. „Ich bin Theologe und bei einem solchen Projekt sehr auf Menschen angewiesen, die sich mit der Materie auskennen.“
Dass der Steuerungsausschuss einst beschlossen hatte, der Jugend im neuen Gemeindehaus ausreichend Platz einzuräumen, unterstützt der Dekan ausdrücklich. „Die Jugend darf sich innerhalb der Kirche selber verwalten. Das ist lebendige Demokratie-Erziehung und dafür muss man ihr den Raum geben“, sagt Dittmar.
Im neuen Gemeindehaus wird sie den haben. Im Erdgeschoss des Steinhauses wird es einen „Co-Working-Space“ geben, eine Art flexible Bürogemeinschaft mit mehreren Arbeitsplätzen, kleiner Küche und einem Zugang zur Außenanlage. Ein Stockwerk höher wird ein Werkraum eingerichtet, und ein weiterer Raum bietet Platz für diverse Aktionen oder zum zwanglosen Beisammensein. „Wenn wir die Jugend nicht holen, stirbt die Kirche“, betont Spyra und nennt damit den Grund dafür, dass der Steuerungsausschuss die Jugend großzügig bedacht hat.
Der Kantorin wird im Steinhaus ebenfalls ein Raum zur Verfügung stehen. In dem kann sie unter anderem musikalischen Einzelunterricht geben. Ein anderer Raum wird das Büro des Kindertagesstätten-Geschäftsführers, seiner Stellvertreterin und seiner Assistentin. Dann wird es noch einen weiteren Versammlungsraum geben. Über eine Besonderheit im Erdgeschoss freut sich der Dekan sehr: über die Küche, die durch eine zusätzliche Theke in Richtung Hirschengasse eine Verbindung nach außen schaffen soll. So könnte dort ein kleines Kirchen-Café entstehen.
Dass das gesamte Gemeindehaus barrierefrei zugänglich ist, sei Dittmar zufolge bei der Planung eine Selbstverständlichkeit gewesen. Genauso wie die Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Deswegen gibt es nun eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, die Strom für eine Wärmepumpe liefert. Im Normalbetrieb werde diese Versorgung ausreichend sein, so der Dekan. Sollten die Winter eiskalt werden, könne aber unterstützend eine zusätzliche Wärmeversorgung zugeschaltet werden.
Trotz der enormen Freude über den Neubau schwingt beim Dekan auch etwas Traurigkeit mit. Denn das Bad Windsheimer Gemeindehaus wird bayernweit wohl das letzte sein, dass die Evangelische Landeskirche noch finanziert. „Wir haben zu viele Kirchen und zu viele Gemeindehäuser, die nicht mehr regelmäßig genutzt werden“, erklärt Dittmar. Deswegen wird künftig kein neues Gemeindehaus mehr gebaut. Stattdessen werde die Landeskirche ihren Sparkurs fortsetzen müssen.