Spargel und Stubenfliegen: Historische Bibliothek in Ansbach öffnet ihre Türen | FLZ.de

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Veröffentlicht am 04.07.2025 15:00

Spargel und Stubenfliegen: Historische Bibliothek in Ansbach öffnet ihre Türen

Die Inkunabeln sind rund 550 Jahre alt. (Foto: Lara Hausleitner)
Die Inkunabeln sind rund 550 Jahre alt. (Foto: Lara Hausleitner)
Die Inkunabeln sind rund 550 Jahre alt. (Foto: Lara Hausleitner)

Das gedrehte Horn des Einhorns ist unerwartet schwer. Die Spitze fehlt, sie wurde irgendwann in den vergangenen Jahrhunderten abgebrochen. Moment mal – Einhorn? Nun, das elfenbeinfarbene lange Objekt ist natürlich kein echter Einhorn-Stirnschmuck, sondern ein Narwal-Zahn. Was fast genauso exotisch ist.

Der Zahn gehörte einst zu den Kuriositäten in der markgräflichen Wunderkammer und wurde deren Besuchern voller Stolz präsentiert. Die Gäste bei Hofe staunten, denn lange Zeit hielt man die raren Stoßzähne der Narwale tatsächlich für die Hörner von Fabelwesen.

Heute ist der Narwal-Zahn in der historischen Bibliothek des Gymnasium Carolinum zu entdecken – neben rund 16.500 bibliophilen Schätzen. Im Rahmen der Ansbacher Rokoko-Festspiele öffnete die Bibliothek im dicken Turm nun ihre Pforte – eine rote Sicherheitstür. Der runde Raum mit den ebenso prächtigen wie wertvollen Buchbeständen ist nur für Forschungszwecke und gelegentlich bei Führungen zugänglich.

„Schlaraffenland“ im alten Turm

Gottfried Kühnl, Lehrer für Latein, Deutsch und Geschichte, betreut die Bibliothek seit rund sechs Jahren. Nicht nur nebenbei, sondern mit großer Leidenschaft. Sein „Schlaraffenland“ sei dieser Ort, gestand der 59-Jährige, nachdem er die Besucherinnen und Besucher zunächst in der Aula mit einer auf der Trompete gespielten Fanfare aus der Rokokozeit begrüßt hatte. Kühnl, der Hüter der alten Bücher, ist auch Musiker.

In den hohen Regalen im Turmzimmer, kreisförmig an den Außenwänden und sternförmig von der Mitte aus angeordnet, werden Bücher aus der Zeit ab etwa 1470 verwahrt. Inkunabeln nennt man die ältesten Exemplare, Wiegendrucke, weil sie aus einer Epoche stammen, in der der Buchdruck quasi in der Wiege lag. Sie ähneln mit Blick auf Format, Typographie und Illustrationen noch mittelalterlichen Handschriften, wie Kühnl zeigte.

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Warum man Bücher aufschlägt

Die Bindung, die Buchdeckel aus Holzplatten, die Beschläge und die Metallverschlüsse, die Hunderte Seiten zusammenhalten, erläuterte der Pädagoge. Und dass man einst zum Öffnen eines solchen Buches auf den Deckel schlagen musste, um die schweren, unter Spannung stehenden Schließen aufzukriegen. Noch heute schlagen wir Bücher auf.

Besonders opulent ist der berühmte Botanik-Band „Hortus Eystettensis“, ein großformatiges Buch über den einstigen Eichstätter Garten an den Hängen der fürstbischöflichen Willibaldsburg. Ganz vorsichtig präsentierte Kühnl ein paar Seiten mit fein gearbeiteten Kupferstichen in der Ausgabe von 1713: den Asparagus etwa und den Buxus, Spargel und Buchs.

Reich illustriert ist auch ein Buch zur „Geschichte der Gemeinen Stubenfliege“ von 1764, ebenfalls ein besonderer Schatz im Bestand der historischen Bibliothek im zweitältesten Gymnasium in Bayern. „Ein Maler aus Nürnberg hat sich intensiv mit Fliegen beschäftigt und die Entwicklung vom Ei über die Larve bis zur Verpuppung und zur fertigen Fliege dokumentiert“, so Kühnl. „Die kolorierten Kupferstiche sind sensationell detailgenau.“ Alle Besucherinnen und Besucher bewunderten die ganzseitig dargestellten haarigen Fliegenkörper, die roten Facettenaugen, den riesigen Rüssel.

Bitte um Freiexemplare

Die Bibliothek des Carolinum geht zurück auf die Markgrafenzeit und im Besonderen auf den Geheimen Sekretär Johann Friedrich Loesch, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts für den Etat der Schule zuständig war. Loesch wählte eine geschickte Strategie, um möglichst viele Bücher möglichst günstig zu bekommen: Er schrieb Autoren und Verleger sowie reiche Adelige und hochrangige Kleriker mit der Bitte an, für die Bibliothek des Gymnasiums in Ansbach Freiexemplare zur Verfügung zu stellen.

Loesch hatte Erfolg, im Vatikan ebenso wie an den Kaiserhöfen von Österreich und Russland. So wuchs der Bestand von anfangs rund 1000 Büchern auf mehr als 3000 Bücher bereits im Jahr 1785 an – darunter etliche Prachtwerke, wie man sie sonst kaum in einer Gymnasialbibliothek vereinigt fand.

Sie alle und Tausende später hinzugefügte Bände wären dem Carolinum Anfang der 1960er Jahre allerdings fast abhandengekommen. Denn der damalige Schulleiter beschloss, sämtliche Bücher der Staatlichen Bibliothek zu vermachen. Angeblich, erzählt man sich, sei der Direktor beim Versuch, ein Buch aus den hohen Regalen zu holen, von der Leiter gefallen; danach habe er die ganze Bibliothek loswerden wollen.

Der Vertrag zur Abtretung der Sammlung an die Staatliche Bibliothek war bereits unterzeichnet, als Hans Philippi die Schulleitung übernahm. An seinem ersten Tag im Direktorat fand er auf seinem Schreibtisch den Abholbescheid vor. Im letzten Moment konnte Philippi einen Aufschub erwirken und danach neu verhandeln, unterstützt vom Verein ehemaliger Schüler, vom Elternbeirat und Personalrat und von Vertretern der Stadt und der Regierung.

Geringe Luftfeuchtigkeit

Das Ergebnis: Die Bücher durften im Carolinum bleiben – nun als Dauerleihgabe der Staatlichen Bibliothek. Die Bedingung war, einen geeigneten Raum mit geringer Luftfeuchtigkeit und hohen Sicherheitsvorkehrungen zu schaffen, einen Betreuer einzusetzen und die Bände für wissenschaftliche Arbeiten zugänglich zu machen. Daraufhin wurde das Turmzimmer als Bibliothek eingerichtet; die bis dato in einem Raum unter der alten Turnhalle gelagerten Bücher zogen dorthin um.

Zusammen mit dem Narwal-Zahn, einem Schildkrötenpanzer, einer Schlange im Glas, einem Protokoll zu einer angeblich Eier legenden Häsin und weiteren erstaunlichen Objekten. Sie alle stammen aus jener Kuriositätenkammer des Ansbacher Markgrafen Alexander. Nach seiner Abdankung 1791 zog er mit Lady Craven nach England und ließ die Wunderdinge in Ansbach zurück.

Auch die Staatliche Bibliothek an der Reitbahn bietet im Rahmen der Rokoko-Festspiele noch eine Führung an. Am Samstag um 11 Uhr geht es um das „Büchererbe der Markgrafen“. Anmeldung unter der Telefonnummer 0981/953850.


Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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