Thunder Bay: Wo Wetter und Wellen den Ton angeben | FLZ.de

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Veröffentlicht am 13.05.2026 00:08

Thunder Bay: Wo Wetter und Wellen den Ton angeben

Auf der Sibley-Halbinsel im Lake Superior gelegen: „Sleeping Giant“, eine imposante Felsformation. (Foto: Goh Iromoto/Tourism Thunder Bay/dpa-tmn)
Auf der Sibley-Halbinsel im Lake Superior gelegen: „Sleeping Giant“, eine imposante Felsformation. (Foto: Goh Iromoto/Tourism Thunder Bay/dpa-tmn)
Auf der Sibley-Halbinsel im Lake Superior gelegen: „Sleeping Giant“, eine imposante Felsformation. (Foto: Goh Iromoto/Tourism Thunder Bay/dpa-tmn)

„All set?“ - alle bereit? Neun Daumen gehen nach oben. „All right“, sagt Kapitän Gregory Heroux und legt die Gashebel seines 500 PS-starken Schlauchbootes um. Was jetzt noch jemand sagte - es ginge in Fahrtwind, Nebel und Gischt unter. 

Zwischen 30 und 60 Minuten dauert die Überfahrt aus dem Hafen Thunder Bays im Nordosten der kanadischen Provinz Ontario bis zum heutigen Ziel: dem Fuß des „Sleeping Giant“ („Schlafender Riese“) - eine Felsformation einer im Lake Superior gelegenen Halbinsel, die im Profil und mit etwas Fantasie einem schlafenden Riesen ähnelt. Heute wollen wir gemeinsam dessen Kopf erklimmen.

Obwohl die Überfahrt auf dem Lake Superior an diesem Tag bei zwei Meter Welle schunkelig und feucht ist, ist sie eine Riesenerleichterung. Denn sie erspart uns eine lange Autofahrt auf die Halbinsel und gut 14 Kilometer des Wanderwegs. 

Angelandet in der Sawyer-Bucht sind nur noch rund 1,5 Kilometer und 200 Höhenmeter bis zum Aussichtspunkt zu Fuß zu bewerkstelligen. Also eine entspannte eineinhalbstündige Wanderung statt einer ausgewachsenen Tagestour. 

Der große See regiert das Wetter

Am Wetter ändert das nichts. Oben angekommen, herrscht immer noch trübe Suppe bei 15 Grad Außentemperatur. Die eigentlich wunderbare Weitsicht? Heute Fehlanzeige. Sie reicht lediglich bis zum Fuß der Steilklippen hinab, wo die Wellen des Lake Superior tosend anbranden.

„Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte einfach fünf Minuten“, sagt Tourismusmanager Paul Pepe, der die Region um Thunder Bay, zu der auch die Sawyer-Bucht zählt, wie seine Westentasche kennt. 

An der etwas scherzhaft gemeinten Weisheit ist was dran: Beim morgendlichen Blick aus dem Hotelzimmer kann einem in Thunder Bay mitunter noch angst und bange werden. 

Dicke Regentropfen rinnen am Fenster hinab, der Wind fegt über das Dach hinweg, während sich Blitz und Donner abwechseln. Dass sich das Unwetter bis nach dem Frühstück gelegt hat? Gut möglich. Dass es bis zum Nachmittag noch strahlenden Sonnenschein und mehr als 30 Grad Celsius gibt? Ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Schuld an den schnellen Wetterumschwüngen ist der See. Der Lake Superior (Oberer See) ist das flächenmäßig zweitgrößte Binnengewässer der Erde. Der Bodensee würde mehr als 150 Mal hineinpassen. Steigt feuchtwarme Luft über dem See auf und vermischt sich mit kühlerer Luft vom Land, kann es zu heftigen Niederschlägen und Gewittern kommen, die sich ebenso zügig wieder verziehen können, wie sie aufgetreten sind.

Doch der See dirigiert nicht nur das Wetter. Er ist in der Region auch überlebenswichtig. Er versorgt die Menschen mit Trinkwasser und Elektrizität, hält die örtliche Papierproduktion am Laufen, liefert Fisch für die Gastronomie und lockt die Touristen, die ihn unter anderem von Bord der Kreuzfahrtschiffe aus erleben.

Zudem ist der See - insbesondere über den Hafen von Thunder Bay - ein wichtiger Transportweg für Waren von und nach Westkanada sowie den Export von etwa von Getreide oder Kohle. 

