Ohne Material gibt es auf Baustellen kein Fortkommen: Das gilt heute noch genauso wie im Mittelalter. Wie viel Aufwand damals betrieben werden musste, können all diejenigen nachempfinden, die derzeit in die Sanierung der historischen Stadtmauer von Dinkelsbühl eingebunden sind. Denn es ist gar nicht so einfach, für das Projekt die passenden Sandsteine zu finden.
Das wissen Andreas Ganßer vom Stadtbauamt und Diplomingenieur Gregor Stolarski nur zu gut. Auf der Suche nach tauglichen Quadern und Brocken schauen sich die beiden gerne mal den einen oder anderen von Gestrüpp eingewachsenen Steinhaufen in der Landschaft an – so wie am Waldrand bei Esbach. „Das ist genau das, was wir brauchen“, beurteilt Stolarski, der an der Bautechnik GmbH der Landesgewerbeanstalt tätig ist. Es handelt sich um Reste einer privaten Baustelle, wie die Eigentümerin erläutert. Mit ihr einigt sich Ganßer. Der Bauhof soll einen großen Teil davon abholen. Der Kaufpreis sei so ausgehandelt, dass beide Parteien etwas davon haben, berichtet Ganßer.
Die Stadt hatte bereits 2005 eine größere Menge Material gekauft. Damals wurde die Nördlinger Bauhütte aufgelöst. Die Sandsteine waren allerdings zu gelblich, wie sich später herausstellte. Und so ist ein ausgebesserter Mauerabbruch am Rothenburger Weiher heute noch gut zu erkennen. Später hielt die Stadt Ausschau auf der Baustelle für den sechsspurigen Ausbau der Autobahn 6, bei dem sich die Firmen durch Sandstein graben müssen. Der Felsabbruch, so Ganßer, sei aber leider zu rötlich und mit einem zu hohen Tonanteil versehen. Auch dies würde in der Dinkelsbühler Stadtmauer optisch sofort auffallen.
„Das Bauwerk ist nämlich aus einem Guss“ und hat eine einheitlich grünlich- bis bläulich-graue Färbung, wie Fachmann Stolarski erläutert. Denn das im Mittelalter in Dinkelsbühl verbaute Gestein ist quarzithaltig. Sandstein ist eben nicht gleich Sandstein.
Vergleichbares Gestein gibt es zwar in Polen. Doch der Transport von dort würde Unsummen an Geld verschlingen. Für die Fachleute war damit klar, dass sie sich wie die Menschen im Mittelalter auf die Vorkommen vor Ort konzentrieren müssen – etwa im Bereich des Neubaugebiets Gaisfeld. Im Abschnitt IV liegen die Schichten allerdings so tief, dass sie bei den dortigen Bauprojekten nicht erreicht werden. Was blieb, ist vor allem das, was in den Dörfern beim Abbruch alter Gebäude anfällt.
Dazu gehörte unlängst ein Stall im Feuchtwanger Stadtteil Mosbach. Ein Geologe, der für das Dinkelsbühler Bauamt arbeitet, war auf den Abriss aufmerksam geworden. Er informierte Ganßer und Stolarski. Letzterer legte vor Ort fest, was vom Abbruch verwendet werden kann und somit nicht entsorgt werden muss.
Bei der Auswertung von Satellitenaufnahmen hat Stolarski zudem ehemalige Abbaustellen in der Mutschach entdeckt. Eine befindet sich in der Nähe des Vereinsgeländes der Sportfreunde. Die Steinbrüche müssen aber noch erkundet werden. Wie viel Material für das auf mehrere Jahre angelegte und auf rund zehn Millionen Euro geschätzte Mammutprojekt benötigt wird, ist derzeit unklar. „Wir arbeiten auf Sicht“, erläutert Andreas Ganßer.
Gearbeitet wird derzeit im Graben am Segringer Tor in Richtung Stadtpark. Parallel begutachtet Stolarski vorbereitend bereits den nächsten Sanierungsabschnitt, der sich vom Segringer Tor aus in entgegengesetzter Richtung zum Schattengebäude hin erstreckt. Hinter dem hohen Gemäuer befindet sich Fels. Die Menschen im späten 14. Jahrhundert haben ihr Baumaterial vermutlich zum Teil direkt auf der Baustelle abgebrochen und dort wieder verbaut.
„Man muss die Mauer lesen.“
Auch gibt die Wehranlage Aufschluss über die Arbeitsweise. „Man muss die Mauer lesen“, sagt Stolarski. Sie wurde auf Fels gegründet, wobei für die untersten Quader Taschen ins Gestein geschlagen wurden. Die Fugen wurden dann mit Mörtel verschlossen, damit im Fundamentbereich kein Wasser eindringen konnte.
Die Bauleute haben damals die Mauer der Wehranlage mehrschalig hochgezogen und die einzelnen Wände über so genannte Bindersteine miteinander verankert. Es entstand ein schussfestes Bollwerk, das den feindlichen Angriffen Stand halten sollte.
Alles, was auf der Baustelle an Aushub und Abbruch anfiel, wurde offensichtlich an Ort und Stelle verwendet. So haben die Fachleute bei ihren Erkundungen im Erdreich keine Reste einstiger Bautätigkeiten wie Schutt gefunden – „nicht ein Krümele“, sagt Stolarski, der aber dennoch etwas entdeckt hat. In seiner Hand hält er ein kleines Steinkügelchen. Es diente vor hunderten von Jahren vermutlich Kindern als Murmel.