Musik, Tanz und bildende Kunst kennen seit Jahrhunderten keine Grenzen. Im Theater, dem Schnittpunkt aller Künste, treffen sie sich seit je. Dass das noch heute so ist, beleuchtet dieser Teil der FLZ-Serie zur Europa-Wahl am Beispiel des Ansbacher Theaters Kopfüber.
Europa ist für Claudia Kucharski nicht bloß eine Idee. Europa ist für die Ansbacher Theatermacherin gelebte Praxis. Wer sie besucht, wenn gerade wieder ein neues Stück entsteht, kann das sehen und hören.
Claudia Kucharski lädt gern Theaterleute aus anderen Ländern zu sich ins Haus ein. Sie hat aber auch schon öfter in Polen gearbeitet – als Deutsche gilt sie dort. Was zur Hälfte stimmt. Sie hat beide Staatsbürgerschaften, die deutsche und die polnische.
Ein wenig überlegen muss sie, aus wie vielen Nationen die Menschen stammen, die im Theater Kopfüber schon gearbeitet haben: Holland, Österreich, Italien, Slowakei, Ukraine, Polen, Kasachstan – und natürlich Deutschland. Überlegen muss Claudia Kucharski, weil ein solch europäisches Miteinander für sie selbstverständlich geworden ist und weil sie und ihre Kollegen Lust haben, sich auszutauschen.
Anstrengend ist die Arbeit trotzdem: „Es kostet auch Mühe. Ich bin dann schon müde, wenn wir hier in drei oder vier Sprachen proben. Oh, denke ich manchmal, bitte einmal alle auf Deutsch. Aber das können ja nicht alle.“ Das Spannende für sie ist: „Auch wenn wir die Sprache nicht kennen, verstehen wir uns. Wenn man ein gemeinsames Ziel hat, geht das. Weil man es will.“
Was im kleinen Maßstab des Theaters stimmt, gilt auch im großen: „Wir haben so viel Europa, dass wir es manchmal nicht merken,“ sagt die Künstlerin und fügt hinzu: „Wir dürfen es aber nicht für selbstverständlich halten, wir müssen es pflegen. Was passiert, wenn wir es nicht tun, das sehen wir am Beispiel Brexit.“ Für Claudia Kucharski ist darum klar: „Ich gehe zur Wahl, weil wir über die Brücken, die wir gebaut haben, auch gehen müssen. Selbst wenn wir nicht mit allem zufrieden sind. Wir können uns so freuen, dass wir Wahlmöglichkeiten haben.“
Claudia Kucharski, 1968 in Świętochłowice geboren, verließ Polen 1989 noch vor der Wende und arbeitet seitdem freiberuflich in Deutschland an Theatern. 2006 gründete sie das Theater Kopfüber in Ansbach, das vor allem Stücke für Kinder und Jugendliche entwickelt und spielt. 2019 förderte der Bezirk Mittelfranken eine Koproduktion mit dem Teatr Lalek Tęcza in Słupsk: „Sąsiedzi/Nachbarn“, ein Stück darüber, wie Zusammenleben über Grenzen hinweg gelingt.