Kanus statt Containerschiffe

Im 19. Jahrhundert wurden in Thunder Bay noch andere Waren getauscht - vor allem Textilien, Werkzeuge, Felle und andere tierische Produkte sowie Lebensmittel. Und der Transport war vor gut 200 Jahren noch mühseliger: Statt Containerschiffen für tonnenweise Handelsgüter waren die Händler auf ihre Kanus angewiesen. Und damit auf tüchtige Kanubauer. 

Allein Holz, Rinde und Wurzelgeflecht hielt deren Boote zusammen. Und trotzdem konnte ein einzelnes Exemplar mitunter mehr als eineinhalb Tonnen Ware aufnehmen. Dafür steckten in einem solchen Boot aber auch gut 300 Stunden Arbeit.

Umso ärgerlicher war, dass ein solches Kanu teils keine ganze Saison überstand. Auf der zweiwöchigen bis dreimonatigen Anfahrt nach Fort William, wo sich die Händler aus Ost und West des großen Sees einmal im Jahr trafen - heute ein Stadtteil Thunder Bays - ließen einige der Boote durch die immense Belastung Federn.

Als Transportmittel im großen Stil hat das Kanu heute ausgedient, und längst wird es nicht mehr aus Holz und Geflecht, sondern Kunst- oder Faserverbundstoffen gebaut. Umso größer ist seine Rolle in der Freizeit. Auffallend oft sieht man Kanus und Kajaks im Stadtbild Thunder Bays - unzählige Exemplare werden auf den Dächern von Autos umherkutschiert, auf dem Weg zum nächsten Angeltrip oder Camping-Abenteuer.

Kleine Abenteuer, zu denen auch Guide Zack Kruzins mit seinen Gästen aufbricht. Er hält die kleinen Boote für nahezu ideal, um rund um Thunder Bay Natur und Wildnis zu erkunden. Überall auf der Welt sei er schon gepaddelt, und doch zog es ihn am Ende zurück in seine Heimat. Dorthin, wo das Wetter unberechenbar und das Wasser kristallklar und eiskalt ist.

Rund um die Rossport Islands, knapp zwei Autostunden nordöstlich von Thunder Bay, lässt sich Zacks Begeisterung nachspüren. Auf einer halbtägigen Kajaktour stellt sich schon nach der ersten Insel das Gefühl ein, die Zivilisation hinter sich gelassen zu haben.

Vögel, Paddelstöße, sonst nichts

Außer Paddelstößen und singenden Vögeln hört man nichts. Dann plätschert es: Zack hat einen Fisch geangelt, der gut und gerne für ein kollektives Abendessen gereicht hätte. Aber so viel Zeit haben wir nicht. Zack lässt ihn wieder frei. 

50 Tage am Stück war der Kajak-Guide bereits rund um die Rossport Islands unterwegs. Seine Erlebnisse hat er in einem Buch festgehalten. Ihn zieht es nur ans Festland, wenn er wirklich muss. Als wir rund vier Stunden später zurück am Ausgangspunkt unserer Runde sind, bedauert Zack, bedauern die Teilnehmer, dass der Trip nicht länger ausgelegt war.

Lange währt der Schmerz nicht. Als wir mit dem Auto zurück Richtung Thunder Bay aufbrechen, paddelt Zack schon wieder raus zu seinen geliebten Inseln.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Thunder Bay liegt am westlichen Ufer des Lake Superior und gehört zur kanadischen Provinz Ontario. Mit rund 110.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt im Nordwesten Ontarios.

Anreise: Thunder Bay hat einen eigenen Flughafen (tbairport.on.ca), der von Toronto (torontopearson.com/en) aus regelmäßig angeflogen wird. Von München und Frankfurt geht es täglich nach Toronto, von Berlin aus zweimal die Woche.

Reisezeit: Wer es warm mag und auf sommerliche Aktivitäten setzt, sollte seinen Besuch auf Juli oder August legen. Die Frühjahrs- und Herbstmonate sind kühler und für Reisende geeignet, die in Ruhe die Natur erkunden wollen.

Unterkunft: In und um Thunder Bay gibt es zahlreiche Hotels, Motels und Campingplätze, die für jeden Geldbeutel eine geeignete Unterkunft bieten. Eine Übersicht unter thunderbay.reservationsystems.com.

Währung: 1 Kanadischer Dollar entspricht 0,63 Euro-Cent (Stand: 30.04.2026).

Weiterführende Infos: visitthunderbay.com und destinationontario.com/en-ca

© dpa-infocom, dpa:260512-930-72715/1


Von dpa
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