Während die Tierrechtsorganisation Aninova im Skandal um brutale Vorgänge in einem Hennen-Schlachthof in Wassertrüdingen mit weiteren Details nachlegt, steht der Betrieb weiterhin still. Das hat Folgen für viele Legehennenhalter in der Region. Wie geht es vor Ort nun weiter?
Wassertrüdingens Bürgermeister Stefan Ultsch (SPD) sagt, er könne zur Sache nichts Konkretes äußern. Er stehe im Austausch mit der Firmenleitung und den Ministerien. Sein Stellvertreter Klaus Schülein (CSU) betont, der Schlachthof sei mit rund 100 Beschäftigten und als Gewerbesteuerzahler „ein wichtiger Betrieb“ für Wassertrüdingen. „Ich hoffe, dass der Betrieb weitergeht.“
Über 500 Stunden Videomaterial hat Aninova in den ersten beiden April-Wochen heimlich in dem Schlachthof aufgenommen. Mehrfache brutale Tierquälerei war in nur zwei Minuten Videomaterial erkennbar. Hennen wurden mit der Faust und Eisenstangen geschlagen, gejagt, getreten und gewürgt.
Zuletzt wurden in Wassertrüdingen täglich bis zu 60.000 Hennen geschlachtet und verarbeitet. Sie kamen als Suppenhühner tiefgefroren in den Handel. Der Betrieb wird in zweiter Generation geführt. Als die Filmaufnahmen öffentlich wurden, stellte die Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) den Schlachtbetrieb ein.
Die KBLV ist für komplexe Lebensmittelbetriebe wie Schlachthöfe oder Großbäckereien und große Tierhaltungsbetriebe zuständig. „Die werktägliche Schlachtüberwachung am Schlachthof in Wassertrüdingen obliegt den für das Landratsamt Ansbach tätigen amtlichen Tierärzten (nicht Amtstierärzte, da dies oft verwechselt wird)“, erläuterte Pressesprecher Henning Brinkmann auf FLZ-Anfrage.
Das Landratsamt Ansbach hat indes bereits direkt nach Bekanntwerden der Filmaufnahmen betont, lediglich die Fleischbeschau als „rückübertragene Aufgabe“ zu erfüllen. Es werde der Zustand der Tiere bei der Anlieferung beziehungsweise der Tierkörper nach der Schlachtung kontrolliert. Den schwarzen Peter will also keine der Behörden haben.
Landtagsabgeordneter Martin Stümpfig von den Grünen hat die Staatsregierung gefragt, wie häufig der Schlachthof in Wassertrüdingen in den vergangenen beiden Jahren kontrolliert wurde und welche Verstöße festgestellt wurden. Das Umwelt- und Verbraucherschutzministerium verweist in seiner Antwort darauf, dass amtliche Kontrollen an jedem Schlachttag stattfinden würden. „Insofern müsste hier eine Aufzählung aller Schlachttage der letzten zwei Jahre erfolgen, auf die aus Gründen der umfangreichen Datenlage verzichtet wird.“
Für Stümpfig ein Skandal: „Wie können solche grausamen Dinge mit täglicher amtlicher Kontrolle passieren?“ Der Grünen-Abgeordnete aus Feuchtwangen fragt sich, ob möglicherweise „bewusst weggeschaut“ wurde. „Leider zeigt mir die Beantwortung meiner Anfrage, dass die Staatsregierung wenig Willen hat, an der Aufarbeitung des Problems zu arbeiten.“
Walter Scheuerl, Rechtsanwalt der Geschäftsführung, versucht derweil den Spieß umzudrehen und prangert die Tierrechtsgruppe an. Diese würde versuchen, mit Skandalbildern Spenden zu generieren, kritisiert er. Er räumt ein, dass in dem ursprünglichen 25-minütigen Zusammenschnitt vier Mitarbeiter der Lebendannahme zu sehen seien, „die gravierende Tierschutzverstöße begangen haben“. Ihnen sei gekündigt worden. Insgesamt arbeiten 16 Menschen in der Abteilung. Wann die Schlachtungen wieder aufgenommen werden, sei nicht absehbar, so der Anwalt.
Legehennenhalter in der Region müssen nun schauen, wo sie ihre Althennen schlachten lassen. In der Regel gibt es eine feste Taktung, wann Hennen ersetzt werden. Wenn der Nachschub schon bestellt ist, muss der Bestand weichen. Doch wohin, wenn in Wassertrüdingen, dem größten Schlachthof seiner Art in Bayern, nicht mehr geschlachtet werden darf? Andere große Schlachtereien gibt es vor allem in Niedersachsen und Polen, etwas kleinere auch in Sachsen-Anhalt und Österreich.
Die Legehennen-Betriebe wollen sich nicht öffentlich äußern, was sie mit ihren Tieren nun machen, wie eine stichprobenartige Umfrage der FLZ gezeigt hat. Vermutlich greifen die meisten auf die weiter entfernt liegenden Schlachtkapazitäten zurück.
Der Familienbetrieb Hofmann in Flachslanden-Sondernohe hat derweil als einziger offen auf die Anfrage der FLZ geantwortet, welche Einschränkungen die Einstellung des Schlachtbetriebs in Wassertrüdingen für die Hennenhalter mit sich bringt.
Die Familie Hofmann hat rund 11.000 Legehennen. Die Tiere werden in Eigenregie geschlachtet, erläutert Carina Helm, die zusammen mit ihrem Bruder Christian Hofmann, ein ausgebildeter Geflügelmeister, den Betrieb führt. Im benachbarten Virnsberg haben sie ein familieneigenes Schlachthaus. Rund 100 Tiere werden dort am Tag geschlachtet. Kapazitäten für die Anlieferung von anderen Haltern gibt es aber nicht, betont Carina Helm.
Die legereifen Hennen kommen mit etwa 18 Wochen in die Ställe auf den Hof. Sie werden in Bodenhaltung mit Stroheinstreu, Sitzstangen und Nestern sowie einem Wintergarten gehalten. Die Tiere bleiben etwa ein Jahr, bis sie fachgerecht geschlachtet und im eigenen Hofladen vermarktet werden. Regionalität und Tierwohl würden dabei großgeschrieben.