Ein grauer Schleier hängt sich über die Fassaden der Häuser. Oft stinkt es unerträglich. Können die Bewohner des Mühlwegs in Külsheim mal durchatmen, werden sie durch laute Knalle aus dem Schlaf gerissen. Einen Verursacher haben sie seit Jahren ausgemacht: die Gießerei Heunisch. Einer der Anwohner hat die Firma daher verklagt.
Im Garten von Christian Schmitt haben sich neun Bewohner des Bad Windsheimer Ortsteils eingefunden und berichten über Probleme, die ihnen Staub, Gestank und Lärm seit Jahren bereiten. Janine Schmitt streicht mit der flachen Hand über den Gartentisch. „Jeden Tag wisch’ ich den zwei Mal ab, und trotzdem...“, sie zeigt ihre Handfläche: schwarz. Überall legt sich der Staub nieder, frisst sich in den Untergrund. Fensterscheiben bekomme sie nur mit dem Ceranfeldkratzer frei, sagt sie.
Sogar der Lack der Autos werde angegriffen, erzählt Gabriele Müller, von der rostartigen Schicht, die sich auf die Fahrzeuge legt. Simone Frank bestätigt, dass ihr dreieinhalb Jahre altes Auto bereits jetzt ein wirtschaftlicher Totalschaden sei. Die Schäden gingen mittlerweile ordentlich ins Geld, sagt Christian Schmitt. Die Kraft seiner Photovoltaik-Anlage lasse bereits nach anderthalb Jahren spürbar nach. Dass dafür der sich festsetzende Staub verantwortlich ist, liegt für ihn auf der Hand. Beweisen kann er das jedoch nicht.
„Beweisen kann ich aber, dass der Staub vom Heunisch kommt.“ Das Raster-Elektronen-Gutachten, das er bei einem „zertifizierten Labor“ in Auftrag gegeben hat, bestätige seine und auch die Vermutung der Nachbarn, dass der Staub von der rund 200 Meter entfernten Gießerei komme.
Die ausgewerteten Stoffe entstünden demnach nur bei hohen Temperaturen, wie Schweißprozessen oder beispielsweise in Gießereien. Blei, Quecksilber, sogar geringe Anteile des Gifts Arsen seien gefunden worden, erklärt Schmitt. Gesundheitliche Bedenken seien im Mühlweg deshalb größer als finanzielle. Man müsse schon Angst haben, die Kinder im Freien spielen zu lassen, sagt Christian Schmitt.
Er habe Stadt und Landratsamt um offizielle Messungen gebeten. Von den Behörden fühlen sich die Bewohner aber im Stich gelassen. Bürgermeister Jürgen Heckel sei zwar vor Ort gewesen. „Für Heckel ist aber alles rosarot“, sagt Janine Schmitt. Eine Probe hätten die Bewohner ihm vergangenes Jahr mitgegeben, die wollte er untersuchen lassen. Sie sei jedoch bei der Stadt verloren gegangen. Heckel bekam eine zweite Probe. Diese habe man eingereicht und warte nun auf das Ergebnis. Laut Stadtbaumeister Ludwig Knoblach müsste es dieser Tage eintreffen.
Mitteilen werde man der Öffentlichkeit das Ergebnis aber vorerst nicht, sagt Heckel im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das müssen wir erst mit der Firma Heunisch und dem Landratsamt besprechen.“ Zudem befinde sich Schmitt mit Heunisch in einem laufenden Gerichtsverfahren, in den man nicht eingreifen wolle. Heckel betont, dass er alles tue, was er tun könne, Heunisch sei aber ein „emittierender Betrieb und wird es auch bleiben“.
Liste-Land-Stadträtin Silke Städtler, die selbst im Mühlweg lebt – allerdings an dessen Ende – weiß das und betont, dass niemand die Firma, die ohnehin Bestandsschutz genieße, vertreiben wolle. Auch sie habe den schwarzen Dreck in ihrem Haus, wenngleich deutlich weniger als ihre Nachbarn, die vornedran leben, erklärt sie auf Anfrage.
