Er lag fünf Wochen lang im Koma. Jetzt radelte Thomas Gensler jeden Tag durch Westmittelfranken. Trotz bleibender Behinderungen. Eine inklusive Radlerinnen- und Radlergruppe um Hubert Seiter aus Baden-Württemberg macht es möglich. Deren Motto lautet: „Zeigen, was möglich ist“. Mit oder ohne Handicap.
Völlig klar berichtet der 39-Jährige von dem Unfall, der sein Leben verändert hat: Mit seiner Motorradclique war er unterwegs. „Wir waren eine totale Rasergruppe“, sagt er. Einen Traktor wollte er überholen. Doch das ging schief. Das entgegenkommende Auto hatte der damals 19-Jährige zu spät gesehen.
Der Befund, den die Ärzte der Würzburger Klinik danach seiner Mutter übermittelten, lautete: Sie möge sich keine Hoffnungen machen. Die Überlebenschancen lägen bei knapp 20 Prozent. Ihr Sohn sei praktisch hirntot.
Heute sieht die Welt für Thomas Gensler wieder etwas anders aus. Er hat sich zurück gekämpft. Bis zu 60 Kilometer hat er in dieser Woche täglich auf dem Fahrrad zurückgelegt. Einmal ging es rund um den Hesselberg, an einem anderen Tag nach Oettingen oder nach Feuchtwangen. Auch ein Abstecher nach Dinkelsbühl war dabei. Als feste Station hatte sich die Gruppe das Gasthaus „Goldenes Rössle“ in Sinbronn ausgesucht.
Der Kopf der Gruppe ist Hubert Seiter aus Bietigheim-Bissingen. Vor 15 Jahren hat er das Projekt ins Leben gerufen. Das Ziel war, eine gemischte Gruppe zu bilden aus Menschen mit und ohne Handicaps. Ungefähr 50 zu 50 sollte das Verhältnis sein. Mit dabei sind Menschen mit Querschnittslähmung, Schlaganfall, Krebs oder auch psychischen Erkrankungen. Seiter und diejenigen, die ohne Handicap als Betreuer fungieren, waren beruflich in führenden Positionen bei der Deutschen Rentenversicherung oder in Kliniken tätig. Alle eint, dass sie mit dem Thema Rehabilitation vertraut sind. „Es macht richtig Spaß zu zeigen, dass wir heute wieder 60 Kilometer gefahren sind“, sagt der einstige Chef der Rentenversicherung Baden-Württemberg im Gespräch mit der FLZ. „Das Radfahren verbindet uns.“
Eine Woche lang müsse man miteinander durchhalten. Dabei lerne man auch alle Höhen und Tiefen kennen. Den Gedanken der Rehabilitation in die Bevölkerung zu bringen, nennt Seiter als eines der Ziele seiner inklusiven Radgruppe. Nach einem schweren Unfall eines Tages wieder am Arbeitsleben teilzunehmen – das ist das Fernziel. Dass dies, wenn überhaupt, oft nur mit großen Schwierigkeiten zu erreichen ist, wird im Gespräch mit den Betreuenden klar. Viele Unternehmen würden lieber einen finanziellen Ausgleich zahlen, als einen behinderten Mitarbeiter einstellen.
Dass der Weg zur beruflichen Reintegration beschwerlich ist, zeigt auch der Fall des einstigen Koma-Patienten Thomas Gensler. Nachdem er sich nach seinem schweren Unfall ins Leben zurückgekämpft hatte, begann er zunächst eine Ausbildung zum Technischen Zeichner. Doch nach wenigen Wochen habe sich gezeigt, das es nicht geht. Er wechselte zu den Bürokaufleuten, was sich ebenfalls als schwieriger Weg erwies.
Heute arbeitet der 39-Jährige auf dem ersten Arbeitsmarkt in der Patientenaufnahme der Frankenklinik in Bad Kissingen. „Wer könnte einen Patienten, der missgelaunt ist, weil er nicht funktioniert wie gewohnt, besser verstehen als ich?“ fragt Thomas Gensler. Und wirkt zufrieden.
Zu seiner positiven Ausstrahlung trägt gewiss auch die gute Stimmung in der Fahrradgruppe bei. Seit vielen Jahren ist er dabei. Anfangs war dies nur mit einem Dreirad möglich. Seit 2015 fährt er mit einem Mountainbike. An der Tour von Sinbronn nach Oettingen hat Thomas Gensler nur dies auszusetzen: dass Hubert Seiter keinen Stopp bei der Brauerei eingeplant hatte.