Selbst Landwirte, die gut wirtschaften, machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Höfe. Preisrisiko, Hitze, Dürren, Starkregen, Flächendruck, gestiegene Energiekosten, neue Auflagen. Zu dieser unsicheren Gemengelage kommt das Politikrisiko, ob eine Investition heute noch sinnvoll ist angesichts der offenen Fragen.
Landwirte brauchen Planungssicherheit, betonen Leiter Wolfgang Kerwagen und Fachbereichsleiterin Anna Nagel vom im Gespräch mit der FLZ-Redaktion. Die Idee einer Tierwohlabgabe sei nicht neu.
Anfang 2020 hatte eine von der damaligen Bundesregierung aus Union und SPD eingerichtete Kommission unter dem Vorsitz des einstigen Landwirtschaftsministers Jochen Borchert (CDU) die Einführung empfohlen. Das Gremium riet dazu, eine Abgabe auf alle tierischen Produkte – Fleisch, Eier, Milch – zu erheben. Der Vorschlag versandete. Unter den Bauernprotesten gegen die Agrarpläne der Bundesregierung kam der Vorschlag einer Tierwohlabgabe auf, um Tierhalter beim Umbau ihrer Ställe zu unterstützen. Denn die Forderungen aus der Gesellschaft und der Politik bedeuten, dass viele Tierhaltungsbetriebe in neue Ställe beziehungsweise den Umbau bestehender Ställe investieren müssten.
Das AELF Ansbach ist Ansprechpartner für landwirtschaftliche Betriebe. Auch in Fragen des Tierwohls und der Nutztierhaltung. Jede Maßnahme müsse im Einzelfall sorgfältig abgewogen werden, um das finanzielle Risiko zu kalkulieren, betont Amtsleiter Kerwagen. „Wenn ein neuer Kuhplatz 20.000 Euro kostet, will das gut überlegt sein.“
Investitionen in einen Stall brauche eine Perspektive von „mindestens 20 Jahren“, so Kerwagen. Dem stehe die aktuelle Verunsicherung in der Branche gegenüber. Ein Landwirt wisse nicht, ob eine Investition heute noch sinnvoll sei, angesichts der offenen Frage, was von Politik und Gesellschaft in zehn oder 20 Jahren gewollt und nachgefragt werde.
Kerwagen wies auf die Diskrepanz in der Gesellschaft hin zwischen dem Bürger auf der einen Seite, der relativ hohe Maßstäbe an die Landwirtschaft stellt, an den Umweltschutz, an das Tierwohl, an den Klimaschutz – und auf der anderen Seite dem Konsumenten, der beim Blick auf den Preis eher das günstigere Produkt kauft. „Gesellschaft und Politik wollen mehr Tierwohl, aber der Verbraucher ist nur bedingt bereit, dafür mehr Geld auszugeben.“
Viele Fragen zur Abgabe seien noch offen. Ob und wie viel Geld davon dann tatsächlich bei den Bauern ankommt, ist unklar. „Wenn das Geld im allgemeinen Steuerhaushalt des Finanzministers landet, ist nicht sichergestellt, dass es in die Tierhaltung fließt“, so Kerwagen.
Mehr Orientierung darüber, wie die Tiere gehalten und wie das Fleisch hergestellt wurden, soll die neue staatliche Tierhaltungs-Kennzeichnungspflicht geben. Ob sie Verbraucher dazu animiert, eher höherwertiges Fleisch aus der heimischen Nutztierhaltung zu kaufen, muss sich zeigen. Die Label-Pflicht soll zunächst für frisches Schweinefleisch aus Deutschland gelten.
Zu einem späteren Zeitpunkt soll sie zudem auch auf andere Fleischarten wie Rind und Geflügel ausgedehnt werden. Damit kommen neue Aufgaben auf tierhaltende Betriebe zu. Außerdem gibt es Pläne von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), die ganzjährige Anbindehaltung bei Rindern in fünf Jahren endgültig zu verbieten.
In Stadt und Landkreis Ansbach werden laut Kerwagen „über 90 Prozent der Kühe im Laufstall gehalten“. Im bayernweiten Vergleich sei man damit „ziemlich vorne“. 92 Betriebe würden noch ganzjährige Anbindehaltung im Stall praktizieren. Es handele sich dabei vor allem um kleine und ältere Betriebe mit begrenztem Raum, die im Durchschnitt etwa 27 Rinder halten und eher zur Generation der auslaufenden Höfe gehören.
Aber was ist Tierwohl überhaupt und wie kann man es messen? Eine eindeutige Antwort kann auch das AELF nicht geben. Zu unterschiedlich ist die Einschätzung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – aber auch in der Wissenschaft – darüber, ob es den landwirtschaftlichen Nutztieren gut oder schlecht beziehungsweise besser oder schlechter geht als in der Vergangenheit.
In Stadt und Landkreis Ansbach halten etwa 1080 landwirtschaftliche Betriebe im Haupterwerb rund 104.400 Rinder. Der überwiegende Teil sind Kühe beziehungsweise Mutterkühe. 433 Betriebe haben 16.026 Mastbullen. 116 Betriebe sind auf Zuchtsauen und Jungsauen ausgerichtet. Auf 496 Betrieben leben 78.863 Mastschweine (ab einem Gewicht von 30 Kilogramm). 19 landwirtschaftliche Betriebe im Haupterwerb haben ihren Schwerpunkt auf Putenhaltung gelegt – mit durchschnittlich 10.200 Tieren. Die Zahlen stammen aus offiziellen Datenquellen. sis