Bürgermeister Heckel sagt, er habe „im Gegensatz zu meinen Vorgängern“ gezeigt, dass er eine Lösung finden möchte, und habe in seiner Amtszeit drei Treffen arrangiert. Unter anderem eines mit Landratsamt, Heunisch und Anwohnern, bei dem man laut Heckel „vernünftige Ansätze“ gefunden habe.
„Es sind immer nur Versprechen, es ist nie was gemacht worden“, sagt Anwohner Norbert Gundermann. Tore, die geschlossen bleiben sollten, stünden weiter offen, kritisiert Klaus Albig. Im Sommer würden gar Dachluken geöffnet, schwarzer Rauch steige aus dem Gebäude. Sogar „Videobeweise“ habe Simone Frank. Halte man nicht alles geschlossen, könne die Absauganlage doch gar nicht funktionieren, merkt Janine Schmitt an.
Dem widerspricht Dietmar Eckl, technischer Leiter bei Heunisch. Erst vergangenes Jahr sei eine neue Absauganlage eingebaut worden, diese brauche sogar Luftzufuhr, um zu funktionieren. Die Anlage sei mit einem noch geringeren Grenzwert für Staub-Ausstoß zugelassen, als die ehemalige, die abgebrannt ist.
Mittels einer Nebelmaschine, die draußen positioniert war, sei die Funktion getestet worden. Der Nebel wurde reingezogen. „Aus der kompletten Gießerei werden etwa eine Million Kubikmeter Luft pro Stunde abgesaugt“, betont Eckl. „Wir würden bei einer geringeren Menge ein Arbeitsschutzproblem bekommen.“
Der Guss müsse im Freien auskühlen. Um die Teile nach draußen zu fahren, müssten die Tore geöffnet sein. „Wir haben zugesagt, die Tore nachts zu schließen.“ Dafür sei eine Sicherheitsfirma im Einsatz, die diese sogar absperrt. Gegossen werde nur von 6 bis 22 Uhr im Zwei-Schicht-Betrieb. Eine Nachtschicht gebe es am Bad Windsheimer Standort in der Hofmannstraße, an dem rund 600 Mitarbeiter beschäftigt sind, nur für die Kernmacherei und die Gussnachbearbeitung und sei fürs Gießen auch nicht genehmigt.
Heunisch tue „alles Menschenmögliche an Präventionsmaßnahmen“, sagt Eckl und erläutert Pläne, wie künftig weniger Quarzsand und Staub aufgewirbelt werden sollen und es auch deutlich leiser werden soll. Auf dem bereits vor 15 Jahren von der Firma Gerhäuser gekauften Gelände, auf dem Lastwagen Quarzsand an- und abliefern, werden derzeit 2000 Quadratmeter Fläche mit einer Betonschicht befestigt.
Dietmar Eckl betont, Emissions- und Immissionswerte würden regelmäßig gemessen und geprüft. Dass es, wie von den Anwohnern gefordert, unangekündigte Kontrollen gibt, sei jedoch aufgrund der dafür zu erfüllenden Bedingungen nicht möglich. Die Institute müssten von der Firma beauftragt werden. Für Kontrollen, die über die Untere Immissionsschutzbehörde im Landratsamt laufen, werde „auskunfterteilendes Personal seitens der Gießerei benötigt“, die Begehung könne aus Sicherheitsgründen also nicht unbegleitet stattfinden, teilt das Landratsamt auf Nachfrage schriftlich mit.
Alle drei Jahre erfolge eine Untersuchung der 26 Emissionsquellen durch ein akkreditiertes Unternehmen. Je nach Quelle beanspruche die Messung auch mal mehrere Tage, so Eckl. „Alle Stoffe, die wir einsetzen, sind den Behörden bekannt. Die Werte liegen weit unter dem Grenzbereich“, versichert der technische Leiter. „Im Ergebnis zeigte die letztmalige Messung, dass der Grenzwert für Staub nur zu einem relativ geringen Prozentsatz ausgeschöpft wird“, bestätigt das Landratsamt.
