„Ich trug Kleider und spielte mit Puppen, aber in mir drin wusste ich: Irgendwas stimmt da nicht.” Christian Dänzer ist in einem Gemeindeteil von Insingen aufgewachsen – als Mädchen.
Der 30-Jährige ist transident. Das heißt, er identifiziert sich nicht mit dem Geschlecht, das ihm bei seiner Geburt zugewiesen wurde. Doch leicht ist diese Erkenntnis nicht: Erst mit 21 Jahren ist Dänzer zum ersten Mal mit dem Thema Transidentität konfrontiert – im Internet. „Ich wusste zuvor nicht, dass es da was anderes gibt”, erzählt er im FLZ-Interview. In seinem Umfeld waren queere Themen schlichtweg nicht sichtbar.
Doch Menschen, die nicht heterosexuell sind oder mit ihrer Geschlechtsidentität von der Heteronorm abweichen, gibt es überall. Häufig halten sie ihre Identität jedoch bedeckt – aus Angst vor Ausgrenzung und Gewalt. Laut einer Studie von Statista stiegen die polizeilich erfassten Straftaten gegen die sexuelle Orientierung in Deutschland erheblich an. 2024 gab es mit 1765 Fällen einen Höchststand seit 2001.
Fragen wie „Oute ich mich jetzt oder bringe ich mich damit in Gefahr?” stellt sich auch Christian Dänzer – und das jedes Mal, wenn er eine neue Person kennenlernt. Doch „ich habe den Vorteil, dass ich nicht als trans wahrgenommen werde”, sagt er. Bis dahin war es jedoch ein langer Weg.
Mit Anfang 20 hat Dänzer 15 Wochen in einer Psychiatrie verbracht. In diesem geschützten Raum hat er sich getraut, seine Identität zu hinterfragen und einen Versuch zu starten: Alle sollten ihn Chris nennen. „Das war am Anfang komisch, weil ich natürlich noch einen weiblichen Körper hatte”, erklärt er. Doch im September 2018 war er sich sicher: „Ich bin der Christian.”
Sein soziales Umfeld hat weitgehend positiv reagiert: „Für manche war es schon schwierig, aber die meisten haben mich unterstützt.”
Dann ging alles schnell: Im März 2019 begann er, Testosteron zu nehmen. Im August waren Vorname und Personenstand offiziell geändert und im Oktober war die erste Operation. In dieser Zeit habe ihm besonders die Facebook-Gruppe Transgender Germany geholfen. So hatte er direkt ein Netzwerk mit Erfahrungen und Informationen.
Heute geht es Christian Dänzer gut. Er ist verheiratet, arbeitet als Life Coach und wird den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern übernehmen. Doch er weiß, dass er Glück hatte. Die Lebenswelten queerer Menschen sind unterschiedlich. Nicht alle treffen auf so viel Unterstützung. Daher gibt es einige Gruppen und Aktionen, die queeren Menschen einen sicheren Raum und eine Stimme geben sollen.
In unserer Region steht beispielsweise „Rothenburg ist bunt!” für Vielfalt und Toleranz. Das Stadtfest feierte im vergangenen Juli Premiere. Doch die Idee hatte Initiator Takuma Wohlfahrt schon viel früher.
Der 33-Jährige ist homosexuell. Als er sich nach dem Studium geoutet hat und 2018 nach Rothenburg zurückgezogen ist, wollte er sich nicht mehr verstecken. Er wollte in der ländlichen Stadt ein Zeichen setzen, erzählt er. Denn: „Warum muss ich nach Berlin oder München fahren, um der LGBTQIA+-Community ein Gesicht zu geben?”, fragte er sich. „LGBTQIA+” steht auf Englisch für lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, intersexual und asexual – also für alle, die nicht in die heteronormative Kategorie passen.
Aus dem Zeichen für queere Menschen wurde mehr. Mithilfe zahlreicher Unterstützender hat sich die Idee zu einem Stadtfest für alle entwickelt. Solche Aktionen sind wichtig, um „einen Leuchtturm für die zu schaffen, die nicht dazugehören”, sagt Wohlfahrt. „Wir stehen für Vielfalt. Wir wollen Vielfalt. Du bist willkommen.” Das ist die Botschaft.
2026 soll „Rothenburg ist bunt!” in die zweite Runde gehen. Weitere Informationen gibt es auf www.rothenburgistbunt.de
Es gibt auch direkte Anlaufstellen, beispielsweise ein queerer Stammtisch in Neustadt. Franziska und Inka Baurmann haben ihn dieses Jahr ins Leben gerufen. Seit April finden monatliche Treffen in der Kneipe „Trichter” in Neustadt statt. Dabei sind auch Freundinnen und Freunde sowie Sympathisantinnen und Sympathisanten von queeren Personen willkommen. Weitere Informationen gibt es auf dem Facebook-Account „Kunterbunt Queer” oder auf Instagram „kunterbunt_queer”.
Der Verein Trans-Ident ist ein Zusammenschluss aus Selbsthilfegruppen und Stammtischen. Hier werden Orte für „Menschen mit Variationen der geschlechtlichen Identität”, so heißt es auf der Webseite des Vereins, geschaffen. Transsexuelle, nicht-binäre und auch intersexuelle Menschen sind willkommen.
In Ansbach gibt es zwei Gruppen des Vereins. Jeweils am zweiten Mittwoch im Monat von 19 Uhr bis 21 Uhr treffen sich genderqueere Erwachsene. Die Jugendgruppe trifft sich an jedem ersten Sonntag im Monat von 16 Uhr bis 18 Uhr. Weitere Informationen sind online unter trans-ident.de zu finden.
Auch die „LGBTQIA+ & friends”-Gruppe trifft sich seit 2018 regelmäßig. Zusätzlich organisiert das Büro für Familie, Chancengleichheit und Diversity an der Hochschule Ansbach verschiedene Programmpunkte wie Pride Partys oder Krimidinner. Weitere Informationen gibt es unter lgbt-hs-ansbach.de
Christian Dänzer hat einen Wunsch oder vielmehr eine Botschaft: „Wir müssen nicht alles verstehen, aber einfach Respekt voreinander haben. Und nur weil es Bücher gibt, in denen Transmenschen sind, werden nicht alle Kinder trans. Sie lernen einfach nur, was es noch gibt.”