Mehr Leichtigkeit: Das Rokoko war angetreten, um das Pathos des Barock mit seiner Komplexität und Schwere in eine neue Zeit zu führen, die galanter, lichter, eben leichter sein sollte. Diesen Übergang zeichnete das nächtliche Konzert des Vokalensembles Sonat Vox im Rahmen der Rokoko-Festspiele nach.
In der Musik verwendet man die Bezeichnung Rokoko eher nicht, aber ein solches Spezialprogramm zwischen Barock, Spätbarock und Frühklassik an sich ist schon etwas Besonderes. Dirigent Justus Merkel ging noch weiter. Er lud das Ansbacher Kammerorchester ein, ergänzte fünf Frauenstimmen und ließ dazu eine Lichtinstallation erstellen. Üppigkeit aller Orten also. Die Illumination lud das Kirchenschiff von St. Johannis mit Stimmung und manchmal sogar mit Bedeutung auf.
An manchen Stellen blieben aber auch Fragezeichen, etwa gleich zu Beginn bei der Motette „Unser Leben ist ein Schatten“ von Johann Bach, dem Großonkel von Johann Sebastian Bach. Die Zuschauer blickten in fünf direkt in das Publikum strahlende Flächen-LED-Strahler, die mal mehr, mal weniger hell strahlten und beim Auf- und Abdimmen zitterten, zusätzlich gab es relativ schnelle Lichtwechsel in der Farbe ozeanblau.
Effekte sollten immer mit halbwegs erkennbarer Bedeutung versehen sein, sonst lenken sie ab und schwächen den Eindruck. Das taten sie hier. Viel Licht, viel Schatten, könnte eine Idee gewesen sein, aber die Unruhe passte nicht zum Tempo der Musik und erst recht nicht zum Text, der von Todesfurcht und Glaubenstrost spricht.
Als stimmungsvolle Grund-Illumination hingegen war das Licht ein echter Zugewinn, der weite Teile des Raumes, die Säulen des Mittelganges und den ganzen Chorraum umspannte. Kenntnisreich war die Verwendung der für das Rokoko typischen Farben wie Rosa, Gold, Mintgrün oder Hellblau. Die Grundbewegung des Konzerts ist von der Dunkelheit über die Verwandlung im christlichen Glauben hin zum Licht des Glaubens und schließlich zum Lichte Gottes, das mit der Kantate „Heilig ist Gott“ von Carl Philipp Emanuel Bach markiert ist und die sich auf die Berufungsvision des Jesaja bezieht. Merkel zeichnete die Kontraste extrem. Den Engel-Chor besetzte er mit vier Personen und das Chor-Plenum, den Chor der Völker, unterstrich er mit dem Leuchtstift eines erhabenen Fortissimo. Normalweise ist das eine gute Stelle, damit das Publikum eine Gänsehaut in Ergriffenheit erlebt; wegen der Hitze blieb es bei der Ergriffenheit.
Das Ansbacher Kammerorchester zeigte sich einmal mehr als geschmackvoller, stilsicherer Begleiter. So eine Orchesterkultur lässt sich immer gut an den Blechbläsern ablesen, die etwa beim Te Deum von Johann Adolf Hasse zum Einsatz kamen. Markus Kumpf an der Rieger-Orgel wählte für Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge C-Dur BWV 545 eine besonders prächtige Registrierung ohne große Umregistrierungen mit einem nasalen Charakter und einem fließenden Duktus. Hier in Strahler zu blicken, die das Matrixhafte, etwa bei der fünfstimmigen Introduktion, betonten, war sehr passend und zog einen förmlich in das Werk hinein. Mehr davon!
Ja, mehr von solchen starken Momenten, bei denen die Beleuchtung den Unterzügen des Werkes folgt und nicht nur tief in die Technikkiste greift. Wir erinnern uns: Als das Rokoko das Oberflächliche und Künstliche übertrieben hatte, war man seiner überdrüssig geworden. Man suchte die „edle Einfalt und stille Größe“ – und die Mode war passé. Das wäre zu schade, denn das „Experiment Licht“ hat Potenzial.