Zusätzlich habe man im Oktober vergangenen Jahres freiwillig Messstellen eingerichtet, um zu sehen, „was bei den Mitbürgern ankommt“, erklärt Eckl. Diese befinden sich an der Therme, am Kur- und Kongress-Center, an der ehemaligen S-Bar und zwei am Mühlweg, eine davon unmittelbar an Schmitts Grundstück. Deren Inhalt werde monatlich von einem unabhängigen Institut geprüft. „Wir sind deutlich, deutlich unter den Werten, die der Gesetzgeber vorschreibt“, sagt Eckl. In Zahlen bedeute dies: 14 Prozent von dem, was dort ankommen dürfe, komme tatsächlich an.
Die Messung ist laut Landratsamt auf ein Jahr ausgelegt und solle einen „repräsentativen Mittelwert“ liefern. Und wie erklären sich die Ergebnisse der Gutachten von Schmitt? Eckl betont, dass bei Schmitts Gutachten noch andere Stoffe in die Proben gelangen. Beispielsweise „sind da die Bauern dabei, die ich übrigens sehr schätze“, sagt Eckl. Wenn sie ihre Felder umpflügen, entstehe auch Staub, der in die Behälter fliege.
Er wohne ebenfalls in Bad Windsheim, weit weg von der Firma. Auch er habe schwarzen Staub und müsse eben regelmäßig putzen. Eckl habe Verständnis für manche Bedenken der Bürger, aber irgendwo seien Grenzen erreicht. „Wir sind Schwerindustrie, das streiten wir nicht ab“, aber das hätten die Bewohner gewusst, als sie günstig ihre Grundstücke in Külsheim gekauft und dort gebaut hätten. Er empfiehlt denjenigen, die nicht damit leben können, ihr Haus zu verkaufen und woanders zu bauen. „Das schont Nerven.“
Stadträtin Silke Städtler will aber auf Grundlage dieser „alten Leier, wer war zuerst da?“ nicht mehr diskutieren. „Das ist nicht zielführend. Wir haben das Problem und brauchen eine Lösung.“ Sie merkt an, dass sich die Anwohner einfach nicht ernst genommen fühlen mit ihren Problemen. Keiner der Verantwortlichen in der Firma habe jemals vor Ort vorbeigeschaut und sich aktiv bemüht, die Külsheimer zu verstehen. Eckl betont, dass das nicht stimme. Mittlerweile sei man allerdings mit „gewissen Parteien“ so zerstritten, dass man freilich nicht „einfach so da rauskomme“.
Zum Staub und Geruch komme noch der Lärm. Oft rissen laute Knalle die Bewohner nachts aus dem Schlaf, wenn wieder irgendetwas in Metallcontainer geschmissen werde, erklärt Städtler. Auch den Beschwerden über den Lärm komme Heunisch nach, sagt Eckl. Geplant sei ein fünf Meter hoher Lärmschutzwall auf dem Gelände der Firma. Parallel dazu sollen die Mühlweg-Bewohner durch eine ebenso hohe Lärmschutzmauer abgeschottet werden. Diesbezüglich sei die Stadt in Verhandlungen, denn dazu müsse weiterer Grund gekauft werden.
Da der Eigentümer aus Angst einer möglichen Expansion nicht an Heunisch verkauft, komme die Stadt ins Spiel. „Das könnte zum Beispiel eine Lösung sein“, mehr sagt Bürgermeister Heckel dazu noch nicht. „Wir investieren in die Maßnahmen etwa eine Million Euro, von der wir nichts haben“, sagt Eckl. Das müsse die Firma nicht und zeige so ihr Entgegenkommen. „Wir warten jetzt einfach mal den Gerichtstermin ab.“
Der nunmehr zweite Verhandlungstag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth findet am Dienstag statt. Christian Schmitt klagt gegen Heunisch auf Unterlassung, weiterhin so viel Lärm und Staub zu produzieren. Es werde darauf hingearbeitet, eine „verträgliche Lösung“ für beide Parteien zu finden, erklärt Tina Haase, Leiterin der Justizpressestelle.
Daran seien auch die Anwohner interessiert, sagt Silke Städtler: „Wir wollen, dass Heunisch die Auflagen so einhält, dass es passt.“ Simone Frank fügt an: „Wir wollen nicht, dass die Firma schließt oder Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Wir wollen einfach Lebensqualität.“