Das bayerische Kultusministerium plant einen Schulversuch für fünfte Klassen an Wirtschaftsschulen, darunter in Dinkelsbühl. Wassertrüdingens Bürgermeister Stefan Ultsch, er ist Vorsitzender des Mittelschulverbundes Hesselberg, sieht im Ausbau der Wirtschaftsschulen eine Schwächung der Mittelschulen im ländlichen Raum.
An der Betty-Staedtler-Mittelschule Wassertrüdingen waren in den vergangenen Jahren die Schülerzahlen gerade noch ausreichend, um eine M-Klasse in der siebten Jahrgangsstufe bilden zu können, so Ultsch. Die Schülerzahlen lagen seit 2019 zwischen 15 und 22 Jugendlichen.
Für das kommende Schuljahr 2024/25 kalkuliert man an der Mittelschule Wassertrüdingen mit 15 Schülern. Durch „Rückläufer“ aus den Realschulen und Gymnasien der näheren Umgebung beziehungsweise Übertritte aus Regelklassen stabilisierten sich die Schülerzahlen der M-Klassen.
Der Schulversuch mit einer zusätzlichen Vorklasse an vierstufigen Wirtschaftsschulen und somit der breite Ausbau der Wirtschaftsschule ab der fünften Klasse bedeute, so Ultsch, eine Schwächung der Mittelschule und gefährde den M-Zug.
Schüler, die sich für die neue Eingangsklasse an der Wirtschaftsschule entscheiden, fehlen anderen Schularten, etwa den Mittelschulen Wassertrüdingen und Dinkelsbühl des Mittelschulverbundes Hesselberg. „Selbst wenn die Eingangsklasse an der Wirtschaftsschule auf eine Klasse begrenzt wird, wie es aktuell der Fall zu sein scheint, fehlen den Mittelschulen jährlich etwa 30 Schüler“, bilanziert Ultsch.
Aus Sorge um die Mittelschul-Standorte im Altlandkreis Dinkelsbühl hat der Schulverbundsvorsitzende und SPD-Politiker die bayerische Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) in einem Brief zur Rücknahme des Schulversuchs mit einer Eingangsstufe an der vierstufigen Wirtschaftsschule aufgefordert. Seinen Standpunkt untermauerte er mit dem Hinweis auf die Gesamtsituation der Schullandschaft im ländlichen Raum mit ihren Herausforderungen.
Dazu gehöre, ausreichend Schülerinnen und Schüler für die jeweilige Schulentwicklung zu haben. „Bei zu wenigen Schülern kann weder eine gebundene Ganztagsklasse der Jahrgangsstufen 5 und 6 eingerichtet werden noch kommt eine M-Klasse der Jahrgangsstufe 7 zustande“, erläutert Ultsch. Als Mittelschulverbund investiere man erhebliche Mittel in das schulische Angebot mit Mensa, Berufsorientierung, Klassenzimmer im Freien, Digitalisierung, Umweltoffensive.
Neben den Schülerzahlen sei für jede Schule im ländlichen Raum die Mobilität mit öffentlichem Nahverkehr, Schulbussen und Verkehrsunternehmen eine Herausforderung. Die Situation stelle sich in anderen Teilen des Landkreises Ansbach ähnlich dar, meint Ultsch. Durch den Schulversuch werde die Schulform Mittelschule „aufs Spiel gesetzt und die schulische Versorgung der Mittelschüler im Flächenlandkreis Ansbach gefährdet“.
Durch Absprachen sei es gelungen, einen guten Ausgleich zwischen den Mittelschulen in Wassertrüdingen und Dinkelsbühl zu finden. Beide Rektoren hätten sich gut abgesprochen, wie Ultsch betont. Nicht zuletzt wegen der Konkurrenz zur Realschule.
Erschütterungen habe dieses fragile System der Schullandschaft in der Region „immer wieder durch angestrebte Veränderungen der Wirtschaftsschulen in Dinkelsbühl und Gunzenhausen erleiden müssen“. So erkläre sich auch, warum man in Wassertrüdingen „sehr hellhörig ist“, wenn beispielsweise an der Wirtschaftsschule Dinkelsbühl die Türe „wieder ein Stück weiter aufgemacht werden soll“. Dass dies auch zu Lasten der Mittelschule Dinkelsbühl und ihres M-Zuges gehen könne, „wird offensichtlich unterschiedlich bewertet“, stellt Ultsch fest.
Innerhalb Deutschlands sind die Wirtschaftsschulen im Freistaat eine Besonderheit. Ein gutes Dutzend dieser Einrichtungen sind über ganz Bayern verteilt. Rund die Hälfte wird staatlich finanziert, der Rest von verschiedenen Trägern.
Bisher hatte das Kultusministerium für die Lehranstalten nur einen Lehrplan für die Jahrgangsstufen sieben bis zehn vorgesehen. Er stammt aus dem Jahr 2014 und ließ auch dreistufige und zweistufige Wirtschaftsschulen zu. Im Schuljahr 2020/21 wurde die Wirtschaftsschule um eine fünfte Stufe (die sechste Klasse) ergänzt. Im neuen Modell soll die berufliche Bildung durch die Erweiterung um die fünfte Klasse noch früher beginnen.
Auf FLZ-Anfrage zu den Auswirkungen des neuen Modells heißt es aus dem Kultusministerium: „Der Schulversuch ist so konzipiert, dass Sorgen der Mittelschule vor Ort unbegründet sind.“ Da der Übertritt in die Jahrgangsstufe 5 der Wirtschaftsschule analog zum Übertritt an die Realschule möglich sei, also bei einem Notendurchschnitt von 2,66, sei die Mittelschule „nur in geringem Maße betroffen“. Man setze bei der Entscheidung „auf eine umfängliche Einbindung der örtlich Beteiligten“.