In einer turbulenten Sitzung vor großem Publikum in der Aula der Mittelschule hat der Gemeinderat Lehrberg die Vorgänge rund um die Klärwerks-Baustelle im Ortsteil Gräfenbuch aufgearbeitet. Nach Anhörung von Experten steht fest: Ja, Abwasser ist in den Sulzbach geflossen. Nein, eine Umweltkatastrophe gab es nicht.
Es mussten zusätzliche Stühle herangeschafft werden, so groß war der Andrang. Rund 170 Zuhörerinnen und Zuhörer waren gekommen, um sich über die Vorgänge in Gräfenbuch zu informieren. Darunter eine größere Gruppe von Landwirtinnen und Landwirten.
Dass die nicht alle zur Gemeinde gehörten, zeigte ganz zu Anfang der längere Vortrag eines Bauern aus Thüringen, der die schwierige finanzielle Lage der Landwirtschaft darstellte und die Drangsalierung der Betriebe durch die Aufsichtsbehörden beklagte.
Worum ging es wirklich? Am 10. August, in Lehrberg wurde das Dorffest gefeiert, verbreitete der CSU-Gemeinderat Hans Merk über soziale Medien sein erstes Video von der Klärwerks-Baustelle in Gräfenbuch. Tenor: Die „Brühe” aus dem im alten Klärteich verbliebenen Schlamm sickere ins Grundwasser oder fließe gleich in den nahen Sulzbach. Undenkbar, wenn so etwas einem Landwirt passiert wäre, so Merk. Das sorgte für einen regelrechten Shitstorm unter den Bäuerinnen und Bauern, die sich seit vielen Jahren von strengen Vorschriften der Aufsichtsbehörden gegängelt fühlen.
Tatsächlich wurde vier Tage später festgestellt, dass aus einem undichten Schacht Abwasser ausgetreten und in den Sulzbach geflossen war, wie Projektleiter Fabian Fischer vom Ingenieurbüro Christofori in der Sitzung bestätigte. Man habe einen Damm aufgeschüttet, um das Abwasser zu stoppen, am nächsten Tag habe man den Schacht freigelegt und mit Beton ummantelt.
Weil wegen Arbeiten am Erdbecken ein Weiterleiten der Abwässer in den Teich nicht möglich war, habe man dann das Abwasser mit dem Saugwagen alle drei Tage aus dem Kanal gepumpt und zur Kläranlage nach Lehrberg gefahren.
Am Dienstag ist die Anlage in den Probebetrieb gegangen, Ende Oktober stehe die Gesamtfertigstellung an, so Fischer. Dann bleibe nur noch die Entsorgung des im Teich verbliebenen Klärschlamms.
Warum der Schlamm nicht schon längst entsorgt ist, interessierte vor allem die CSU-Fraktion. Das Entsorgungs-Unternehmen habe doch bereits Ende Juli das Angebot gemacht, den gesamten Schlamm abzutransportieren, so Gemeinderat Hans Merk, das habe man aber abgelehnt.
Fischer bestätigte das im Prinzip. Er habe Rücksprache mit der Gemeinde gehalten, weil das Mehrkosten von geschätzt rund 100.000 Euro verursacht hätte. Eine solche Auftragserweiterung sprenge ihren Verfügungsrahmen von maximal 10.000 Euro, bestätigte Bürgermeisterin Renate Hans (Freie Wähler). Damit wird sich also der Gemeinderat noch beschäftigen müssen.
Danach ordnete Nadine Wölkl, Abteilungsleiterin beim Wasserwirtschaftsamt, das Geschehen aus Sicht ihrer Behörde ein. Man sei am Tag des Störfalls informiert worden und am nächsten Tag mit Experten vor Ort gewesen, so Wölkl. Als Sofortmaßnahmen habe man angeordnet, den Ablauf des alten Klärteichs abzudichten, um ganz sicher zu gehen. Außerdem sei das Abdichten des Stauraumkanals angeordnet worden und der Aushub des Bodens rund um den Schacht.
Zur Behauptung Merks im Video, die „Brühe” sickere vom alten Klärteich ins Grundwasser, sagte Wölkl: „Das ist nicht irgendeine Grube, das Ding hat 40 Jahre lang Abwasser gespeichert und behandelt.” Der Abwasserteich habe natürlich eine Abdichtung nach unten, da sei nichts versickert.
Man habe wissen wollen, ob der Bach Schaden genommen habe und am 15. August Temperatur, Sauerstoffgehalt und pH-Wert gemessen und keine negative Veränderung festgestellt. Am 18. August habe man nochmals eine biologische Untersuchung durchgeführt. Ergebnis: „Die Abwassereinleitung hatte keinerlei Auswirkung auf den Sulzbach.”
Gemeinderat Ulrich Spitzner vom Bürgerblock, Inhaber eines Fachbetriebs für Anlagenbau vor allem in der Landwirtschaft, erklärte, er habe sich die Baustelle selbst angeschaut und die Verhältnisse auch einem Gutachter zukommen lassen. Der habe keine schwerwiegenden Fehler festgestellt.
Einem Landwirt würde man allerdings das, was geschehen sei, nicht zugestehen, so Spitzner: „Da wird mit zweierlei Maß gemessen.” Das Problem könne man aber nicht im Gemeinderat lösen: „Und schon gar nicht, indem man Halbwahrheiten verbreitet und Leute in den Dreck zieht.” Der Redebeitrag war Ausgangspunkt einer sehr emotionalen Diskussion.
Auch der Umgang von CSU-Gemeinderat Hans Merk mit dem Vorfall auf der Baustelle hatte in der Sitzung ein Nachspiel. Er sah sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.